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05. Januar 2010, 14:56 Uhr

CES-Neuvorstellungen

Mit Vollgas ins Prozessoren-Chaos

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Flachrechner für Sofa-Surfer, ein Stromsparfahrrad für die Ökofraktion und Kamera-Skibrillen für Pistenteufel: Kurz vor Beginn der Unterhaltungselektronikmesse CES sind erste Highlights durchgesickert. SPIEGEL ONLINE zeigt die spannendsten Neuheiten - und die abgefahrensten Gadgets.

Alle warten auf Apples sagenumwobenen Tablet-Rechner. Alle? Nein, nicht ganz. Der Chiphersteller Freescale jedenfalls könnte Apple mit seinen Plänen für die CES die Show stehlen, ein bisschen wenigstens. Denn Freescale wird in Las Vegas das Referenzdesign für eine neue Kategorie von tragbaren Mini-Computern vorstellen, die klein, leicht und vor allem billig sein sollen. Der sofataugliche Flachrechener für kleines Geld ist nur eine von diversen interessanten Ankündigungen zwei Tage vor dem offiziellen Start der Consumer Electronics Show.

Als "Smartbook" bezeichnet Freescale die handliche Gerätegattung, der die Firma ihren Stempel auf ähnliche Weise aufdrücken will, wie Intel es bei den Netbooks gemacht hat. Freescales Bezeichnung hat allerdings ihre Tücken. Auf denselben Namen nämlich hat auch Qualcomm schon seine ganz ähnlich ausgerichteten Mini-Laptops getauft. Und das hatte bereits ein juristisches Nachspiel. Für den Begriff Smartbook nämlich hat sich längst die Kölner Smartbook AG die Markenrechte gesichert und gerichtlich bestätigt bekommen, dass dieser Name nicht mehr in Verbindung mit vergleichbaren fremden Produkten genannt werden darf. Ärger ist da absehbar.

Doch davon lässt sich das US-Unternehmen offenbar nicht bremsen und platziert sein Gerät mit Sieben-Zoll-Touchscreen als potentiellen Apple-Herausforderer. Nach Freescales Plänen soll das Gerät ab dem Sommer zu Preisen unter 200 Dollar verkauft werden. Apples angeblicher Tablet-Rechner soll dem Vernehmen nach das Vier- bis Fünffache kosten.

An der Ausstattung soll bei der bunten Konkurrenz trotzdem nicht gespart werden. Als Antrieb soll ein sparsamer Freescale-Chip dienen, W-Lan- und UMTS-Funktionen sollen integrierbar sein. Als Betriebssystem sollen Linux-Varianten oder Googles Linux-basiertes Chrome OS dienen. Damit will die Firma, so Freescale-Chef Henri Richard, "das fehlende Glied" zwischen Netbooks und Smartphones liefern - genau wie auch Qualcomm es vorhat. Und auch Qualcomm wird, ebenso wie nVidia, auf der CES neue Chips und Prototypen für das neue Marktsegment zeigen. Bleibt abzuwarten, ob daraus noch käufliche Produkte werden, bevor Apple sein bisher nur als Gerücht existierendes Tablet auf den Markt bringt.

Superschnelle Leichtbau-Laptops, neue Chips von Intel, abgefahrenes Skifahrerspielzeug und Ökoelektrofahrräder: Lesen sie alles über die Frühstarter von der CES in Las Vegas.

Frühstart für Notebooks

Sicher ist: Zur CES gibt es frische Notebooks. Dass viele Details der neuen Mobilrechner schon bekannt werden, bevor die Hersteller ihre Messe-Pressekonferenzen abgehalten haben, ist einigen übereifrigen Online-Händlern zuzuschreiben. Die haben die neuen Modelle teilweise bereits in ihr Sortiment aufgenommen, bevor die darin angebotenen Chips überhaupt offiziell angekündigt worden sind.

So bietet der kanadische Versandhändler Costco seit dem Wochenende ein Dell Inspiron Notebook an, in dem ein Intel Core-i3-Chip werkeln soll. Den aber wird Intel erst am Donnerstag offiziell vorstellen (mehr dazu weiter unten). Costco bezeichnet den Baustein entsprechend als "zukünftigen Core-i3-Prozessor" und weist darauf hin, dass das Notebook erst nach dem 17. Januar ausgeliefert wird.

Der US-Händler Logicbuy kündigt seinen Neuzugang, das HP Pavillion dv4i, dagegen nur mit einem "bald erhältlich" an - und knausert mit Eckdaten. Nur so viel ist klar: Der Bildschirm wird 14 Zoll Diagonale aufweisen, Webcam und Fingerabdruck-Lesegerät werden eingebaut sein. Außerdem werde der Laptop "höchstwahrscheinlich Intels neue CPU-Plattform" und Windows 7 nutzen. Klare Auskünfte sehen anders aus. Bestellen kann man den HP-Rechner trotzdem schon. 785 Dollar (550 Euro) soll der schicke Rechner kosten.

Lowcost-Leichtbau-Laptops für Profis

Viel offener geht dagegen Lenovo mit seinen Neuzugängen um. Wohl auch, um nicht im Messerummel unterzugehen, hat der Konzern Informationen über seine neuen Notebooks bereits jetzt durchsickern lassen. So zeigt die Firma mit dem X100, dass man professionelle ultraportable Notebooks schon für 500 Dollar (350 Euro) bauen kann.

Dabei verlässt sich Lenovo allerdings nicht auf Intel-Chips, sondern gibt AMD-Prozessoren den Vorzug. Die Kombination aus einem hochauflösenden 11,6-Zoll-Display, einer vollwertigen Tastatur und einem Multitouch-Touchpad könnte genau das sein, worauf viele berufliche Anwender gewartet haben: ein leichter Profi-Laptop oberhalb des Netbook-Segments, für das man nicht die sonst üblichen vierstelligen Summen anlegen muss.

In eine ähnliche Richtung zielt ganz offensichtlich auch Lenovos Edge. Bei diesem 13,3-Zoll-Modell hat man allerdings die Wahl zwischen AMD- und Intel-Chips, bekommt ebenfalls eine volle ThinkPad-Tastatur und kann bei den Netzwerkfähigkeiten aus Gigabit-Ethernet, schnellem W-Lan, Bluetooth und WiMAX auswählen. Wer mag, bekommt auch einen GPS-Chip eingebaut und kann seinen Fernseher per HDMI anstöpseln. Die Akkulaufzeit gibt der Hersteller mit üppigen 7,8 Stunden an. Ab 550 Dollar (385 Euro) ist das Edge zu haben, inklusive spritzwassergeschützter Tastatur, falls der Kaffee mal umkippt.

Abgefahrenes Spielzeug für Abfahrten - die Digicam-Skibrille

Was nützt einem das ganze Herumgeturne auf der Skipiste, wenn einem die Freunde bei Apres-Ski nicht glauben, welch wahnwitzige Kunststücke man da vollführt hat? So oder ähnlich muss die Motivation der Entwickler von Liquid Image ausgesehen haben, als sie die Skibrille Melski erdachten. Die sieht zwar auf den ersten Blick fast genau so aus wie jede andere Skibrille, aber eben nur auf den ersten.

Denn in das Brillengehäuse ist eine Fünf-Megapixel-Digitalkamera eingebaut, mit der man unterwegs entweder Schnappschüsse oder gleich ganze Videos mit einer Auflösung von 720 x 480 Pixeln machen kann. Gesteuert wird die Brillenkamera über extragroße Knöpfe an der Seite, die auch mit dicken Handschuhen noch bedienbar sein sollen.

Für alle, die sich lieber unter Wasser statt im Schnee austoben, bietet der Hersteller ganz ähnliche Geräte als Taucherbrillen an.

Neue Intel-Chips für mehr Speed aus weniger Strom

Chiphersteller Intel öffnet zur CES sein Füllhorn und lässt es förmlich Prozessoren regnen. Elf neue Mobil-Chips und sieben Prozessoren für Desktop-Rechner stellt das Unternehmen in Las Vegas vor. Dabei brechen für den Weltmarktführer neue Zeiten an. Erstmals baut Intel in seine Prozessoren Grafikchips mit ein. Möglich macht's eine neue Technik, mit der die Bauteile auf den Prozessoren noch kleiner als bisher gemacht werden können. Nur noch 32 Nanometer sind die Leiterbahnen breit, ermöglichen es so, noch mehr Transistoren und elektronische Schaltungen auf einem Chip zu vereinen. Zum Vergleich: Küchen-Alufolie ist ca. 10.000 Nanometer dick, das Haar eines Europäers bringt es auf durchschnittlich 50.000 Nanometer.

Diesen Kleinst-Prozessor verbindet Intel mit einem Grafikchip zu einem einzigen Baustein, der im Computer weniger Platz einnehmen soll als die bisherigen, getrennt aufgebauten Modelle. Ersten Tests zufolge scheint das gut gelungen zu sein. Offenbar können die neuen Chips, obwohl sie nur zwei Rechenkerne aufweisen, sogar etwas ältere Vierkern-Prozessoren locker abhängen. Wichtig dabei: Trotz der Mehrleistung verbrauchen die neuen tatsächlich deutlich weniger Strom als ihre Vorgänger. PC-Hersteller können das ausnutzen, um kleinere, leisere Computer zu bauen.

Gamer brauchen weiterhin eine Grafikkarte

Den Makel, keine vernünftigen Grafikchips bauen zu können, wird Intel aber auch mit der neuen Serie nicht los. Zwar taugen die integrierten Grafikeinheiten durchaus für Multimedia-Anwendungen, können also beispielsweise HD-Videos ruckelfrei auf den Bildschirm ausgeben. Bei modernen Spielen aber versagen sie kläglich. Dazu kommt, dass Intel es seinen Kunden mit den neuen Produktbezeichnungen nicht gerade leichtmacht, sich im Prozessorendschungel zurechtzufinden. Sie lassen sich zwar grob in die Kategorien Core i3, i5 und i7 einfügen, werden dann aber mit Zahlen- und Buchstabenkombinationen voneinander getrennt, die Otto Normalverbraucher kaum wird verstehen können. So gibt es einen i7-620M, eine i7-620UM und einen i7-620LM, die alle ähnlich scheinen, sich in Leistung und Preis deutlich unterscheiden.

Grob kann man die neuen Chips in vier Kategorien einordnen:

- Die Atom-Chips: Sie heißen N450, D410 und D510, sind klein, stromsparend und leistungsschwach, eigenen sich für Netbooks und Nettops.

- Die Core i3-Serie: Dies ist der Einstieg in die neue Intel-Technik. Die Notebook-Version läuft mit maximal 2,26 GHz, die Desktop-Variante mit 3,06 GHz.

- Die Core-i5-Serie: Intels neue Mittelklasse kann ihre Leistung per Turboboost steigern. Dazu wird, wenn nur ein CPU-Kern benötigt wird, dessen Taktfrequenz um einige hundert Megahertz erhöht. Am Desktop ist bei 3,46 GHz Schluss (3,73 GHz mit Turboboost), Notebooks takten mit bis zu 2,53 GHz (3,06 GHz mit Turboboost). Es gibt aber auch eine besonders sparsame Version für ultraleichte Notebooks, den 1,06 GHz schnellen i5-520UM.

- Die Core-i7-Serie: Hier kommen die neuen Notebook-Chips mit bis zu 2,66 GHz (3,33 GHz mit Turboboost). Besonders spannend: der Core-i7-620UM, ein mit 1,06 GHZ und einer Stromaufnahme von 18 Watt sehr sparsamer Chip, der bei Bedarf auf bis zu 2,16 GHz aufdreht.

Das E-Bike - bremsen für die Umwelt

Sanyos Marketing-Manager haben ganz offensichtlich kein gutes Gespür für eingängige Namen. Ihr aktuelles Elektrofahrrad bezeichnen sie als CY-SPA600NA oder "Synergetic Hybrid Bicycle", beides Bezeichnungen, die man nicht gerade eingängig nennen kann. Immerhin steht auf dem Rahmen der eigentliche Name des Rades: "eneloop bike", das geht schon besser über die Lippen.

Schon vor Messebeginn wurde das Zweirad mit dem "International CES Innovations 2010 Design and Engineering Award" ausgezeichnet. Am nicht gerade futuristischen Look des Fahrrads kann das nicht gelegen haben, der Grund für die Auszeichnung ist der Technik geschuldet.

Die zeichnet sich tatsächlich dadurch aus, dass sie für ein Elektrofahrrad ausgesprochen ausgeklügelt ist. Während nämlich die meisten E-Räder schwachbeinigen Radlern einfach zusätzlichen Schub verleihen, geht Sanyos Strom-Bike intelligenter zur Sache. Im Automatik-Modus dosiert es die Kraft seines Elektromotors immer genau so, dass man sich nicht sonderlich anstrengen muss.

Zusätzlich aber - und das ist das Highlight - nutzt Sanyos Fahrrad Bergabfahrten und Bremsvorgänge, um seinen Akku aufzuladen. Laut Hersteller sollen dadurch Reichweite und Ausdauer des Elektroantriebs im Vergleich zu Standard-Elektro-Rädern deutlich erhöht werden. Wie deutlich, das hat Sanyo allerdings nicht in Zahlen gefasst. Beim Preis sieht das allerdings anders aus: 2300 Dollar, rund 1600 Euro, kostet der elektrische Fahrspaß.

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