Geschichte der Digitaluhr Space Age und Resterampe

Wer 1973 eine LED-Uhr kaufte, war ein Snob. Wer 1993 eine LCD-Uhr trug, galt leicht als Nerd. Wer sich 2013 eine Smartwatch zulegt, kann beides sein. Muss es aber nicht.

Von "nemo"-Autor Leo Marek


1971. Anfang der 70er-Jahre sind Digitaluhren kaum bezahlbare Prestigeobjekte, die ihrem Träger mehr Aufmerksamkeit garantieren als später das erste iPhone. Die zeigerlosen Uhren mit den roten LEDs sind Space Age pur: In fast jedem James-Bond-Film der siebziger Jahre spielen sie ihre kleine Rolle an Roger Moores Arm.

Bei meiner ersten Digitalen ist es mit der Exklusivität nicht mehr so weit her: 1976 bekomme ich zum 14. Geburtstag eine "Meister Anker". Da mit dieser "Quelle"-Handelsmarke nicht viel Staat zu machen ist, weise ich die Schulhofexperten beflissen darauf hin, dass Texas Instruments die LED-Uhr für das Versandhaus produziert hat.

Der US-Hersteller, bekannt vor allem für seine Taschenrechner, liefert sich mit seinen amerikanischen und asiatischen Konkurrenten einen mörderischen Preiskampf: Anfang 1972 kostet eine Pulsar 1 des LED-Uhr-Erfinders Hamilton fast 4.000 US-Dollar. Drei Jahre später unterbietet Litronix die 50-Dollar-Grenze und 1977 gibt es schon Modelle für 9,95 US-Dollar. In Deutschland gehen diese Uhren für 20 D-Mark über den Ladentisch. Das einstige Statussymbol ist auf dem Weg zur Resterampe; bald schon taugt die LED-Uhr allenfalls zum Werbegeschenk.

Dieser aberwitzige Preiskampf ist die erste große Schlacht von Unternehmen, die in der Halbleiterbranche aktiv sind. Hersteller wie Gruen, Litronix, Microma und Time Computer werden übernommen oder verlassen den Markt ganz. Doch der Niedergang der LED-Uhr hat auch mit einem technischen Problem zu tun: Der Stromverbrauch ist so hoch, dass manche Modelle zweimal im Jahr eine neue Knopfzelle benötigen - und die ist teuer.

Die Wachablösung steht schon bereit: 1978 werden erstmals mehr LCD- als LED-Uhren verkauft, bald darauf verschwinden die Selbstleuchter ganz vom Markt. Die Flüssigkristallmodelle erzielen zunächst noch ordentliche Preise, doch Anfang der achtziger Jahre ist digital einfach nicht mehr cool. Obwohl - oder gerade weil - die Hersteller immer mehr Funktionen, vom Drum-Set bis zum Videospiel, integrieren, haben die LCD-Uhren ausgedient.

Die Zeichen der Zeit sind wieder analog. Abgesehen von Nerds, die mit dem Piepston zur vollen Stunde ihre Klasse nerven, schauen die nächsten 30 Jahre alle auf Uhrzeiger oder Handys. Nun aber könnte sich das ändern: Die Smartwatch soll die Digitaluhr wieder zum hippen Gadget machen.


Dieser Text ist erschienen im Magazin "nemo", Ausgabe 1/2014

Mehr zum Thema


insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kauzboi 30.11.2013
1. Nur noch Schmuck
Seit gut 15 Jahren trage ich keine Armbanduhr mehr, weil sie im Alltagsleben überflüssig geworden ist. Man hat sein handy dabei und das zeigt auch die Uhrzeit an - nebst vielen anderen Funktionen. Und dann kamen die smartphones. Armbanduhren taugen fürs normale Leben nur noch als Schmuck, deshalb sind auch diese "smartwatches" der grösste Mumpitz dieses und der letzten Jahre. Für Sportler und "Abenteuer in der Wildnis" sind Chronographen freilich immer noch u.U. Zweckmässig. Aber für den Stadtmenschen in seiner natürlichen Umgebung? Schmuck, nichts weiter.
Dr.Schwantz 30.11.2013
2. Aber,
wie war da mit der G-Shock ? War in den 9ties doch der heiße Scheiss und hat Casio den Hintern gerettet.
dioskure 30.11.2013
3. Sammlerware
Sehr schön die damaligen Digitalsünden heute von Jaeger Le Coultre, Girard Peregaux oder Omega uva die nun zur Sammlerware geworden sind. Batterienpreise und Stromversorgung sind kaum noch ein Problem. Ich würde auch den Boom der Casio Baby-G's nicht unterschätzen der die Digitaluhr durchaus wieder hip & hoffähig gemacht hatte.
restauradores 30.11.2013
4. Ich erinnere mich in den 70ern
Zitat von sysopWer 1973 eine LED-Uhr kaufte, war ein Snob. Wer 1993 eine LCD-Uhr trug, galt leicht als Nerd. Wer sich 2013 eine Smartwatch zulegt, kann beides sein. Muss es aber nicht. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/digitaluhren-bilderstrecke-von-1973-bis-heute-von-pulsar-bis-pebble-a-935584.html
total scharf auf eine Timex gewesen zu sein und Uhren mit roter Digitalanzeigen sind bei mir auch unweigerlich mit Timex verbunden. Es gab sie überall, nur lange für uns noch nicht bezahlbar. Heute mag ich eher klassische Zeigeruhren mit Hang zum Vintage. In Smartuhren sehe ich für mich eh keinen Sinn. Eine moderne oder Vintage Uhr mit LED würde ich mir vielleicht ansehen, vielleicht auch nur aus Nostalgiegründen.
gwyar 30.11.2013
5. ... und wie immer
... fehlt in einer solchen Übersicht ein - subjektiv betrachtet - äußerst gelungener, aber ebenfalls gescheiterter Vertreter/Vorläufer heutiger "Smartwatches": Sonys MBW-150/200. Das Design heutiger "Smartwatches" wurde auch bereits vorweggenommen: Prada Link. War alles schon da... Wenn es jetzt zu einem Durchbruch kommen sollte, dann auch nur, weil Samsung seine "neue" Interpretation im Bundle verramscht, oder wenn dann mal ein Apfel darauf prangt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.