Entwicklerkongress Nokia will wieder wichtig werden

Noch schwärzeres Schwarz, soziale Vernetzung für Schwellenländer und sehr, sehr viele Mobiltelefone: Auf der Nokia World in London macht der finnische Noch-Marktführer Nokia sich und seinen Softwarentwicklern Mut, ätzt gegen die Konkurrenz und schweigt über interne Probleme.

Von , London


Das Timing könnte schlechter kaum sein: Wenige Tage nachdem Nokia zuerst die Ablösung von Firmenchef Kallasvuo durch den Microsoft-Manager Stephen Elop verkündete, warf auch Anssi Vanjoki, Chef der Smartphone-Sparte, nach fast 20 Jahren bei dem Handykonzern das Handtuch. Und das am Tag vor Beginn der Nokia World, Nokias wichtigster Hausmesse. In seiner Abtrittsrede verlor er kaum ein Wort über seinen Rücktritt, teilte stattdessen etliche Seitenhiebe gegen die Konkurrenz aus und stellte die Handys vor, mit denen Nokia zu alter Größe zurückfinden will.

Dass von etlichen Gerüchteköchen erwartete neue Smartphone mit Meego, dem Betriebssystem, das Nokia gemeinsam mit Intel entwickelt, war freilich nicht dabei. Stattdessen steht auf der Nokia World ganz das N8 im Mittelpunkt, Nokias erstes Handy mit dem neuen Betriebssystem Symbian 3. Ganze 250 Neuerungen seien in dieses Update eingeflossen, etliche Dinge verbessert worden, tönt Vanjoki. Dabei habe man allerdings darauf geachtet, dass sich langjährige Nokia-Nutzer auf Anhieb in dem neuen System zurechtfinden. Ob diese Strategie sich wirklich auszahlen wird, muss sich erst zeigen, denn neue Nutzer für die alten Metaphern zu finden, dürfte nicht leicht sein.

Dabei ist das N8, von dem im Veranstaltungszentrum Hunderte gezeigt, angefasst und ausprobiert werden können, mit allem vollgestopft, was man sich für ein aktuelles Smartphone wünschen kann. Vor allem mit einer 12-Megapixel-Kamera, deren fotografische Vorzüge ausführlich demonstriert werden. Einer davon: Mit einer App namens Morpho wird die Handy-Cam zum Panorama-Fotoapparat. Ein Schwenk genügt und das Riesenbild ist im Kasten. Eine ähnliche Funktion bietet Sony in einigen seiner Digitalkameras an. Das N8, so Vanjoki, sei für Nokia ein Meilenstein - oder soll es zumindest werden, denn kaufen kann man es bisher nicht, nur vorbestellen.

Das E7: "Es ist groß "

Ähnlich wichtig soll für Nokia das neue Business-Handy E7 werden, nur eben in einem anderen Marktsegment. Vanjoki sieht das neue Modell als legitimen Nachfolger des erfolgreichen Communicator an, dessen beste Tage allerdings schon 14 Jahre zurück liegen.

"Es ist groß" sagt er, als er das Tastatur-Handy mit seinem angewinkelten Bildschirm hochhält, aber das sei gut so. Schließlich könne man dadurch besser damit arbeiten. Wenn das Gerät irgendwann Ende des Jahres ausgeliefert wird, werden die Office-Funktionen aber noch etwas eingeschränkt und vorerst auf Powerpoint begrenzt sein. Doch das soll sich bald ändern. Neue Office-Apps würden per Update aufgespielt, verspricht der Noch-Nokia-Manager. Das werde jetzt "aus irgendeinem Grund leichter werden", sagt Vanjoki mit Blick auf den Ex-Microsoft-Mann Elop.

Smartphones fü r die Massen

Damit hatte Vanjoki sein Pulver aber auch fast verschossen. Die beiden anderen Neuvorstellungen, C6 und C7, haben kaum das Zeug zu Haben-wollen-Gadgets, sie sind typische Massenmodelle. Allerdings schön verpackt in stabile und handschmeichlerische Stahlgehäuse. Ihr Highlight soll der neue Bildschirm sein, der, dank einer neuen Technik, die Vanjoki als Clear Black bezeichnet, ein Schwarz erzeugen könne, das "schwärzer ist als Schwarz". Was er damit meint ist, dass es besonders kräftige Kontraste und Farben darstellen soll. Man wird sehen.

Vor allem aber sollen die beiden Neuen sich ohne Mühe in etlichen Social Networks verwenden lassen. Neben Facebook und Twitter nennt Vanjoki das brasilianische Orkut und Chinas Renren. Das sind offenbar Märkte, von denen sich die Finnen viel versprechen. Nicht nur, aber auch im Bezug auf Smartphones wie den vier auf der Nokia World gezeigten, die allesamt auf Symbian 3 basieren sollen. 50 Millionen solcher Gerate will Nokia verkaufen.

Eine Million Feature-Phones pro Tag

Die Zahl mag ambitioniert erscheinen, doch verblasst sie gegenüber der Menge sogenannter Feature-Phones, die Nokia absetzt. 364 Millionen solcher Geräte, die weniger können als ihre smarten Brüder, dafür aber auch weniger kosten, haben die Finnen im vergangenen Jahr verkauft, fast eine Million pro Tag. Viele davon gründen auf Nokias Touch-and-Type-Technik, die Touchscreen und Tastatur verbindet. Mit einer neuen Entwicklersoftware will Nokia nun auch die Nutzer dieser Geräte zu potentiellen App-Käufern machen. Hochgerechnet ergibt sich daraus, in Kombination mit den Smartphone-Usern, ein Markt von 270 Millionen möglichen Kunden.

Von solchen Zahlen sind Apple und die Android-Plattform trotz aller Erfolge noch weit entfernt. Darauf hebt auch Niklas Savander, Nokias Marketingchef, in seiner Rede auf der Nokia World ab, als er scherzhaft die für Steve Jobs typische Floskel "One more Thing" benutzt um darauf hinzuweisen, dass Nokia immer noch mehr Smartphones verkauft als Apple und die Android-Hersteller gemeinsam, nämlich 260.000 pro Tag. Wohlgemerkt Smartphones, nicht Handys insgesamt. Außerdem betont er, Symbian sei mit 40 Prozent Marktanteil immer noch das führende Handy-Betriebssystem. Dass die Marktforscher von Gartner diesen Vorsprung längst schwinden sehen, lässt er dezent unerwähnt.

Dafür lästert er über Apple-Manager Scott Forstall, der über das neue iOS 4 gesagt hat: "it's all about connecting people". Eine Steilvorlage für den Nokia-Mann, der als Antwort schlicht Nokias Claim "Connecting People" an die Wand projiziert, Apple damit als Nachahmer darstellt. Selbstbewusst tönt Savander: "Nokia is back". Zu den jüngsten Personalwechseln in der Führungsspitze des Konzerns hält er sich dagegen bedeckt, bedankt sich kurz bei Ex-Chef Kallasvuo für dessen Einsatz und entschuldigt den neuen Chef, der sich auf der Nokia World nicht blicken ließ.

Apps sind der Schlü s sel

Ob Nokia aber wirklich zurück ist und es schafft, die Marktprognosen Lügen zu strafen und seine Position als Marktführer zu behalten, wird vor allem davon abhängen, ob der Konzern neben neuer Hardware auch attraktive Apps liefern kann.

Apps sind es, die iPhones und Android-Handys von seelenlosen Massenprodukten zu individuellen Spiel- und Werkzeugen machen. Die Apps sind es, wegen denen solche Handys hipp sind.

Das allerdings scheint man nun auch bei Nokia eingesehen zu haben und hat mehrere Schritte angekündigt, mit denen die Zahl attraktiver Apps für Nokia-Handys erhöht werden soll. So wird der Zertifizierungsprozess für den Ovi Store künftig kostenlos sein, so dass jedermann sein Apps dort einreichen kann, was eine App-Schwemme auslösen könnte. Entwickler, die mit ihren Apps auch Geld verdienen wollen, können künftig auch innerhalb ihrer Apps Zusatzfunktionen verkaufen, eine Option, die Apple längst anbietet. Wo Nokia aber wirklich vorne liegt, ist die Möglichkeit, Apps über die Telefonrechnung zu bezahlen, ohne Kreditkarte oder Vorauszahlung.

Eine Möglichkeit, die Jugendliche schwärmen lässt und die deren Eltern den Angstschweiß ob womöglich astronomischer Telefonrechnungen auf die Stirn treibt. Ob das wirklich ein Feature ist, mit dem sich Kunden von iPhone und Android abbringen lassen, wird sich zeigen.

Mehr zum Thema


insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PeteLustig, 14.09.2010
1. .
Das N8 macht zumindest technisch (Design mehr als gewöhnungsbedürftig) einen positiven Eindruck und weist angeblich Innovationen auf, die zuvor kein anderer Hersteller bot. Nur kommt es, typisch Nokia, mindestens 6 Monate zu spät. Ausführliche Qualitäts- und Praxistests gut und schön - nur die Vorlaufzeit, der große Zeitraum zwischen Ankündigung und tatsächlicher Veröffentlichung, ist eines der gravierenden Nokia-Mankos.
Didis04 15.09.2010
2. Und Tschüß!
Fast scheint es so als wäre für Nokia nach der Subventions-Affäre in Deutschland der Zug abgefahren. Recht so! Schlechter Stil und eine zweifelhafte Firmenphilosophie sollten nicht auch noch belohnt werden. Das sie jetzt auch noch auf das Auslaufmodell Java als Betriebsystem ihrer Smartphones setzen, passt in dieses Bild. Der App-Markt für das iPhone und Android boomt, Windows Phone 7 steht in den Startlöchern, wer will da noch ein antiquiertes Java, das erst einmal dahin will, wo die anderen schon längst sind? Wer jetzt noch auf Nokia setzt rennt dem Trend um mindestens ein Jahr hinterher, wenn die immens wichtigen Apps überhaupt nachgereicht werden. Tschüß Nokia, ich würde mir heute keine Aktien mehr von dem Unternehmen kaufen.
Palich 15.09.2010
3. Java als Betriebssystem? So ein Schwachsinn.
Java als Betriebssystem? Selten so einen Schwachsinn gehört. Vielleicht einfach mal nichts schreiben, wenn man keinerlei EDV-Kenntnise hat? Die aktuellen Geräte laufen mit Symbian^3: http://de.wikipedia.org/wiki/Symbian_OS Meego-Geräte (N9) wurden ja leider noch nicht vorgestellt.
Mirko D. Walter 15.09.2010
4. re
Zwei Sachen fallen direkt auf: 1) Nokias Topgerät gibt es nicht zu kaufen und wird wohl, wie das in den letzten Jahren üblich war, beim Start eine miese Qualität haben. 2) "Per kostenlosem Update kommt dann das, was das E7 eigentlich erst nützlich macht" (was will man mit Powerpoint auf dem Handy >.
AusVersehen 15.09.2010
5. ...
Seitdem Nokia Deutschland um Subventionen beschissen hat und hunderte Arbeitsplätze gekillt hat, habe ich mir nie wieder ein NOKIA-Handy gekauft. Werde es auch wohl nie wieder tun. NOKIA ist für mich ein absolutes NOGO! Die Verbraucher in Deutschland sollten sich mehr ins Bewußtsein rufen, dass sie durch ihr Konsumverhalten direkten Einfluß haben können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.