Konferenz in Kalifornien Google zeigt neue KI und günstige Smartphones

Smartphones sollen gleichzeitig schlauer und günstiger werden, verspricht Google und zeigte auf der Entwicklerkonferenz I/O gleich, wie das gehen soll. Die wichtigsten News im Überblick.

Google-Chef Sundar Pichai auf der Google I/O im Shoreline Amphitheatre
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Google-Chef Sundar Pichai auf der Google I/O im Shoreline Amphitheatre

Aus Mountain View berichtet


Es dürfte Google-Chef Sundar Pichai schon mal leichter gefallen sein, auf die Bühne des Shoreline Amphitheatre im kalifornischen Mountain View zu steigen.

Die Freilichtbühne, nur zehn Minuten zu Fuß vom Hauptquartier entfernt, dient dem Internetkonzern auf seiner alljährlichen Entwicklerkonferenz Google I/O regelmäßig als Präsentationsfläche für seine neuesten Entwicklungen. Hier wurde die Virtual-Reality-Brille Cardboard erstmals gezeigt wie auch - im vergangenen Jahr - Duplex, eine Technik auf Basis künstlicher Intelligenz, die mit täuschend echt klingender menschlicher Stimme Telefongespräche führt.

Doch an diesem sonnigen Maitag in Kalifornien wurden von Pichai auch andere Statements erwartet: Noch nie stand Google so in der Kritik wie in den vergangenen Monaten. Und das nicht nur von außen, sondern auch von innen. Den Mitarbeitern reicht es längst nicht mehr, mit Slogans oder pathetischen Passwörtern wie dem für das WLAN der I/O abgespeist zu werden: "makegoodthings".

Stattdessen protestieren sie gegen Googles Engagement beim Militär und in China. Im November legten Tausende Googler kurzzeitig die Arbeit nieder, um gegen den Umgang des Konzerns mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu protestieren. Als die Organisatorinnen dieser weltweiten Aktion nun per Rundmail erklärten, deswegen abgestraft worden zu sein, kam es erneut zu offenen Protesten. Keine Frage, bei Google rumort es gerade.

Erwähnte die Proteste im eigenen Haus mit keinem Wort: Google-CEO Sundar Pichai
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Erwähnte die Proteste im eigenen Haus mit keinem Wort: Google-CEO Sundar Pichai

Ein neuer Assistant

Ein Thema war das alles für Pichai nicht. Stattdessen erklärte er, wie Google immer bessere, immer nützlichere Produkte entwickeln will, die uns immer mehr Arbeit immer leichter machen sollen. Der Google Assistant soll dabei eine tragende Rolle spielen. Googles Entwickler haben die Software, auf der der Assistant basiert, von einem Umfang von 100 GB auf 0,5 GB geschrumpft. So ist es möglich, den Assistant komplett offline auf Smartphones laufen zum lassen. Google nennt ihn dann den Next Generation Google Assistant.

Die neue Version soll ihre Ergebnisse bis zu zehnmal schneller liefern als bisher. Zudem sind damit weit natürlichere Gespräche als bisher möglich, ohne dass man jeden Befehl mit "Ok Google" einleiten muss. Der Assistant schaffte es bei einer Vorführung, den Befehlen einer Google-Mitarbeiterin über mehrere Apps und verschiedene Themen hinaus zu folgen.

Das gehört auch zur Google I/O: Fans des Konzerns machen Selfies mit dem Konferenzlogo
AFP

Das gehört auch zur Google I/O: Fans des Konzerns machen Selfies mit dem Konferenzlogo

Microsoft hatte am Montag gerade eine ähnliche Technik für Cortana angekündigt. Anders als der Windows-Konzern traute sich Google allerdings, seinen Ansatz live vorzuführen. "Später in diesem Jahr" soll der neue Google Assistant verfügbar werden. Vorerst aber nur auf den aktuellen Pixel-Smartphones.

Deutlich früher und auf viel mehr Geräten soll der Driving Mode des Assistant verfügbar werden. Im Auto soll er beispielsweise eine am vergangenen Abend teilweise angehörte Podcast-Episode automatisch an der richtigen Stelle fortsetzen. Anrufer werden mit ihrem Namen gemeldet und gefragt, ob man das Gespräch annehmen will. Im Sommer soll dieser Modus verfügbar werden.

Überall Untertitel

Reichlich Arbeit wurde offenbar in Google Lens gesteckt. So kann man damit jetzt beispielsweise das Trinkgeld ausrechnen lassen, indem man mit der Kamera eine Restaurantrechnung anvisiert. Man soll auch die Karte eines Restaurants anvisieren können, um sich besonders beliebte Gerichte anzeigen zu lassen. Interessant scheint auch die Möglichkeit, sich Texte von Google Lens vorlesen und übersetzen zu lassen, was auf der Bühne freilich nur in Form von Videos gezeigt wurde.

Für einige der Google-Ankündigungen gab es frenetischen Applaus
AFP

Für einige der Google-Ankündigungen gab es frenetischen Applaus

Eine andere Technologie soll es bald möglich machen, auf Android-Smartphones automatische Untertitel zu jedem beliebigen Video einzublenden, auch zu Videos, die man gerade selbst aufgenommen hat. Möglich macht das eine Künstliche Intelligenz (KI), die im Hintergrund in Echtzeit den gesprochenen Text erkennt. Eine ähnliche Technik soll Menschen mit Sprachbehinderung helfen, mit anderen zu telefonieren. Dabei werden die gesprochenen Eingaben der Anrufer für die Empfänger in Text übersetzt, während der von den Behinderten eingegebenen Text den Anrufern als Sprache ausgegeben werden kann.

Einige Mühe gab man sich auch, den Schutz der Privatsphäre in den Vordergrund zu stellen. Angesichts von Googles notorischer Datensammelei kein leichtes Unterfangen. Eine Maßnahme ist der Inkognito-Modus, den es künftig nicht mehr nur im Chrome-Browser, sondern auch in Google Maps geben wird. Dort soll er verhindern, dass Apps die Bewegungen der Nutzer gegen deren Willen aufzeichnen. Darüber hinaus will Google künftig in alle wichtigen Google-Angebote einen direkten Link zu den Privatsphäreeinstellungen einbauen.

Mehr Pixel

Auch zwei neue Smartphones wurden präsentiert, ein Novum auf der Google I/O. Während die Branche, angeführt von Apple, in den vergangenen Jahren mit immer aufwendigerer Hardware in immer höhere Preisregionen vorstößt, macht Google es andersherum: Bei seinem neuen Smartphone, dem Pixel 3a, hat der Konzern abgespeckt (lesen Sie hier einen Testbericht). Ein paar Features des teuren Pixel 3 wurden weggelassen, ein billigerer Prozessor und ein günstigeres Display eingebaut, fertig war das erste Mittelklasse-Smartphone des Internetkonzerns.

In der Version mit 5,6 Zoll Bildschirm soll das neue Modell in Deutschland 399 Euro kosten. Der Preis für das mit 6,0 Zoll etwa größere Pixel 3a XL beträgt 479 Euro. Der Aufpreis für den um 0,4 Zoll größeren Bildschirm beträgt bei ansonsten identischer Ausstattung also 80 Euro. Die Basis bildet ein Achtkern-Mittelklasseprozessor von Qualcomm, die Bildschirme basieren auf OLED-Technik.

Fotostrecke

12  Bilder
Pixel 3a im Test: Googles günstige Mittelklasse

Wie immer bei Google - und ganz anders als bei der Konkurrenz, steckt im Rücken nur eine einzige Kamera. Die hat eine Auflösung von 12,2 Megapixeln, zoomt per Software an entfernte Objekte heran und verlässt sich auch bei Nachtaufnahmen und Porträtfotos in erster Linie auf die Fähigkeiten von Googles Programmierern.

Beide Varianten des Pixel 3a sind mit 4 Gigabyte Arbeitsspeicher und 64 Gigabyte Speicherplatz bestückt, der - wie immer bei Google - nicht erweiterbar ist. Ein Schnellladegerät wird ebenso mitgeliefert wie traditionelle, also kabelgebundene Kopfhörer, für die eine Miniklinkenbuchse am Gerät vorgesehen ist. Erstmals baut Google zudem Stereolautsprecher in ein Smartphone ein. Ein Fingerabdrucksensor in der Rückseite dient dazu, den Eigentümer zu identifizieren, Googles Sicherheitschip Titan M soll dafür sorgen, dass Daten und Betriebssystem vor fremden Eingriffen sicher sind.

Google Nest Hub und Max

Mit dem Beginn der Google I/O wurde auch der Verkaufsstart für den Google Nest Hub in Deutschland angekündigt. Bei dem Gerät, das in den USA schon seit Monaten auf dem Markt ist, handelt es sich um ein sogenanntes Smart-Display. Über eingebaute Mikrofone nimmt es Sprachbefehle oder Suchanfragen an, kann die Ergebnisse sowohl auf seinem 7-Zoll-Display anzeigen als auch per Stimme wiedergeben. Zudem soll es wegen seines Lautsprechers auch als Smart-Speaker taugen. In Deutschland will Google das Gerät für 129 Euro anbieten. Auf den Einbau einer Kamera hatte man bewusst verzichtet, weil man annahm, dass es den Kunden nicht wohl dabei sein könnte, potenziell ständig beobachtet zu werden.

Umso mehr verwundert es, dass mit dem Google Nest Hub Max jetzt eine größere Variante mit 10-Zoll-Display und Kamera präsentiert wurde. Die Kamera taugt einerseits - das ist offensichtlich - für Videochats. Andererseits kann man sie dank eines Bewegungssensors auch zur Überwachung von Innenräumen verwenden. Wehe dem, der sich da nicht beobachtet fühlt. Vorerst gibt es die Max-Version allerdings nur in den USA,

Android Q kommt

Die geringste Überraschung war die Präsentation von Android Q. Die zehnte Version des Smartphone-Betriebssystems ist schon seit Monaten für einige wenige Geräte als Betaversion verfügbar. Viele der Neuerungen drehen sich darum, den Nutzern mehr Kontrolle über ihre Privatsphäre zu geben. Zudem wird die Möglichkeit eingeführt, bestimmte Systemoptionen direkt aus Apps heraus aufzurufen, also ohne Umweg über die Systemsteuerung.

Besonders viel Interesse zogen jedoch die speziell für faltbare Smartphones wie Samsungs Galaxy Fold und Huawei Mate X entwickelten Funktionen auf sich. Die Integration speziell für diese neue Gerätegattung entwickelter Fähigkeiten in das Betriebssystem dürfte die Grundlage für die Entwicklung weiterer Falt-Smartphones sein. Google kündigte an, das mehrere Firmen noch in diesem Jahr solche Falt-Phones auf den Markt bringen werden. Eine optimistische Ansage, wie die Schwierigkeiten zeigen, mit denen Samsung bei dieser Technik zu kämpfen hat.

Wer sich traut, die Betaversion von Android Q auszuprobieren, kann sich unter diesem Link zum Test anmelden. Allerdings sind derzeit nur 21 Smartphone-Modelle mit Q kompatibel.

insgesamt 4 Beiträge
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ptb29 07.05.2019
1. Alle im Artikel genannten tollen Features
dienen nur dazu, Daten auf Google-Server zu übertragen. Wer Wert darauf legt, von Google überwacht zu werden, wird super bedient.
swnf 08.05.2019
2. Alle?
Zitat von ptb29dienen nur dazu, Daten auf Google-Server zu übertragen. Wer Wert darauf legt, von Google überwacht zu werden, wird super bedient.
Wenn wirklich alle im Artikel genannten Features diesem Zweck dienen sollten, wieso hat Google dann den Assistant auf 0,5 GB geschrumpft? Der Aufwand wäre dann ja sinnlos!
Sdirks 08.05.2019
3. Großartige Entwicklung
Das es jetzt wieder von Fortschrittsfeinden und Datenphobikern viele destruktive Kommentare gibt, ist klar. Dafür habe ich mittlerweile einen Filter namens "Gezielte Ignoranz". Ich meine dass die Entwicklung bei Google hervorragende Perspektiven bietet. Gerade auch dass der Preis der Hardware wieder erschwinglicher wird und man nicht gezwungen ist, überteuerte Features, die kein Mensch zu brauchen scheint mitzukaufen, finde ich ein Schritt in die richtige Richtung.
hps 08.05.2019
4. Darüber, wie das Dunkle Unbekannte der Zukunft erhellt wird
Einfach nur bewundernswert, mit welcher Kraft, welcher Energie und mit welchem gewaltigen Können es Google schafft, weiter und weiter in das dunkle Unbekannte der Zukunft vorzudringen. Unbeeinflusst von denen, deren Hauptmerkmal es ist, warnend ihre Hand zum Himmel zu erheben. Wenn man wissen will, wie die Weiterentwicklung des Menschen aussieht, hier, bei diesen Präsentationen sieht man es.
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