Cebit-Aus Endlich erlöst

Als Schüler begeisterte mich das neue Zubehör für Heimcomputer, als Journalist ein Flash-Speicher für 8000 Dollar. Doch bald war die Cebit nur noch ein Pflichttermin. Ein persönlicher Rückblick auf drei Jahrzehnte Computermesse.
Ein Messemitarbeiter sprayt Cebit Logos auf einen Gehweg

Ein Messemitarbeiter sprayt Cebit Logos auf einen Gehweg

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Die Cebit gibt es nicht mehr. Irgendwie fühlt sich das komisch an. Schließlich hat mich diese Messe - oder ich sie - fast mein ganzes halbwegs erwachsenes Leben begleitet. Wann genau ich zum ersten Mal in Hannover war, um staunend die neueste Technik zu bewundern, kann ich ehrlich gesagt nicht mehr rekonstruieren. Es muss Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein.

Ich war damals noch Schüler und die Cebit, damals noch das "Centrum für Büro- und Informationstechnik", riesengroß. Dabei fand sie sie nur in einer einzigen der vielen Hallen auf der Hannover Messe statt. Aber immerhin war es die größte Messehalle der Welt, samt Eintrag im Guinnessbuch.

Wir kamen für das C64-Zubehör

Eintritt bezahlen musste ich damals nicht. Mein Vater musste beruflich dorthin, hatte immer Freikarten, eine davon bekam stets ich. Die Fahrt von Hamburg nach Hannover hatte eine gewisse Routine. Egal ob wir mit dem eigenen Auto oder einem Firmenbus fuhren, dass wir im Stau stehen würden, war unumgänglich. Ganze Straßenzüge wurden in Hannover für die Messebesucher gesperrt, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Im Verkehrsfunk hieß das morgens "Maßnahme A wie Anfahrt" und abends "Maßnahme R wie Rückfahrt".

Es wollten eben alle zur Cebit. In besten Zeit wurden mehr als 800.000 Besucher auf das Messegelände geschleust. Dicke Menschentrauben bildeten sich um Aussteller, die neues Zubehör für Heimcomputer wie den C64 oder später den Atari ST und den Amiga feilboten.

An den Ständen der Hersteller von Lichtpausanlagen und Kopierstraßen tummelten sich Geschäftsleute auf der Jagd nach günstigen Vertragsabschlüssen. Klar, es war ja auch eine Business-Messe. Dass man nebenbei auf dem Freigelände riesige Kräne, Schaufelbagger und ähnliches Gerät bestaunen konnte, das zur Hannover Messe gehörte, trug zum Unterhaltungswert der Veranstaltung bei.

Die Unis hatten manchmal die sensationellsten Exponate

Untermalt wurde das Ganze vom zuverlässig unzuverlässigen Märzwetter in Hannover. Unvergessen ist beispielsweise die Schneekatastrophe von 1987. Damals versank das Messegelände unter einer gut einen Meter dicken Schneedecke.

Zudem war die Cebit damals noch eine Neuheitenmesse. So wichtig, dass beispielsweise 1989 Apples damaliger Europa-Chef Michael Spindler dort einen neuen Macintosh-Computer präsentierte , dem Mac IIcx. Von der Pressekonferenz bekam ich damals als Student nichts mit, die neuen Rechner aber konnte ich auf der Messe, die seit 1986 als eigene Veranstaltung abgehalten und immer größer wurde, trotzdem bewundern.

Das war es, was für mich den Charme der Messe ausmachte: Man konnte immer sicher sein, etwas Neues zu sehen, etwas Unerwartetes, Faszinierendes. Unterhaltsam waren oft auch die Streifzüge durch die Hallen der jeweiligen Partnerländer. So wie Russland 2007. Und ebenso wenig verzichtbar war ein zumindest kurzer Besuch in den Hallen der Forschungsinstitute und Universitäten. Dort waren oft die heimlichen Sensationen der Cebit versteckt.

Flash-Speicher für 8000 Dollar

Als ich - mittlerweile als Journalist - schließlich selbst beruflich zur Cebit musste - nein, eigentlich: durfte, war gute Planung essenziell, um an den Pressetagen keine Präsentation zu verpassen. Die Cebit war wichtig, hier wurde Revolutionäres präsentiert, etwa als Intel 2003 die Centrino-Technologie zeigte, die lange die Grundlage vieler Notebooks war.

So ging es noch etliche Jahre weiter. 2007 begeisterten mich in Hannover Flash-Festplatten, heute würde man SSDs sagen. damals noch mit maximal 160 GB Kapazität für lässige 8000 Dollar. Ein paar Jahre später wurde über Leihvideos aus dem Internet gesprochen, lange vor Amazon Prime Video, iTunes, Maxdome und Netflix. Einer meiner meistgelesenen Cebit-Texte handelt jedoch nicht von Technik, sondern von zwei jungen Frauen, die in einem Whirlpool sitzend Werbung für wasserdichte Handyüberzieher machten.

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Cebit-Jobs: Die Badenixen mit den Handy-Überziehern

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Diese Art der Produktwerbung blieb glücklicherweise ein Einzelfall. Die Veränderung der Messe hin zum Jahrmarkt war aber längst im Gange. Die großen unbelegten Freiflächen etwa nutzte Vodafone 2011 für eine Autorennstrecke, SAP baute sogar ein Riesenrad auf. Natürlich nur, um in den Gondeln bei langsamer Fahrt Geschäftsabschlüsse zu machen.

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Cebit: Kleine Roboter und große Augen

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Das war es dann auch, was mich 2011 dazu veranlasste, am Konzept der Messe zu zweifeln: Die Cebit hatte Volksfestcharakter, aber zu sehen gab es nichts mehr, zumindest nichts Spannendes. Ein Jahr später war es mit meiner Liebe für meine erste Computermesse schließlich aus und ich schrieb eine Art Abschiedsbrief.

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Cebit 2012: Tanzende Roboter

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Aber man sieht sich eben immer zweimal. Und als die Messegesellschaft ihr Konzept umkrempelte - man hatte ein paar Ausflüge zu den Konkurrenzveranstaltungen gemacht - fühlte ich mich geradezu genötigt, doch noch mal zu schauen, ob die alte Liebe wieder aufflammen würde. Doch von einer Reunion konnte man nun wirklich nicht sprechen.

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Rundgang: Die Cebit 2018

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Klar, der Termin im Sommer war klug gewählt, weit weg von CES in Las Vegas, Mobile World Congress in Barcelona und der Ifa in Berlin, und außerdem vergleichsweise wettersicher. Der Versuch, die alte Messe mit ein paar abendlichen Konzerten und Chill-out-Areas hip zu machen, war nett anzusehen, aber letztlich doch bloß alter Wein in neuen Schläuchen. Spannendes, Neuheiten gar, gab es auch auf der neuen, der letzten Cebit, nicht zu sehen.

Deshalb bin ich letztlich ganz froh: Mit ihrer Entscheidung, die Cebit einzudampfen, nimmt mir die Messegesellschaft die Entscheidung ab, ob ich nächstes Mal wieder hinfahren soll. Dafür danke ich ihr.

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