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28. Februar 2011, 16:06 Uhr

Computermesse Cebit

Willkommen im Wolkenkuckucksheim!

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Mehr als 300.000 Besucher erwartet Hannover zur Computermesse Cebit. Von 3-D-Welten über Roboter bis zu Sicherheitssoftware präsentieren IT-Aussteller ihre neuesten Erfindungen - wichtigstes Thema in diesem Jahr: Cloud Computing.

Verglichen mit der Cebit wirken andere Hightech-Messen mickrig. Hört sich vermessen an, ist aber so. Zum Vergleich: Das Jahrestreffen der Handy-Branche, der Mobile World Congress, zog im Februar mehr Besucher an als erwartet. Fast 60.000 Menschen wanderten über das von 1400 Ausstellern besiedelte Messegelände in Barcelona. Mehr als doppelt so viel Anziehungskraft hatte die Consumer Electronics Show (CES), in der Wüstenstadt Las Vegas. Sensationelle 140.000 Gäste kamen, um die Exponate von 2700 Firmen und Organisationen anzuschauen.

Doch verglichen mit der Cebit sind das geradezu Peanuts. Ihren Besucherrekord erreichte die Messe in Hannover im Jahr 2001 mit 830.000 Gästen. Das sind Zahlen, die manchem Fachbesucher aus den USA erstaunt die Luft aus den Lungen entweichen lassen. Dort wird die CES von vielen als größte Computermesse der Welt angesehen - und wer weiß, vielleicht wird sie das auch einmal, denn seit 2001 hat die Popularität der weltgrößten Computermesse Cebit drastisch nachgelassen. Die Cebit änderte ihre Ausrichtung mehrfach, wollte mehr Fachbesucher anlocken und schraubte die Eintrittspreise hoch. Eines der Resultate dieser Entwicklung: Für 2011 erwarten die Veranstalter 330.000 Gäste bei 4200 Ausstellern. Immerhin mehr als doppelt so viele Besucher wie bei der CES, aber eben weit entfernt von einstigen Rekorden.

Eines aber ist über die Jahre gleich geblieben: die feierliche Eröffnung der Computermesse mit Politik-Prominenz. An diesem Montagabend wird Bundeskanzlerin Merkel die Messe offiziell eröffnen, bevor am Dienstagmorgen tatsächlich der erste Messetag beginnt. An ihrer Seite wird dabei der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als Vertreter des Partnerlandes Türkei stehen. Aber welche technischen Neuheiten bringt die Cebit?

Lesen Sie hier, warum wir künftig alle abheben, wie die dritte Dimension nicht nur das Wohnzimmer erobert und was es mit den vier Säulen der Cebit auf sich hat:

Wer will in die Wolke?

Neben der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre ist der Schlingerkurs der Cebit für ihre nachlassende Popularität verantwortlich. Professioneller sollte die Messe werden, mehr Fachpublikum anlocken. Vor einigen Jahren wies die Messegesellschaft den Aussteller Sony sogar an, eine Playstation vom Messestand zu entfernen. Die Cebit sollte für solchen Daddelkram kein Forum sein. Davon ist heute keine Rede mehr. Stattdessen versucht man längst wieder, das Massenpublikum anzulocken. In diesem Jahr mit einem Bandwettbewerb und einem Computerspiele-Turnier.

Über die staubtrockenen Themen, die zum Messetrend erkoren wurden, kann das aber kaum hinwegtrösten. "Work And Life With the Cloud", "Leben und arbeiten mit der Wolke" heißt das Top-Thema der Messe. Es soll also um den Trend gehen, dass Dienste, Speicherplatz und Software in der Wolke ablaufen, statt auf dem eigenen Computer. Der dient mit seinem Webbrowser nur noch als Fenster zu jener nebulösen Datenwolke. Eigentlich ein spannendes Thema, schließlich haben fast alle Computer-Nutzer schon Bekanntschaft mit Cloud-Diensten gemacht, ohne das notwendigerweise zu wissen. Einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom zufolge kennt nur jeder achte Internetnutzer überhaupt diesen Begriff. Und das, obwohl viele von ihnen Cloud-Angebote wie Google Mail, Last.FM und Dropbox längst nutzen.

Auf der Cebit-Website wird mit Blick auf Cloud Computing aber unnötig verschwurbelt von Wachstumstreibern und Zukunftsmärkten, von "IaaS" (Infrastructure as a Service) , "Paas" (Platform as a Service) und "SaaS" (Software as a Service) gesprochen. Lust auf mehr macht das nicht. Dabei hätten es Anbieter von Cloud-Services dringend nötig, besser über ihre Angebote zu informieren, wie eine Umfrage im Auftrag des Branchenverbands Bitkom ergab. Demnach fürchten 21 Prozent der Befragten Datenverluste bei Cloud Computing, eine Sorge, die durch Googles Mail-Desaster vom Wochenende bestätigt worden zu sein scheint. Weitere 20 Prozent verweigern sich Cloud-Diensten zudem, weil sie Bedenken wegen des Datenschutzes haben. Der von der Cebit so fluffig angepriesene "Megatrend der IKT-Branche", ist also, zumindest bei Otto-Normal-User, noch reichlich dunkel umwölkt.

Auf zu neuen 3-D-Welten

Spannender, weil greif-, wenn auch nicht anfassbar, dürfte dagegen das Trendthema 3D sein. In einem Bereich zwischen den Hallen 5 und 6 sollen aktuelle Entwicklungen zur Stereoskopie, also zum räumlichen Darstellen von Bildern und Filmen, zusammengefasst sein. Damit greift die Messe geschickt ein Thema auf, das derzeit tatsächlich viele Menschen bewegen dürfte. Getrieben freilich von der simplen Frage: Kaufe ich mir einen 3-D-Fernseher oder nicht?

Eine Antwort auf diese Frage wird die "Next level 3D" genannte Ausstellung nicht bieten können, dafür aber Einblick geben, wie und wo 3D schon oder bald genutzt wird. Etwa in einem Cyber-Classroom, einem virtuellen Klassenzimmer, in dem der Lehrer im Chemieunterricht schon mal Molekülmodelle durch den Raum wabern lassen kann. Hauptanziehungspunkt wird aber wohl eher das 3-D-Kino sein. Auch wenn dort nur Trailer und kurze Animationen gezeigt werden, ein bisschen Rummelplatz kommt auf Messen immer gut an.

Die vier Säulen der Cebit 2011

Um es Fach- und Privatbesuchern leichter zu machen, sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten, ist die Messe jetzt klar in vier Bereiche gegliedert worden:

Cebit pro

Auf dem Geländeplan blau markiert ist alles, was der "Cebit pro" zugerechnet wird. Hier werden Themen wie "Enterprise Resource Planning" und "Machine-to-Machine Communication" ausführlich in zwölf Hallen präsentiert. Das meiste davon kann man als Normalbesucher geflissentlich ignorieren.

Gelegentlich finden sich aber auch in den Business-Hallen Themen, die für Normalos interessant sein könnten. So zum Beispiel in Halle 11, wo sich Interessierte über Anti-Viren-Software und biometrische Sicherheitssysteme informieren können. Vor allem aber in den Hallen 14 bis 17, in denen man in Handy-Zubehör, PC-Bauteilen und allerlei anderem Computer-Beiwerk schwelgen kann - wenn man sich dafür begeistert.

Cebit gov

Ähnlich sieht es in der gelb markierten Abteilung "Cebit gov" aus. Man muss sich schon für die Themen interessieren, die hier gezeigt werden, zufällig wird und sollte hier kaum jemand vorbeikommen. Dabei könnte gerade die Halle 8, in der es um Telemedizin und eHealth geht, einige spannende Exponate hervorbringen, medizinische Roboter etwa.

Cebit lab

In den rot auf dem Geländeplan gekennzeichneten Hallen 8 und 9 tummeln sich Wissenschaftler, Universitäten und Start-up-Unternehmen. Auch hier sind viele Themen staubtrocken - aber eben nicht alle. Ein Fixpunkt auf jedem Messerundgang sollten beispielsweise die Stände der Fraunhofer-Institute sein, die hier mit oft beeindruckenden Exponaten ihre aktuellen Forschungsprojekte präsentieren und bewerben. Und die sind oft praxisnäher als man glaubt, etwa, wenn es um besseren Klang im Auto geht, um neue 3-D-Technologien oder um das Badezimmer der Zukunft.

Cebit life

Mit einem freundlichen Grün ist auf dem Messegelände alles markiert, was speziell für Privatanwender aufgebaut wurde - und das findet fast ausschließlich in Halle 19 statt. Hier findet man Themen wie "Home Entertainment" und "Home Automation", Computertechnik für Sportler, aber eben auch die richtigen Publikumsthemen wie Tablet-Computer, Smartphone-Apps, Navigation und PC-Spiele. Garniert wird das Ganze von der "Cebit Sounds", einer kleinen Sonderausstellung, bei der es logischerweise und Popmusik geht - inklusive Bandwettbewerb. Da bleibt abzuwarten, welchen Einfluss diese Veranstaltung auf den Lärmpegel im Rest der Halle haben wird.

Nebenan jedenfalls, in Halle 23, wird es vergleichsweise leise zugehen, denn hier tragen die Akteure Kopfhörer. Hier treten eSportler fünf Tage lang in einem Computerspiel-Turnier gegeneinander an. Gespielt werden unter anderem "Counter-Strike", "Starcraft II" und "Quake". Die Geräuschkulisse werden dabei Moderatoren liefern, die das jeweils laufende Spiel ganz ähnlich kommentieren, wie man es von Fußball- oder Tennisübertragungen gewohnt ist. Wer das nicht kennt, sollte zumindest einen Blick in diese Welt riskieren.

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