Fairphone 3+ im Test Grünes Mittelmaß

Das neue Fairphone unterscheidet sich kaum vom Vorgänger. Wer den hat, braucht nur einen Schraubenzieher und zwei Austauschmodule, um es auf den neuen Stand zu bringen.
Das neue Fairphone 3+: Verbesserungen im Detail

Das neue Fairphone 3+: Verbesserungen im Detail

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich das damals neue Fairphone 3 als "No Thrills"-Smartphone bezeichnet: Technisch alles nur Mittelklasse, dafür aber besonders leicht vom Besitzer selbst reparabel und dadurch auch nachhaltig. Nun hat das kleine Unternehmen aus den Niederlanden am Donnerstag das neue Fairphone 3+ vorgestellt. Ich konnte es schon gut eine Woche lang testen und habe dabei festgestellt: Neu ist an diesem Telefon nicht viel. Aber genau das ist im Sinne des Erfinders.

Denn Nachhaltigkeit ist der eine Punkt, in dem die Smartphones von Fairphone besser dastehen als alle anderen Smartphones auf dem Markt. Von Anfang an hat das Unternehmen nicht versucht, die beste Kamera oder den größten Akku einzubauen. Stattdessen setzt sich die Firma beispielsweise für bessere Arbeitsbedingungen in den Minen ein, in denen die Edelmetalle und Seltenen Erden gefördert werden, die für die Elektronik von Smartphones unersetzlich sind.

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Fairphone 3+

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Gerade erst habe man die Fair Cobalt Alliance gegründet, sagt Monique Lempers, die bei Fairphone für "Impact Innovation" zuständig ist, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Zu der Allianz gehören Firmen wie Signify, Hersteller der Philips Hue-Lampen. Der Verbund will unter anderem die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit der Arbeiter verbessern, vor allem in der Demokratischen Republik Kongo. Von dort kommen etwa 60 Prozent des weltweit abgebauten Kobalts. Und davon wiederum werden 20 Prozent in kleinen und kleinsten Minen abgebaut, die oft nur tiefe Tunnel ins Gestein sind, ohne Lüftung oder Sicherheitsmaßnahmen.

Mehr Reycling-Plastik

Das Fairphone 3+ besteht zu großen Teilen aus Recycling-Kunststoff

Das Fairphone 3+ besteht zu großen Teilen aus Recycling-Kunststoff

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Dem Fairphone 3+ sieht man all das freilich nicht an, es sieht aus wie ein normales Smartphone, wenn auch kein besonders schickes. Statt aus Glas oder Metall, wie vor allem bei High-End-Modellen üblich, besteht sein Gehäuse aus Kunststoff. Der ist nicht nur leichter zu verarbeiten, braucht weniger Energie und Rohstoffe als etwa ein Gehäuse aus Aluminium, sondern besteht beim Fairphone 3+ auch noch zur Hälfte aus Recycling-Plastik. Beim Vorgängermodell sei dieser Prozentsatz noch deutlich geringer gewesen, sagt Managerin Lemper.

Nebenbei hat das Plastik den Vorteil, dass man den Rückendeckel einfach abnehmen kann. Darunter zeigt sich der modulare Aufbau des Fairphone 3+. Allerdings ist nur der Akku ohne Werkzeug herausnehmbar. Das muss er auch sein, denn nur, indem man den Akku entfernt, kommt man an die Steckplätze für SIM- und Speicherkarten heran.

Lauter kleine Schrauben

Um an die Innereien zu gelangen, müssen 13 Schrauben gelöst werden. Die sind zwar alle fummelig klein, haben aber eine einheitliche Größe und sind dank Kreuzschlitzformat ohne Spezialwerkzeug zu lösen. Einen kleinen Schraubendreher liefert Fairphone mit, aus Komfortgründen habe ich aber lieber einen eigenen benutzt.

Hat man dann noch den Bildschirm vom Rest des Gehäuses gelöst, liegen die Module fein sortiert vor einem. Alle sind mit Bezeichnungen wie "Speaker Module", also "Lautsprechermodul" gekennzeichnet. Da findet man sich leicht zurecht. Schön: Die Module sind mit den gleichen Schrauben befestigt, wie man sie auch am Gehäuse findet.

Da kann man sich nicht verirren: Alle Module sind klar gekennzeichnet

Da kann man sich nicht verirren: Alle Module sind klar gekennzeichnet

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Ein Blick ins Innere zeigt auch die einzigen technischen Neuerungen des Plus-Modells gegenüber dem Fairphone 3:

  • Zum einen enthält das neue "Top Module" eine neue 16-Megapixel-Kamera für Selfies,

  • zum anderen ist das Kameramodul nun mit einer 48-Megapixel-Kamera ausgestattet.

Zwei Module sind neu

Beide Module kann man allerdings auch einzeln kaufen. Wenn man also schon ein Fairphone 3 besitzt, kann man das auf den technischen Stand des Fairphone 3+ aufrüsten, indem man für 60 Euro das neue Kameramodul und für 35 Euro das neue Top Module kauft und anstelle der alten Module einsetzt.

Eine Offenbarung sind die neuen Kameras allerdings nicht. Beim Fairphone 3 war mir aufgefallen, dass die Kamerasoftware oft Details regelrecht zu Tode komprimiert. Das ist beim neuen Modell nicht mehr der Fall und man kann damit wirklich gut brauchbare Schnappschüsse machen. Zum einen aber habe ich eine Neigung zu blaustichigen Aufnahmen festgestellt, zum anderen hat sich die Kamera manchmal schwergetan, auf das Motiv zu fokussieren, das ich auf dem Display ausgewählt habe.

Im Übrigen hat sich an der Hardware nichts getan, die Akkulaufzeit ist immer noch "geht so", die Leistung im unteren Mittelklassebereich. Aber das können Sie alles in meinem Testbericht vom vergangenen Jahr nachlesen.

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Testfotos - Fairphone 3+

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Fazit

Das Fairphone 3+ ist genauso gut wie sein Vorgänger und das vor allem fürs Gewissen. Das gilt zum einen für die Rohstoffe, die aus dem konfliktfreien, fairen Handel stammen, zum anderen für die Reparierbarkeit: Geht das Display mal kaputt, kauft man für 90 Euro ein neues und baut es selbst ein. Dafür bezahlt man freilich auch mehr, als für modernere und besser ausgestattete Handys wie das Google Pixel 4a oder das OnePlus Nord, nämlich 469 Euro.

Mit dem Aufpreis unterstützt man letztlich Fairphones Bemühungen, den Abbau von Rohstoffen sicherer und fairer zu machen. In der Smartphone-Branche ist in diesem Bereich nur Apple ähnlich aktiv - aber wesentlich teurer.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

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