Sascha Lobo

Drohnen Digitalisierung der Lüfte

Lieferungen per Drohne sind nur der Anfang. Während der Staat versucht, die Flugobjekte stärker zu kontrollieren, werden Drohnenschwärme den Luftraum erobern - und die Welt verändern.
Drohne in Hamburg

Drohne in Hamburg

Foto: Axel Heimken/ dpa

Die Zukunft hat begonnen, diesmal wirklich! Am Dienstag hat Wing, ein Unternehmen aus der Google-Familie, die weltweit erste Lizenz für Drohnenlieferungen bekommen, so steht es  jedenfalls in vielen Medien  drin. Und es stimmt ja auch irgendwie, wenn man unter "Welt" wie üblich nur "westliche Industriestaaten" versteht.

In China - das der Restwelt in Sachen Vernetzung weit überlegen ist - ist schon vor mehr als einem Jahr die erste Lizenz für Drohnenlieferungen  erteilt worden. Aber von solchen Geringfügigkeiten lässt sich die Eroberung des Luftraums nicht aufhalten. Die meisten unserer Science-Fiction-genährten Zukunftsvorstellungen enthalten ein wahres Gewimmel am Himmel, und nur mit Flugtaxis lässt sich so etwas kaum abbilden. Aber jetzt kommen endlich die Drohnen.

Drohnenschwärme im Anflug

Etwas liegt in der Luft. Man konnte das schon vor einigen Tagen erkennen, als ein kurzes Fake-Video in sozialen Medien große Verbreitung fand: Aus einem langsam schwebenden Amazon-Zeppelin stößt ein Schwarm Drohnen  hinunter in eine Stadt. Besonders lustig in der aktuellen Lage ist, dass es sich um ein urheberrechtlich geschütztes Filmchen handelte, das Twitter inzwischen aus einigen Accounts  entfernt hat (hier  das Original des japanischen Videokünstlers).

Dass der manipulierte Clip sich so sehr verbreitete, beweist, für wie naheliegend und wahrscheinlich die meisten Menschen eine nahe Zukunft mit allgegenwärtigen Flugrobotern halten: Drohnen drohen. Der auf Twitter am häufigsten wiederholte Satz dazu war: "Das hier ist an der Grenze zur Dystopie" . Man kann das über jeden technologischen Fortschritt sagen, wie die Technikgeschichte zeigt. Aber die neue Welt der Luftroboter erfüllt gleich mehrere Gruselkriterien, darunter diese:

  • Drohnen sind längst als (teil-)autonome Waffen bekannt, die Zahl der Drohnentoten liegt Schätzungen zufolge inzwischen weltweit im fünfstelligen Bereich .
  • Drohnen dringen in einen Raum ein, der bisher mit großer Selbstverständlichkeit als weitgehend frei, leer und sicher betrachtet wurde.
  • Drohnen erweisen sich zunehmend als Privatsphären-Albtraum, weil sie fliegende Kameras sind, die sowohl von Spannern wie auch von Behörden benutzt werden.

Spätestens seit in Europa regelmäßig Flughäfen mithilfe von Drohnen lahmgelegt werden , dürfte niemand mehr darin ausschließlich eine Spielerei sehen. Aber die Frage, was genau Drohnen eigentlich sind und welche Rolle sie in Zukunft spielen werden, ist nicht so leicht zu beantworten. Meiner Ansicht nach müssen Drohnen als etwas kategorial Neues betrachtet werden, nämlich als die Digitalisierung der Luft.

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Drohnen sind eine vernetzte, dezentrale Informations- und Verkehrsinfrastruktur, deren mittelfristige Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft wir bisher kaum begreifen. Allein die Sensorik, die in Drohnen möglich ist, bringt eine Fülle komplett neuer, gesellschaftsverändernder Datenströme hervor, von der dezentralen Messung der Luftqualität in Echtzeit (toll) bis zur Komplettüberwachung bis in jeden Winkel hinein (nicht toll).

Seit 2016 bildet die niederländische Polizei Raubvögel aus , um Drohnen vom Himmel zu holen, aber die dahinterstehende Problematik ist zu groß, als dass man sie mit 3500 Jahre alten Jagdmethoden in den Griff bekäme. Wenn man vom Drohnenwesen als Digitalisierung der Luft ausgeht, lässt sich das weitere Geschehen extrapolieren: zwischen staatlicher Kontrolle und gesellschaftlichem Fortschritt.

Kontrolle: Drohnenführerscheine und Kill-Switch-Funktion

Längst steckt in vielen privat verwendeten Drohnen eine Software, die automatisch verunmöglicht, in der Nähe problematischer Gebiete wie Flughäfen oder militärischen Arealen auch nur zu starten. Dass man in Deutschland für bestimmte Drohnen seit 2017 einen Drohnenführerschein  braucht, ist müßig zu erwähnen. In Indien hat die Regierung Drohnenanbieter soeben instruiert, in jede Drohne einen Kill Switch  einzubauen, mit dem das Gerät behördlich abgeschaltet werden kann.

Diese Regulierungsschneise wird ausgewalzt werden. Drohnen werden nur noch nicht anonym starten dürfen, wenn sie jederzeit per digitaler Abfrage einer Person, einem Unternehmen oder einer Institution zuordenbar sind. Freizeitdrohnen werden nur noch in bestimmten Gebieten überhaupt frei benutzt werden dürfen. Die Regel wird sein, dass Drohnen durch eine streng regulierte KI gelenkt werden, entlang von behördlich festgelegten Flugstrecken. Alle Sensoren, Mikrofone wie Kameras, werden eine Schnittstelle für den staatlichen Fernzugriff enthalten müssen. Schließlich wird eine Vorratsdatenspeicherung für Drohnendaten zur Pflicht.

Noch jede Infrastruktur wurde früher oder später in allen Facetten zur staatlichen Kontrolle verwendet oder zumindest öffentlich so wahrgenommen. Selbst die Einführung der Straßenbeleuchtung in Paris im Jahr 1667 wurde von lautstarken Protesten begleitet, die Bürger fürchteten  die nun mögliche Überwachung durch staatliche Schnüffler.

Fortschritt: Entstehung einer eigenen Drohnenwirtschaft

Eine Drohne ist ein Gerät. Viele vernetzte Drohnen sind ein System. Das mithilfe verschiedener Technologien , wie Laser , für immer in der Luft bleiben kann. Intelligente Drohnenschwärme werden folgende, bereits in Ansätzen erkennbare Funktionen erfüllen:

Die Auflistung ist schier endlos weiterführbar, ein deutliches Anzeichen dafür, dass wir mit Drohnenlieferungen kaum die Anfänge einer eigenen Drohnenwirtschaft gesehen haben. Man kann die Digitalisierung der Luft auch schlicht als nächste Stufe der Automatisierung begreifen. Und wenn man das tut, offenbart sich - abseits der Dystopie - das bisher selten adressierte, aber aus meiner Sicht tiefgreifendste Problem der Drohnenzukunft: Arbeit. Hä?

Ja, Lieferdrohnen werden schon bald eine Alternative zu städtischen Paketboten sein, und wie die meisten Technologien werden sie immer effizienter und billiger. Was Google in Australien macht, wird die weltweit ohnehin miserabel bezahlten Paketlieferanten noch weiter unter Druck setzen.

Im Kapitalismus ist ein Gesetz der Automatisierung, dass Arbeit selten über Nacht vollautomatisiert wird. Das geschieht meist in längeren Zyklen. Deshalb steht auch keine Massenarbeitslosigkeit bevor, sondern eine weitere Aufspreizung in viele Geringverdiener und vergleichsweise wenige, hoch bezahlte Spezialkräfte. Dieses Phänomen lässt sich seit Jahrzehnten beobachten.

Denn neue Technologien und eben auch Drohnen sind hervorragend dazu geeignet, die Kosten für die Arbeit zu drücken. Je einfacher der Mensch durch eine Maschine zu ersetzen wäre, desto weniger Geld kann er für seine Arbeit verlangen. Darin liegt das eigentliche Problem der Digitalisierung, also auch der Digitalisierung der Luft.

Aber ich bin mir absolut sicher, dass Politik  und Konzerne  liebevoll mit den Arbeitskräften umgehen werden.

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