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Hackerspace im Bergischen Land: Gemeinsam reparieren statt wegwerfen

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Reparatur-Cafés Hacker heilen Haushaltsgeräte

Wer ein defektes Gerät zu Hause hat, der findet womöglich Hilfe beim Hacker von nebenan. In Wuppertal zum Beispiel findet monatlich ein Reparatur-Café statt, in dem vieles wieder zum Laufen gebracht wird: Technikfreunde gegen die Wegwerfgesellschaft.

Fünf kluge Menschen stehen um einen kaputten Staubsauger herum und sind ratlos. IT-Fachleute und Elektriker sind sie von Beruf, sogar eine Narkoseärztin ist dabei. Das Gerät stammt von einer deutschen Traditionsmarke, deren Produkte angeblich ein Leben lang halten sollen. Nun ist manches Leben kurz, und dieser Staubsauger geht einfach nicht mehr an. Bevor er weggeworfen wird, sollen sich jetzt Hacker und Bastler darum kümmern. Doch sie finden den Fehler einfach nicht.

Ein Paar hat das Gerät in den Wuppertaler Hackerspace mit dem sperrigen Namen "/dev/tal " mitgebracht. Im historischen Mirker Bahnhof  treffen sich normalerweise Programmierer, Nerds und Tüftler, selten dagegen Mütter und Senioren.

Einmal im Monat werden die Nachbarn eingeladen. Sie sollen ihre defekten Geräte mitbringen, damit man sie gemeinsam wieder instandsetzen kann, anstatt sie wegzuwerfen. Viele Hackerspaces haben so ein Reparatur-Café, und die Wuppertaler sind damit in der Stadt sogar ein klein wenig berühmt geworden. Seitdem sogar das Fernsehen da war, stehen die Leute Schlange. Eine Mutter hat einen defekten VHS-Recorder dabei, weil sie findet, dass das alte Bandformat das einzig Wahre ist, eine Flohmarktgängerin einen altmodischen Toaster, der nicht mehr funktioniert.

"Bei einer Narkose kann mehr schief gehen"

Das Projekt passt in die Zeit: In diesen Wochen diskutiert Deutschland über "geplante Obsoleszenz", ein eingebautes Haltbarkeitsdatum also, das Elektrogeräte kurzlebiger machen soll. Die Vermutung: Die Hersteller konstruierten ihre Produkte absichtlich so, dass deren Lebensdauer begrenzt ist. Damit die Kunden regelmäßig wegwerfen und neu kaufen. Wer das nicht mitmachen will, kann zum Beispiel in den Mirker Bahnhof kommen.

Dort warten Programmierer und Mechaniker und Hobbybastler - oder eben auch die handwerklich begabte Anästhesistin. Sie heißt Annika Hanning, ist 30 Jahre alt und interessiert sich für Technik. "Die Geräte sind ja sowieso schon kaputt, da kann man nicht viel falsch machen", sagt sie, "bei einer Narkose kann viel mehr schief gehen."

Bei dem kaputten Staubsauger aber braucht sie Hilfe. Die kommt von einem Mann, den hier alle schlicht Didi nennen. Didi ist groß, hat eine Halbglatze und sieht stark aus. 30 Jahre lang war er Berufssoldat. Vor allem aber ist er Elektriker und kriegt so ziemlich alles wieder hin, was einen Stecker hat. "An mir kann keine Firma reich werden, ich repariere zu Hause alles selbst, sogar mein Auto", sagt der 60-Jährige. Als er im Fernsehen vom Reparatur-Café hörte, ging er tags drauf hin und packte mit an. Er wurde Mitglied im Verein des Hackerspaces und hilft seitdem reparieren. Ehrenamtlich, wie alle hier.

Oft wäre die Reparatur teurer als ein neues Gerät

Jetzt sitzt er zwischen 3-D-Drucker und Zauberwürfel und öffnet den Motor des Staubsaugers. Er fummelt, sucht und plötzlich hat er den Fehler gefunden, tief im Inneren der kleinen Maschine, am Überhitzungsschalter. Er glaubt, dass es Absicht des Herstellers war, dass der Staubsauger jetzt nicht mehr funktioniert. "Das ist ein typischer Fall. Eine Verbindung ist abgebrochen, und ich nehme an, dass die schon von Hause aus so angelegt war", sagt er und greift zum Lötkolben. "Der Kunde hat in so einem Fall oft nur die Möglichkeit, den ganzen Motor auszutauschen und der kostet bestimmt zwischen 100 und 150 Euro."

Die meisten würden sich wohl gleich ein neues Gerät kaufen, die gibt es ja viel billiger. So etwas regt Didi auf, diese Verschwendung, dabei müsse man doch nur einmal kurz löten. Minuten später ist das bereits passiert, dann der Motor zusammen- und wieder eingebaut, der Stecker eingesteckt, und tatsächlich: Der Staubsauger heult auf, es staubt, er läuft wieder. Genauso wie Radios, Lampen, Wecker und Toaster, die an diesem Sonntag wieder "wachgeküsst" werden, wie es eine Besucherin nennt.

"Schön, dass es so was gibt", sagt Margret Meiners. Die 57-Jährige ist schon zum dritten Mal mit einen defekten Gerät in den Hackerspace gekommen. Auch sie hatte durchs Fernsehen vom Reparatur-Café  gehört. Diesmal hat sie einen kaputten DVD-Recorder dabei und schraubt ihn gleich auf. "Das kann ich schon noch selber, ich bin gelernte Zweiradmechanikerin", sagt sie. Aber innen kennt sie sich nicht mehr aus und braucht Beratung.

So ist die Veranstaltung eigentlich gedacht, das war die Idee, als das erste sogenannte Repair-Café  in den Niederlanden eröffnet wurde und später auch in anderen viele Ländern folgten: Hilfe zur Selbsthilfe. "In der Praxis sieht das aber meistens anders aus", sagt Nico Heßler vom Wuppertaler Hackerspace, "meistens helfen die Leute zwar ein bisschen, gucken dann aber nur noch zu". Zu kompliziert sind die mitgebrachten Geräte, zu viel Fachkenntnis braucht man, um etwa den Fehler an einem Computer zu finden.

"E-Mail habe ich nicht"

Aber es geht ja nicht zuletzt ums Brückenbauen: "Für uns ist das aber auch eine Gelegenheit, uns ein bisschen zu öffnen. So haben die Leute einen Grund, um vorbeizukommen und unseren Hackerspace kennenzulernen", sagt Heßler. Schließlich ist es ein Anliegen der Technikfans, etwas für ihre Stadt zu tun. In einem Projekt haben sie zum Beispiel die Daten der Stadt Wuppertal für die Bürger öffentlich gemacht, und sie überlegen gerade, eine Art Reparatur-Café für Fahrräder einzurichten.

"Da könnten wir eine Zweiradmechanikerin gut gebrauchen", sagt Heßler und sieht Margret Meiners an. "Klar, wenn ich helfen kann, mach ich das gern", antwortet die. "Dann lassen Sie uns doch einfach Ihre E-Mail-Adresse da", sagt Heßler. "E-Mail habe ich nicht", entgegnet die grauhaarige Dame und wendet sich an ihren Mann: "Du hast doch eine, gib die denen mal." Eine neue Brücke ist in Arbeit.

Dieser Text ist der zweite Teil einer Serie, in der wir verschiedene Hackerspaces und Fablabs im deutschsprachigen Raum vorstellen. Dafür besuchen wir mehrere Werkstätten oder Clubräume und treffen Menschen, die uns von ihren außergewöhnlichen Projekten erzählen.


WAS SIND FABLABS UND HACKERSPACES?

Wir besuchen verschiedene Räume, in denen kreativ mit Technik umgegangen wird. Lesen Sie hier, was man eigentlich unter einem FabLab oder einem Hackerspace versteht.


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