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Ende der Fernbedienung Wie Sie übermorgen fernsehen werden

Schluss mit der Suche nach der richtigen Taste: In Zukunft wird man TV-Geräte mit einem Fingerzucken oder der Stimme steuern. Die Neuheit wird auf der Tech-Messe CES in Las Vegas schon gezeigt. Das ist aber nur die eine Fernsehzukunft - es gibt noch eine zweite Variante.

Las Vegas/Hamburg - Die letzte große Innovation in puncto Interaktion mit dem eigenen Fernseher liegt gut 60 Jahre zurück. Im Jahr 1950 stellte das Unternehmen Zenith ein revolutionäres Gerät namens "Lazy Bones" vor: die erste - noch kabelgebundene - Fernbedienung. Sechs Jahre später folgte die kabellose "Flash-Matic": "Ein Strahl des magischen Lichts, und Ihr Fernseher geht an und aus!"

Seitdem hat sich daran, wie wir mit unseren Wohnzimmer-Lagerfeuern interagieren, nichts mehr geändert. Wir suchen nach dem Plastikquader, der immer unter einem Sofakissen oder gleich unter dem Mobiliar liegt, zielen mit spitzen Fingern auf Gummi- oder Folientasten, verrenken uns, wenn der Couchtisch mal wieder dem Infrarotsignal im Weg ist. Jetzt erst soll sich das ändern. Bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas ist dieses Jahr ein Wettlauf um die Fern(seh)bedienung der Zukunft im Gange. Zwei konkurrierende Modelle treten gegeneinander an: Gesten- und Sprachsteuerung auf der einen Seite, Tablets und Smartphones als intelligente Fernbedienungen auf der anderen. Beide Varianten haben ihre Vorzüge.

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TV-Bedienung: Fuchteln oder Stippen?

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Tatsächlich nötig wird eine Runderneuerung des Fernbedienungskonzepts wegen des Internets im Wohnzimmer. Wer einmal versucht hat, über eine Bildschirmtastatur mit dem Steuerkreuz der Fernbedienung eine Web-Adresse einzugeben, weiß: Mit einem Zahnstocher einen Taschenrechner zu bedienen, ist komfortabler.

Nintendo hat's erfunden, Microsoft perfektioniert

Dazu kommt, dass Internetgebrauch am TV-Gerät eben interaktiver ist als Fernsehen. Eine TV-Fernbedienung im Normalbetrieb braucht eigentlich nur vier Knöpfe: Rauf, runter, lauter, leiser. Internetfernsehen aber erfordert die Möglichkeit zu blättern, Text einzugeben, Start-, Pause- und Stopp- und Suchfunktionen sind nötig.

Apples verstorbener Chef Steve Jobs hat seinem Biografen Walter Isaacson verraten, dass er zuletzt an einem Apple-Fernseher mit Gesten- und Sprachsteuerung arbeitete, seit Monaten ist die Branche deshalb ganz aufgeregt. Diesmal aber waren andere schneller: Erfunden hat die Gestensteuerung Nintendo mit der Wii. Nun aber haben sowohl Microsoft als auch - brandneu - Samsung entsprechende Technologie am Start, die ganz ohne Plastik in der Hand funktioniert. Microsofts Kinect-Gestensteuerung ist ab 1. Februar auch für Windows verfügbar. Die ersten schlauen TV-Geräte mit Microsoft-Betriebssystem dürften nicht mehr lang auf sich warten lassen. Moderne Fernseher sind ohnehin Computer. Besitzer einer Xbox 360 können schon heute mit einem Handwedeln online angebotene Filme durchblättern oder mit dem Ruf "Xbox - Stopp!" einen über die Konsole gestreamten Film pausieren lassen.

Samsung präsentierte bei der CES ein neues TV-Gerät namens Smart TV ES8090.

Dass es Spaß macht, ist nicht zu übersehen

SPIEGEL ONLINE konnte sich eines der ersten Geräte in Las Vegas vorführen lassen, selbst ausprobieren aber dürfen die Messebesucher das nicht. Vermutlich ist Samsungs System also noch nicht ganz ausgereift, Microsoft ist hier folglich im Vorteil. Unser Video zeigt, wie es aussieht, wenn der Fernseher aufs Wort gehorcht. Dass es Spaß macht, ist nicht zu übersehen. Die Bedienung ist einfach und intuitiv. Programmumschalten und die Lautstärkeregulierung hat man in Sekundenschnelle drauf. Immer vorausgesetzt, niemand quatscht dazwischen oder läuft zwischen Kamera und Couchkartoffel vorbei. Das ist die eine Zukunft ohne Fernbedienung.

Die andere sieht so aus: Statt einer herkömmlichen Fernbedienung hat man vor dem Fernseher einen Tablet-Rechner auf dem Schoß oder dem Couchtisch liegen. Mit dem Touchscreen lassen sich dann Objekte auf dem Bildschirm manipulieren, etwa Videos durchblättern. Bei Bedarf zeigt der kleine Tablet-Bilschirm das TV-Bild in Kopie an, so dass man es mit in die Küche nehmen kann, um das entscheidende Tor auf keinen Fall zu verpassen. Und natürlich lässt sich ein Touchscreen auch in eine herkömmliche Fernbedienung verwandeln. Von Samsung etwa gibt es bereits jetzt entsprechende Apps für die eigenen Android-Tablets, in eingeschränkter Form auch für iPhone und iPad. Das versprochene Mitnehmen des TV-Bildes allerdings funktioniert in den SPIEGEL ONLINE vorliegenden App-Versionen bislang nicht. Natürlich ließe sich ein Tablet künftig auch in eine Tastatur verwandeln, was die Zahnstocherei bei der Adresseingabe endlich beenden würde. Auch Nintendos nächste Konsole setzt übrigens auf ein Tablet als Controller.

Social Network im TV-Gerät

Die Zukunft hört bei Samsung allerdings nicht bei der Bedienung des Gerätes auf. Auch eine Gesichtserkennung soll der neue Fernseher bieten. Mittels der integrierten Kamera erkennt er demnach, wer vor ihm sitzt oder steht (auch das kann Microsofts Xbox 360 mit Kinect bereits, günstige Lichtverhältnisse vorausgesetzt). Auf diese Weise kann sich etwa jedes Familienmitglied seine Lieblings-Apps zusammenstellen, die bereitgestellt werden, sobald man vors Gerät tritt. Außerdem ließen sich so Jugendschutzeinstellungen personalisieren, was im Zeitalter des Netzfernsehens immer wichtiger werden wird.

Spannend ist auch Samsungs eigenes soziales Netzwerk. Über das Familien-Facebook auf dem Fernseher kann man mit Verwandten und Freunden in Kontakt bleiben oder zum Beispiel Notizen hinterlassen. Eine "Fitness-App" soll beim Sport helfen. Sie liefert nicht nur Anleitungen für verschiedene Sportarten, sondern kann auch den Erfolg überprüfen und warnen, wenn man eine Übung falsch ausführt ("den linken Arm etwas näher zum Kopf"). Auch das kennt man von aktuellen Videospielen längst. Samsung dürfte den Konkurrenten Sony und den ehemaligen Verbündeten Microsoft - die ersten Xbox-360-Modelle wurden stets mit Samsung-TVs präsentiert - hier nachhaltig verärgert haben.

Derart komplexe Funktionen verlangen nach reichlich Rechenpower. Der neue Samsung ist deshalb mit einem Dualcore-Prozessor ausgerüstet, wie man ihn eher in einem Notebook erwarten würde.

Längst hat sich Gestensteuerung in vielen Bereichen etabliert: Smartphones und Tablets werden mit Handbewegungen bedient, Spielkonsolen sowieso. Genau so wie Fernbedienungen könnten demnach bald auch PC-Mäuse aus unserem Umfeld verschwinden. Lange wird das nicht dauern: Schon im Frühjahr soll der neue Samsung-Fernseher in den Handel kommen. Zu welchem Preis allerdings hat der Hersteller bislang nicht nicht verraten.

Die Tage der Fernbedienung jedenfalls sind gezählt.

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