Wellness mit Virtual-Reality-Brille Schön hier - aber wo bleibt der Masseur?

Im kalifornischen Los Angeles hat dieser Tage ein Virtual-Reality-Massagestudio eröffnet. Wie ist es, sich mit VR-Brille auf dem Kopf durchkneten zu lassen? Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Dieses Werbebild von Esqapes lässt erahnen, was man unter der Brille sieht.
Desert Spa

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Aus Los Angeles berichtet


Virtual-Reality-Massage, das klingt nach Zukunft, nach Hightech. Der Warteraum des Esqapes Immersive Relaxation Center aber erinnert mehr an ein spießiges deutsches Wohnzimmer: Ich sitze vor einer Monitor-Schrankwand, in der sich 3D-Szenen von Berglandschaften, Inseln und Wüsten abwechseln. Zu den Landschaftsaufnahmen höre ich leises Wasserrauschen im Hintergrund. Der Boden besteht aus Plastikgras, neben mir steht ein pinkfarbener Plastik-Kirschblütenbaum, im Regal finden sich Familientherapie-Bücher und Reiseführer für Kalifornien.

Ich bin in Los Angeles, in einem gerade neu eröffneten Wellness-Salon, über den als erstes Virtual-Reality-Massagestudio weltweit berichtet wird, obwohl die Idee, Massagen mit virtueller Realität (VR) zu kombinieren, nicht ganz neu ist. An diesem Freitag bin ich auch gleich die erste Kundin.

Gleich geht es los: Die Autorin vor ihrer Massage
Sonja Peteranderl/SPIEGEL ONLINE

Gleich geht es los: Die Autorin vor ihrer Massage

Auf der Esqapes-Webseite habe ich mir für 45 Dollar eine halbstündige VR-Massage-Session reserviert - die härtere Version, "intense" statt "gentle". Für 30 Minuten könnte das ein teurer Spaß werden, dachte ich mir beim Buchen, zumal mich die optionale "Heat Therapy" noch fünf Dollar zusätzlich kostet.

Im Buchungsformular können Kunden zwischen zehn verschiedenen VR-Szenarien für ihre Massage wählen. Es gibt die "Snowbank Cabin" mit Kaminfeuer und Schnee, die Canyon-Suite "Standing Rock" mit Monarchfaltern oder "Heavenly Garden". Ich entscheide mich fürs "Desert Spa", für eine Oase in der Wüste. "Der Klang des plätschernden Pools und die Wärme der Sonne werden Sie in einen süßen Entspannungszustand versetzen", heißt es im Werbetext.

Am Empfang muss ich das Studio erstmal von allen Haftungsansprüchen freisprechen, dann verstaue ich meine Sachen in einem Schließfach. Ausziehen muss ich für die VR-Massage nur meine Schuhe.

Pausieren nicht möglich

Als es losgeht, führt mich ein Assistent in einen schlichten Raum. In der Mitte thront ein gigantischer Massagesessel aus Leder, dahinter steht ein PC. Der Sessel hat Flügeltüren wie ein Auto, so dass ich seitlich einsteigen kann. Designt hat das DreamWave genannte Modell Ken Okuyama, der zum Beispiel schon für Porsche gearbeitet hat.

Nachdem ich Platz genommen habe, setzt mir der Assistent das Oculus-VR-Headset auf, dabei sagt er mir, dass ich nicht viel tun muss. Falls Probleme mit der Brille auftreten sollten, soll ich einfach den Arm heben - pausieren könne er die Massage allerdings nicht, er müsste das Programm dann abbrechen.

Mit diesem Werbebild will Esqapes neue Kunden gewinnen
esqapes

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Die Brille lastet schwer auf meinem Kopf. Mit einer Atemübung wird das Headset kalibriert: Ich atme auf Kommando langsam ein und aus und blicke dabei auf Symbole, die im Raum schwirren. Der Szenenwechsel ins VR-Setting kommt aber schnell: In der virtuellen Realität sitze ich an einem Pool und blicke auf ein Wüstenpanorama mit Bergen und einer weiten Landschaft, die in Nebel gehüllt ist. Adler fliegen durch den Himmel. Dazu bläst mich im Massageraum leichter Wind an, begleitet von Düften wie Zitronengras. Dass sich der Assistent mit im Raum befindet, vergesse ich schnell.

Völlig überteuert

Auf einen virtuellen Masseur, der mich in der VR-Szene massiert, warte ich fortan vergeblich. Stattdessen sehe ich nur ein digitales Abbild meines Massagesessels vor mir, der mich derweil durchknetete. In den ersten Minuten schaue ich mich noch in der virtuellen Umgebung um und drehe meinen Kopf nach rechts und nach links. Dann aber merke ich, dass in dieser VR-Welt einfach nichts passiert, abgesehen von den Vögeln, die immer wieder zum Flug über die Wüste abheben.

Während der Massage fallen mir ohnehin immer wieder die Augen zu - was die VR-Szene bald völlig irrelevant macht. Die Rückenlehnen des Sessels quetschen mich zur Seite, meine Arme werden von den Seitenlehnen durchgewalzt, sogar die Fußsohlen massiert. Während ich einschlafe, reißt mich eine virtuelle Atemübung in die Realität zurück. Willkommen zurück.

Am Ende der Massage bin ich tatsächlich etwas entspannter - was aber vor allem an dem Luxus-Massagesessel lag, nicht am Begleitprogramm. Die VR-Szene ist nicht mehr als ein Gimmick, das höchstens am Anfang zum Erlebnis beiträgt. Unterm Strich sind 50 Dollar für eine halbe Stunde Sesselmassage so gesehen völlig überteuert.

Für dasselbe Geld könnte man sich auch von einem menschlichen Masseur verwöhnen lassen - ohne das unbequeme VR-Headset auf dem Kopf, das eine rote Druckstelle auf meinem Nasenrücken hinterlässt. So wie Esqapes sie anbietet, wird sich VR-Massage wohl nicht durchsetzen, vermute ich, so spannend und modern das Angebot auch klingt.

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moriar 10.07.2019
1. Ein absoluter
Nerd-Spaß. Denn wenn ich gut massiert werde schließe ich die Augen, da ist es egal was ich sehe oder wo ich bin. Der Preis für eine Sesselmassage vom Porschedesigner ist auch etwas abgehoben. Aber alles was VR bekannter und akzeptabler macht ist in meinen Augen schon ok, auch wenn es wie hier nur Spielerei ist, wie der Artikel ja auch vernünftiger Weise sagt
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