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Die neuen iPods Video-Pod vs. Abspeck-Player

Wie weit kann man Miniaturisierung treiben? Zu weit, findet Matthias Kremp, nachdem er Apples neue iPods ausprobiert hat. Denn während der iPod touch immer mehr zum iPhone wird, hat der Konzern den iPod nano fast verhunzt.

Als 2001 der erste iPod in die Läden kam, fragten Kritiker verwundert, wieso Apple plötzlich MP3-Player verkaufen wolle und ob eine Computer-Company so was überhaupt kann. Mittlerweile, 275 Millionen iPods später, sind diese Zweifel längst Geschichte. Jedes Jahr im Herbst stellt Apple neue Modelle vor, jedes Jahr haben diese ein paar neue Funktionen und jedes Jahr werden sie zu Bestsellern. Diesmal aber ist alles etwas anders. Statt moderater Modellpflege hat Apple bei den neuen iPods kaum etwas so belassen wie es war - und die Geräte teilweise gleichzeitig auf- und abgewertet.

Einzig den iPod classic haben Apples Entwickler nicht angerührt. Der letzte verbliebene iPod mit rotierender Festplatte führt ein Nischendasein. Zwar übertrifft er seine Mitspieler bezüglich des Speicherplatzes um Längen, kann dafür aber nicht mit hippen In-Features wie einem Touchscreen oder einer Kamera aufwarten. Der iPod classic ist das Modell für Pragmatiker, die nur möglichst viel Musik unterbringen wollen und auf Spielereien verzichten können.

Aus technischer Sicht nur maßvoll verändert ist der neue iPod shuffle. Er ist jetzt fast quadratisch, seine bildschirmlose Front wird von einem großen Tastenfeld ausgefüllt, mit dem man schnell, einhändig und zur Not auch blind klarkommt, ein großer Vorteil gegenüber dem tastenlosen Vorgänger. Die funktionell wichtigsten Neuerungen dürften sein, dass er jetzt auch Wiedergabelisten abspielen kann und dass es ihn nur noch in einer einzigen Version, mit zwei GB Speicher, gibt.

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Shuffle, Nano und Touch: Das sind die neuen iPods

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Das sieht beim iPod nano vollkommen anders aus. Ob man dieses Modell noch als Upgrade bezeichnen kann, hängt von der Sichtweise ab. Funktionell wurde er deutlich abgespeckt. Das Display ist wie der gesamte Player kleiner geworden, die Videokamera wurde gestrichen, Videos kann der geschrumpfte iPod nano nicht mehr abspielen.

Und das ist vielleicht auch besser so, denn auf dem quadratischen, nur vier Zentimeter messenden Bildschirm haben es schon Fotos schwer. Es gibt nur eine Vergrößerungsstufe, und selbst die reicht nicht aus, um signifikante Details hervorzuholen. Die 240 x 240 Pixel des Displays reichen einfach nicht aus. Immerhin verwöhnt der Mini-Bildschirm mit brillanten Farben und Kontrasten. Für Plattencover reicht das.

Vor allem aber ist der Bildschirm - total trendy - ein Touchscreen. Allerdings gibt nur eine einzige Zweifingergeste, die dazu dient, den Bildschirminhalt zu drehen, wenn der iPod nano schief am Revers hängt. Ansonsten wird auf dem Display nur mit einem Finger gestrichen und getippt. Trotzdem braucht man meist beide Hände, um den Player zu steuern, weil es nur mit Verrenkungen möglich ist, gleichzeitig das Aluminiumgehäuse in der Handfläche zu halten und mit dem Daumen die richtigen Elemente auf dem Bildschirm zu treffen. Da war die Vorgängergeneration ergonomisch sinnvoller gestaltet.

iPod touch

Da ist man froh, dass sich beim iPod touch, dem iPod mit dem Haben-wollen-Effekt, auf den ersten Blick kaum etwas getan hat. Er macht erst einmal den Eindruck, als wäre er ein iPhone 4 nach einer heftigen Fettabsaugung. Lächerliche 7,2 Millimeter ist der iPod touch jetzt dünn, auf der Rückseite noch ebenso abgerundet wie sein Vorgänger. So liegt er gut in der Hand und flutscht mühelos in jede noch so enge Tasche. Sein Display entspricht dem des iPhone 4, löst sagenhafte 960 x 640 Pixel auf und strahlt auch bei Sonnenlicht hell genug.

Bilder oder Videos angucken, Spielen, im Web surfen, für all das ist er damit bestens gerüstet. Ins Stocken kommt der iPod touch während des Tests kein einziges Mal, weder bei 3D-Games noch bei Videos und schon gar nicht beim Websurfen. Offenbar hat sein A4-Prozessor die nötigen Reserven. Laut iFixit  ist es das gleiche Modell wie im iPad. Demnach ist der Arbeitspeicher des iPod touch mit 256 MB aber nur halb so groß wie der des iPhone 4. Aus aktueller Sicht ist das kein großer Nachteil, könnte aber angesichts immer speicherhungriger Spiele zum Problem werden, glaubt fscklog . Eine schwerverständliche Sparmaßnahme, zumal Apple den iPod touch durch das neue Game Center, einem Online-Tummelplatz für Gamer, noch stärker als bisher als mobile Spielkonsole positioniert.

Wie wichtig ist ein Touchscreen?

Und auch zum Camcorder wird der iPod touch in der neuen Version - sogar zweifach. Kamera Nummer eins zeichnet Videos in der HD-Auflösung 720p auf. Deren Qualität entspricht in etwa dem, was man vom bisherigen iPod nano kannte. Keine Profi-Qualität also, aber prima geeignet, um launige Schnappschussvideos zu machen.

Wer allerdings erwartet hatte, Apple würde dieselbe Kamera wie beim iPhone 4 in den iPod touch einbauen, wird enttäuscht. Standbilder nimmt die Kamera nur mit 960 x 720 Bildpunkten auf, gerade genug für Schnappschüsse. Die zum Anwender gerichtete Kamera Nummer zwei dagegen scheint der Frontkamera des iPhone zu entsprechen. Mit ihren 640 x 480 Bildpunkten besteht ihre primäre Aufgabe darin, Facetime-Gespräche, also Videotelefonate, zu ermöglichen - und dafür reicht sie allemal aus.

Und Facetime macht mit dem iPod touch richtig Spaß, worüber sich auch iPhone-4-Besitzer freuen dürften. Konnten die nämlich bisher nur untereinander Videofonieren, dürfen sie jetzt auch die iPod-touch-Besitzer in ihr Telefonbuch aufnehmen. Die allerdings sind - weil der iPod touch ja kein Telefon ist - nicht per Telefonnummer, sondern per E-Mail-Adresse erreichbar. Im Test klappte das prima und es ließen sich problemlos Gespräche in beide Richtungen aufbauen. Allerdings nur, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt waren: iPhone und iPod mussten beide in W-Lan-Netze eingebucht sein und das iPhone musste zuvor auf die iOS-Version 4.1 aufgerüstet werden.

Mit dem iPod touch also ist Apple ein fast rundum gelungener Nachfolger gelungen, nach dem sich Spielkinder und iPod-Fans die Finger lecken werden. Einzig die maue Auflösung bei Standbildern hinterlässt ein leichtes Grummeln im Bauch. Das allerdings, ist beim iPod nano viel deutlicher ausgeprägt. Um ihn zu mögen, muss man Touchscreens lieben - und zwar über alles.

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