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02. April 2019, 08:47 Uhr

Billig, aber unfair?

Diese Probleme drohen beim Gadget-Kauf in China

Von "c't"-Autor Christof Windeck

Manches elektronische Bauteil oder Gadget findet man nur in chinesischen Onlineshops. Doch wer dort einkauft, geht Risiken ein. Manchmal bleiben auch Umweltschutz und Fairness auf der Strecke.

Viele Elektronikbastler bestellen Bauteile direkt in China via Amazon Marketplace, eBay, AliExpress, Gearbest, Banggood oder Wish.com. Asiatische Direktversender sind vor allem aus zwei Gründen attraktiv: Erstens verkaufen sie vieles billiger, und zweitens bieten sie einige Komponenten feil, die man bei hiesigen Versandhändlern nicht findet.

Doch der direkte Einkauf in Fernost geht mit besonderen Risiken einher, darunter unerwartete Zusatzkosten, lange Lieferzeiten und sogar der komplette Verlust der Ware. Außerdem verhalten sich manche Anbieter unfair: Sie umgehen Steuern und Abgaben, zu denen hiesige Händler verpflichtet sind. Daher sollte man sich vor dem Kauf in asiatischen Onlineshops gut informieren und verantwortungsvoll entscheiden.

Pauschale Unterstellungen helfen dabei nicht weiter. Viele Direktversender leisten ordentliche Arbeit: gute Produktbeschreibungen, prompte Antwort auf Rückfragen, korrekte Deklaration der Ware, Hilfestellung bei der Lösung von Problemen. Doch es gibt auch viele nachgewiesene Fälle von Betrug, Produktfälschungen sowie verbotenen, giftigen und sogar tödlich gefährlichen Produkten von Direktversendern aus China.

Die Billig-Tricks

Es gibt mehrere legale, unproblematische Gründe, weshalb chinesische Direktversender ein Produkt billiger anbieten können als ein Händler in der EU. Der China-Shop sitzt nahe beim Produzenten seiner Ware und kommt womöglich ohne Zwischenhändler aus, manche Shops gehören dem Hersteller selbst oder sie profitieren von hohen Rabatten, weil sie große Mengen eines Produktes absetzen. Außerdem zahlen Händler in vielen asiatischen Ländern ihrem Personal sehr viel niedrigere Löhne als etwa eine deutsche Firma.

Eigentlich würde man erwarten, dass bei der Lieferung direkt aus China hohe Versandkosten anfallen. Doch das ist offensichtlich nicht der Fall - ganz anders als in Gegenrichtung. Wegen der hohen Versandkosten nach China wird kaum ein Käufer aus Europa ein defektes Gerät zur Reparatur zurücksenden. Das senkt wiederum die Kosten für den Händler: Er spart Geld für qualifiziertes Personal für Reparaturen, für Werkstattmieten und Ersatzteillager. Bei Reklamationen verhandeln manche chinesische Händler mit ihren Kunden und bieten eine (teilweise) Rückerstattung des Kaufpreises an, um Rücksendungen zu vermeiden.

Auch andere Kosten dürften in China niedriger ausfallen, etwa Mieten für Büros und Lagerräume. Pflichten zur Buchführung und zur Dokumentation lassen sich wohl ebenfalls billiger erfüllen. Weil kein deutscher Kaufvertrag besteht, gilt auch die 24-monatige Gewährleistungsfrist nicht. Dafür müssen die Händler also auch keine Rücklagen bilden. Sie müssen außerdem nicht befürchten, dass sie von einem Konkurrenten abgemahnt werden, weil sie gegen komplizierte EU-Vorschriften zur Dokumentation und zum Angebot von Produkten verstoßen. Kurzum: Der Geschäftsbetrieb läuft viel billiger als bei deutschen Händlern.

Häufig kommen aber auch illegale Tricks zum Einsatz, um Kosten zu drücken: Die folgende Liste zeigt eine Auswahl davon:

Viele dieser Einsparungen wirken sich nicht unmittelbar nachteilig auf das Produkt beziehungsweise auf den Käufer aus. Einige der Tricks allerdings schon - etwa der Einsatz minderwertiger Bauteile -, manche sind sogar lebensgefährlich.

Klar illegal ist es, die Mehrwertsteuer zu umgehen, die beim Import von Waren aus Nicht-EU-Ländern Einfuhrumsatzsteuer (EUSt) heißt. Die Steuerbehörden haben zwar Regelungen verschärft, doch diese zielen vor allem auf Zwischenhändler wie Amazon. Bei Plattformen wie AliExpress und Wish.com, die selbst im Ausland sitzen, greifen sie nicht. Hier sind weiterhin viele Händler nicht als Umsatzsteuerzahler registriert oder versuchen, den Zoll auszutricksen.

So deklarieren sie etwa den Warenwert falsch, um unter der Bagatellgrenze von 22 Euro zu bleiben. Manche versenden via Großbritannien, wo diese Grenze noch höher liegt, nämlich bei 39 Pfund - aber dieser Weg könnte mit dem Brexit wegfallen.

Auch an den Kosten zur Entsorgung von Elektronikschrott beteiligen sich viele ausländische Direktversender nicht - anders als deutsche Händler, denen der Gesetzgeber Beiträge über die Stiftung Elektro Altgeräte Register (EAR) aufs Auge drückt.

Schwer einschätzbar sind Kosten, die chinesische Anbieter einsparen, weil sie Geräte nicht nach EU-Richtlinien prüfen (lassen) oder die Dokumentation vernachlässigen. Solche Einsparungen können Käufer aus der EU teuer zu stehen kommen, nämlich wenn der Zoll die Produkte deshalb nicht durchlässt. Das bezahlte Geld ist dann möglicherweise komplett verloren: Der Zoll bietet dann nur an, die unzulässigen Produkte kostenlos zu entsorgen. Manche Händler verpflichten sich, in solchen Fällen zumindest gegen Nachweis der Vernichtung den Kaufpreis zu erstatten - aber nicht alle.

Verbotene Früchte

So mancher kauft in China, weil er ein in der EU illegales Produkt anderswo nicht beschaffen könnte. Das betrifft beispielsweise Funkgeräte, die auf hierzulande unzulässigen Frequenzen arbeiten oder mit zu hoher Leistung senden. Auch starke Laserpointer und gefälschte Markenprodukte üben Reize aus. Wer bewusst illegale Produkte einkauft, wird sich für moralische Betrachtungen zwar kaum interessieren. Er sollte sich aber klarmachen, dass die Händler auf der Gegenseite oft wissen, welche Klientel sie anlocken, und das wiederum für Täuschungsversuche nutzen. Das Risiko, übers Ohr gehauen zu werden, ist dann besonders hoch.

Wer mit voller Absicht hierzulande illegale Produkte einführt, muss im Extremfall mit schweren Konsequenzen rechnen, etwa mit der Haftung für Sachschäden oder sogar Personenschäden. Unzulässige Funkgeräte können beispielsweise den Rundfunk, Mobiltelefone und Flugfunk stören. Die Bundesnetzagentur hat allein 2018 über zehn Millionen Produkte aus dem Verkehr gezogen, die EU-Vorschriften verletzen. Die Bundesnetzagentur will besser mit dem Zoll zusammenarbeiten, um derartige Produkte schon an der Grenze zu stoppen. Es könnte deshalb in Zukunft schwieriger werden, Produkte aus China zu beschaffen, die sich nicht an EU-Vorgaben halten.

Doch auch scheinbar harmlose Produkte können schwerwiegende Risiken bergen, etwa wenn sie ohne den nötigen Sachverstand konstruiert wurden oder minderwertige Bauteile enthalten. Dann drohen Schäden durch Kurzschluss, Überhitzung oder elektrischen Schlag. Ein Drittel aller Brände entsteht durch Mängel an elektrischen Anlagen. Dazu zählen außer der Elektroinstallation auch elektrische und elektronische Geräte. Ein besonders hohes Risiko bergen leistungsstarke Akkus, etwa für Pedelecs. Im August 2018 starb in Hamburg ein Mann, als ein spezieller Lithium-Ionen-Akku im Ladegerät explodierte. Weltweit sind mittlerweile schon mehrere Todesfälle bekannt durch unsichere USB-Ladegeräte für Smartphones, welche die Opfer beispielsweise in der Badewanne nutzten. Wer kleine Kinder im Haushalt hat, sollte besonders auf sichere Geräte achten.

Hartleibige Händler

Nur ärgerlich, aber ungefährlich sind Produktfälschungen. Seit Jahren schon häufig zu finden sind beispielsweise gefälschte USB-Sticks und Speicherkarten: Vermeintlich darauf geschriebene Daten, Fotos und Videos können unwiederbringlich verloren gehen. Umgekehrt sind auf billigen USB-Sticks, die aus gebrauchten eMMC-Chips aus alten Smartphones zusammengelötet wurden, schon fremde Daten aufgetaucht.

Gegen manche Fälschungen könnten die Betreiber der Direkthandelsplattformen sehr leicht vorgehen, etwa mit einer Computeranalyse der Offerten: Ein USB-Stick mit 2 TByte Kapazität kann schlichtweg nicht bloß 20 Euro kosten. Dass solche Bauernfängerei fröhlich weitergeht, liegt somit auch in der Verantwortung etwa von AliExpress und Wish.com. Diese haben anscheinend aber kein Interesse daran, sich wie seriöse Kaufleute zu verhalten und ihre Kunden zu schützen. Stattdessen bürden sie ihnen in solchen Fällen Reklamationen auf. Diese werden zwar durchaus abgewickelt, sind aber mit Aufwand verbunden.

Zoll-Tücken

Direkt aus China versandte Waren müssen den Zoll passieren, wenn sie die EU erreichen. Wie penibel die Zollbehörden kleine Warensendungen aus China kontrollieren, lässt sich nicht vorhersagen. Nach unserer Einschätzung schlüpft der größte Teil der Sendungen mit einem Warenwert unter der Bagatellgrenze durch die Maschen, auch die absichtlich zu billig deklarierten Pakete. Aber der Zoll kontrolliert eben auch Stichproben und setzt auch mal korrekt deklarierte Waren fest, etwa weil Dokumentationspflichten verletzt wurden. Selbst wenn man die nötigen Papiere dann beibringen kann, etwa mithilfe des Verkäufers, kann es Wochen oder sogar Monate dauern, bis der Zoll die Waren freigibt.

Ein konkretes Beispiel erlebte ein c't-Redakteur, der zwei Mikrocontroller-Platinen in China bestellt hatte, die zusammen knapp 30 Euro inklusive Versandkosten kosteten. Die Deutsche Post hatte anhand der wohl vom chinesischen Händler falsch oder missverständlich ausgefüllten Versandbelege einen Warenwert von 123 Euro angemeldet. Dafür verlangte der Zoll bei der Einfuhr Anfang November 2018 rund 23 Euro Einfuhrumsatzsteuer (EUSt). Nur wenige Tage später hatte der Kollege dem Zoll in Frankfurt am Main den tatsächlichen Warenwert mitgeteilt - aber es dauerte noch bis zum 31. Januar, bis der Zoll antwortete. Zwar soll die zu viel verlangte EUSt erstattet werden, aber der Aufwand für die ganze Aktion ist gewaltig.

Einige Transportdienstleister verlangen zudem für die Abwicklung der Verzollung Aufpreise. Diese lassen sich nur schwer einschätzen oder vermeiden, denn die Wahl des Versandunternehmens trifft der Händler. Es kann sogar von der Versendungsform - Express, Standard und so weiter - abhängen, wie der hiesige Partner des chinesischen Versandunternehmens die Verzollung handhabt. Im oben genannten Beispiel nahm die Deutsche Post 6 Euro für die Abwicklung der Importformalitäten - bei einem Warenwert von weniger als 30 Euro ein stolzer Anteil.

Doch andere sind teurer: So verlangte etwa DHL Express 14,88 Euro für "Zollservices" zur Einfuhr eines Mainboards aus Korea, das lediglich 111 US-Dollar plus 15 US-Dollar Versandgebühr kostete, also zusammen 126 US-Dollar. Die Einfuhrumsatzsteuer betrug dabei 21,02 Euro - und DHL Express packte satte 70 Prozent Servicegebühr obendrauf. Rechnet man überschlägig mit dem Wechselkurs 1:1, dann machten Versandkosten, Einfuhrumsatzsteuer und Zollservices rund 30 Prozent der gesamten Kosten des Mainboards aus: Aus 111 US-Dollar im Shop wurden letztlich rund 145 Euro.

Kosten und Risiken

Der Direkthandel mit asiatischen Versandhändlern boomt. Elektronikbastler, die spezielle Bauteile direkt aus China beschaffen, haben nur einen kleinen Anteil an diesem Geschäft. Doch auch sie sollten abwägen, welche Risiken sie eingehen und welche Auswirkungen ihr Handeln hat.

Das finanzielle Risiko begrenzt man leicht, indem man keine teuren Produkte kauft. Dann ist selbst ein Totalverlust verschmerzbar. Ob eine Warensendung beim Zoll durchläuft oder hängen bleibt, hängt vom jeweiligen Produkt ab, von der korrekten Kennzeichnung durch den Händler und vom Zufall. Die Wahrscheinlichkeit für Probleme lässt sich senken, indem man sich gut vorbereitet und einen erfahrenen, seriösen Handelspartner wählt. Wer im Ausland illegale Produkte oder Markenfälschungen bestellt, darf sich allerdings nicht wundern, wenn Behörden ihre Pflicht tun.

EU-Behörden arbeiten an strengerer Regulierung des Direkthandels mit China. Das soll Kundenrechte stärken, den Binnenmarkt vor gefährlichen, illegalen und gefälschten Produkte schützen sowie die unfaire Benachteiligung hiesiger Händler abmildern. Letztere müssen strenge Auflagen für Käuferschutz, Sicherheit und Umweltschutz erfüllen, zahlen hierzulande Steuern und Abgaben und schaffen Arbeitsplätze. Der Kauf beim hiesigen Vertragspartner hat also viele Vorzüge.

Update: Die stiftung elektro-altgeräte register (eigene Schreibweise) weist darauf hin, dass sie "keinerlei Beiträge für die Altgeräte-Entsorgung erhebt", sondern "ausschließlich Gebühren für ihre Leistungen festlegt". Dazu gehören "die Prüfung und Erteilung der Registrierung wie auch die Koordinierung der Bereitstellung der Sammelbehälter und der Abholung der Altgeräte bei den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern durch die Hersteller". Eine Registrierungspflicht gilt dabei nicht nur für hiesige Firmen, sondern auch für "im [...] außereuropäischen Ausland niedergelassene Hersteller, sofern sie ihre Elektrogeräte mittels Fernkommunikationsmitteln direkt Endnutzern in Deutschland anbieten".

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