Verrückte Fahrzeuge auf dem Hackercamp Motorisierte Sessel und rasende Bobbycars

Selbstgebaute E-Scooter, ein autonom fahrendes Dreirad und ein Sitzmöbel, das es auf 40 km/h bringt: Auf dem Sommercamp des Chaos Computer Clubs zeigen Hacker ihre gebastelten Flitzer - auf Reifen und auf Schienen.

Thorsten Schröder CC-BY 2.0

Von , Zehdenick


Die Fahrt ist mit dem Elektro-Triebwagen 42 ist holprig: Die provisorischen Bänke schaukeln bedenklich, nur ein paar Zentimeter unter unseren Füßen rattern die Schienen, es gibt weder Sicherheitsbügel noch Gurt an diesem Zug. Auch keine Wände und kein Dach.

Wir sitzen zu sechst lediglich auf ein paar Brettern, so in Form gezimmert, dass sie Sitzen ähneln. Ein Mann in der hinteren Reihe bedient Gas und Bremse, und wenn eine besonders scharfe Kurve oder eine Erhebung kommt, müssen zwei von uns absteigen und die Bahn ein bisschen anschieben. Auf gerader Strecke werden wir dafür so schnell, dass wir uns festhalten müssen - und manchmal schlucken.

Der selbstgebaute ET 42 in Aktion
Thorsten Schröder CC-BY 2.0

Der selbstgebaute ET 42 in Aktion

Eine Gruppe von Hackern aus Bochum hat den sogenannten ET-42 gebaut. Es ist eines von den vielen selbstgebauten Schienenfahrzeugen, die in diesen Tagen über das Sommercamp des Chaos Computer Clubs düsen. Denn Hacker basteln und bauen nun gern, und zwar auch fahrbare Untersätze. Seltene Spezialfahrzeuge gehören zu einem Hackercamp ebenso wie Laptops oder Funkgeräte. Sei es als Deko, Schlafplatz, Transporter - oder einfach nur als schnelles Spielzeug.

Besonderes Transportfahrzeug auf dem Chaos Communication Camp
Thorsten Schröder CC-BY 2.0

Besonderes Transportfahrzeug auf dem Chaos Communication Camp

Da trifft es sich gut, dass es auf dem Museumsgelände im alten Ziegeleipark sogar Schienen zu bespielen gibt. Ein paar Teilnehmer haben ihre eigene Lok aus dem Eisenbahnmuseum Aumühle mitgebracht. Andere besaßen keine eigene Lokomotive und mussten sich deshalb selbst eine konstruieren.

Sehen Sie eine Auswahl der selbstgebauten Fahrzeuge vom Sommercamp der Hacker in unserer Fotostrecke:

Fotostrecke

18  Bilder
CCCamp 2019: Das sind die verrückten Fahrzeuge vom Hackercamp

Allein die Bochumer Gruppe aus dem Hackerspace "Das Labor" hat drei Gefährte gebastelt, aus Türblättern, einer Euro-Palette oder Getränkekisten sowie je einem Motor und etwas Elektronik. Und damit düsen sie nun über die Schienen, auf denen im alten Ziegeleipark Mildenberg sonst die Museumsbahn die Besucher übers Gelände fährt.

Ein weiteres Fahrzeug auf dem CCCamp: Die Cyberwehr
Thorsten Schröder CC-BY 2.0

Ein weiteres Fahrzeug auf dem CCCamp: Die Cyberwehr

Nicht nur auf den Schienen heizen verrückte Fahrzeuge durchs Hackercamp: Ab und an flitzt ein 30 km/h schnelles Bobby-Car vorbei, mal mit, mal ohne Fahrer. Eine Gruppe betreibt das Projekt "Moving objects" und motorisiert so ziemlich alles: Sessel, Kisten, Bobbycars. "Wir bauen gern alte Hoverboards um", sagt der Student Niklas Fauth aus Karlsruhe. "Die waren um das Jahr 2014 herum das Weihnachtsgeschenk schlechthin. Inzwischen sind viele defekt und werden deshalb günstig verkauft." Er und sein Freund Jan-Henrik Hemsing hauchen ihnen dann neues Leben ein, zum Beispiel als Antrieb für Bobby-Cars oder eine moderne Seifenkiste (siehe Fotostrecke).

Die dürfen in Deutschland allerdings nur auf Privatgrundstücken fahren - anders als in Österreich: Dort baut der Informatikstudent Peter Pötzi am liebsten Bobbycars um: "In Österreich darf 'fahrzeugähnliches Spielzeug' nämlich auf dem Gehsteig fahren. Ich konnte in Graz deshalb schon ein paar hundert Kilometer auf den Bobbycars fahren."

Einige Fahrzeuge auf dem Hackercamp dienen unter anderem dem Spiel oder der Dekoration
Thorsten Schröder CC-BY 2.0

Einige Fahrzeuge auf dem Hackercamp dienen unter anderem dem Spiel oder der Dekoration

Davon können Fauth und Hemsing in Deutschland nur träumen. So wie von einem ganz bestimmten Projekt: "Wir würden gern mal so einen Schaukelautomaten umbauen und motorisieren, also diese Dinger, die oft vor Supermärkten stehen", sagt Hemsing. Allerdings seien die schwer zu bekommen und dann auch ziemlich teuer.



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intercooler61 25.08.2019
1. Felix Austria!
Beim "fahrzeugähnlichen Spielzeug" würde ich eine liberalere Lösung wie in AT sehr begrüßen. In der Verbotsrepublik DE darf man sowas de iure noch nicht mal in weitflächigen Parks benutzen. Dabei sind die Dinger für Fußgänger viel ungefährlicher als ein Kinderfahrrad und auch als ein Tretmobil (Go-Kart): Weiche, glattflächige PVC-Karosse, max. 3-6 km/h, optionale Fernsteuerung und Notstopp mit max. 20 cm Bremsweg durch die begleitende "Boxenmannschaft". Falls deswegen mal jemand Ärger macht (bisher noch nicht vorgekommen), werde ich es als E-Kinderkarre deklarieren, was es de facto ja ist. Selbstredend ist der körperlichen Entwicklung höchster Wert beizumessen, d.h., sowas sollte niemals das einzige Gefährt in Junior's Fuhrpark sein. ps: Für umweltpädagogisch besorgte Bürger gibt es dergleichen auch als i8. (Mein Sohn bevorzugt AMG; seiner ist allerdings auch ein 100%iges BEV - ohne Lithium, übrigens.)
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