Fairphone 3 im Test Das Smartphone mit dem Schraubenzieher

Mit dem Fairphone 3 kommt eine neue Version des vergleichsweise fair produzierten Smartphones aus den Niederlanden auf den Markt. Das Update zeigt, wie einfach man Handys selbst reparieren kann - und zu welchem Preis.

Matthias Kremp

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Drei Jahre nachdem Google seinen Versuch aufgegeben hat, ein modulares Smartphone zu entwickeln, zeigt ein Häufchen Enthusiasten aus den Niederlanden erneut, dass so etwas tatsächlich funktionieren kann. Nur anders, als es sich Googles Forscher erdacht hatten. Das Fairphone 3, das am heutigen Dienstag in Berlin seine Weltpremiere hatte, wird mit einem kleinen Schraubenzieher geliefert. Viel mehr braucht man nicht, um das Handy zu reparieren und Komponenten auszutauschen.

Genau das ist es aber auch, was das Fairphone 3 auf den ersten Blick von der Konkurrenz unterscheidet: Der Rückendeckel aus grau gefärbtem Kunststoff lässt sich einfach abnehmen, der Akku mit wenigen Handgriffen auswechseln. Im Inneren sieht man viele schlichte Kreuzschlitzschrauben von einheitlicher Größe.

Einmal gelöst, geben sie den Zugriff auf die sieben Baugruppen des Fairphone 3 frei, die man einfach selbst austauschen können soll. Ein Ersatzlautsprecher etwa soll 20 Euro kosten, ein neues Kameramodul 50 Euro, der Akku 30 und ein neues Displaymodul 90 Euro. Selbst ausprobiert haben wir das mangels Ersatzteilen noch nicht. Den Reparaturexperten von iFixit aber dürften beim Blick ins Innere des Fairphone 3 die Herzen aufgehen, denn hier ist alles nutzerfreundlich verschraubt statt verklebt, man braucht weder Spezialwerkzeug noch Expertenkenntnisse, um etwas auszutauschen. Nur etwas Zeit sollte man sich für Reparaturen nehmen.

Und was kann das?

Das technische Innenleben des fairen Smartphones Nummer 3 ist weit von dem entfernt, was in der Oberklasse derzeit üblich ist. Hier gibt es keine Dreifachkamera, keine Gesichtserkennung und schon gar kein 5G-Funkmodul. Stattdessen eine eher pragmatische Ausstattung mit Mittelklasseprozessor, 64 Gigabyte Speicher, Zwölf-Megapixel-Kamera und 5,7-Zoll-Bildschirm (2160 mal 1080 Pixel).

Dass ein solches Gerät beim "technisch anspruchsvollen Nutzer keine Wünsche offen" lässt, wie es Fairphone formuliert, muss man als forsche Übertreibung ansehen. Eher erinnert es an Geräte wie Motorolas G7 Power, die man in die untere Mittelklasse einsortieren kann.

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Smartphone mit Schraubenzieher: Das ist das Fairphone 3

Entsprechend mittelmäßig ist dann auch die Performance. Test-Apps bescheinigen dem Prozessor eine Leistung, die vor drei Jahren noch top gewesen wäre. Heute reicht das immerhin, um das Android-9-Betriebssystem und Apps mühelos und ruckelfrei nutzen zu können. Bei grafisch aufwendigen Spielen könnte es in Zukunft aber eng werden. Auch die Ausdauer des Akkus kann man als "okay" bezeichnen. Nach acht Stunden unter Volllast oder rund zwölf Stunden beim Abspielen eines Films in Dauerschleife schaltet es sich ab.

Ähnlich wie für den Prozessor gilt auch für die Kameras, dass sie eher in die Mittel-, als in die Oberklasse gehören. Man kann damit gute Schnappschüsse machen, aber die Farben wirken etwas matt, Hintergrunddetails werden von der Kamerasoftware teils bis zur Unkenntlichkeit "zerrechnet". Selfies bekommt das Fairphone 3 gut hin, doch werden sie oft zu dunkel, auch bei hellem Sonnenlicht.

Alle drei Jahre ein neues Modell

Zwei Zahlen illustrieren das Dilemma von Fairphone: Auf Facebook hat das Unternehmen 142.000 Fans, verkauft wurden bisher aber nur 130.000 Fairphones weltweit. Damit ist die niederländische Firma, die sich selbst als "Social Business" bezeichnet, nur eine Randnotiz im Big Business von Firmen wie Samsung, Huawei und Apple, die stets in Millionenstückzahlen rechnen. Aber eben eine wichtige Randnotiz, denn Fairphone will den Großen zeigen, wie man Smartphones herstellen kann, ohne Natur und Menschen auszubeuten - zumindest weitgehend.

Das Fairphone 3, das am heutigen Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist, folgt mit drei Jahren Abstand auf das zweite Modell, welches wiederum drei Jahre nach dem ersten Fairphone auf den Markt kam. Auch mit ihrer Produkterneuerungspolitik weichen die Niederländer von der Konkurrenz ab, die mittlerweile teilweise im Halbjahresrhythmus neue Smartphones vorstellt.

Fazit

Vorteile und Nachteile

Sehr leicht reparierbar

Akku austauschbar

Fair gehandelte Rohstoffe

Viele Komponenten als Ersatzteil erhältlich

Vergleichsweise hoher Preis

Nicht wasserdicht

Das Fairphone 3 ist ein "No Thrills"-Smartphone, zumindest technisch. Leistung, Bildschirm, Ausdauer und Kamera entsprechen allesamt der Mittelklasse. Bei Nachhaltigkeit und Reparierbarkeit punktet es dafür umso mehr. Kein anderes Smartphone ist so leicht vom Anwender zu warten, von kaum einem anderen kann man sagen, dass es so sehr nach dem Prinzip des fairen Handels hergestellt wird. Das Unternehmen verwendet nach eigenen Angaben konfliktfrei gehandeltes Zinn und Wolfram, Recycling-Kupfer und -Kunststoff sowie Fairtrade-Gold für das Modell. Laut Greenpeace bemüht sich einzig Apple ähnlich intensiv um Nachhaltigkeit.

Der Aufpreis dafür ist leider substanziell: 450 Euro soll das Fairphone 3 kosten, wenn es am 3. September in den Handel kommt. Das sind zwar 75 Euro weniger, als für den Vorgänger fällig wurden, doch ein technisch in etwa gleichwertiges Motorola G7 Power kostet nicht mal die Hälfte.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
NTP 27.08.2019
1. Ja, aber...
"...doch ein technisch in etwa gleichwertiges Motorola G7 Power kostet nicht mal die Hälfte." Das mag richtig sein, jedoch wird beim etwa gleichwertigen Smartphone von Motorola (Lenovo) mit Sicherheit nicht so bedacht auf weitgehend faire Produktionsbedingungen geachtet wie bei Fairphone. Statt auf Performance oder Ausstattung sollten hier gern "Nachhaltigkeit und Reparierbarkeit" im Vordergrund stehen.
mwroer 27.08.2019
2.
Ja, fair kostet eben etwas mehr. Meine Idee (ich gebe zu die ist ein bisschen albern): Ein Telefon für Leute die ihr Telefon zu 90% zum telefonieren benutzen und (jetzt wirds ganz albern) einen Fotoapparat besitzen. Wer ein Multimediaspielgerät will das telefonieren kann - der kauft ein anderes Smartphone. Leben und leben lassen, ne :) Ich beschwer mich ja auch nicht über die mangelhafte Geschwindigkeit und Fahrdynamik eines Volvos wenn ich ein Auto suche um Formel 1 Rennen zu fahren.
kulinux 27.08.2019
3. Werde mir eines kaufen.
Ich hatte schon die ersten beiden Fairphones und war im Grunde zufrieden damit, habe sie dann an Teenager im Bekanntenkreis weiter gegeben. Lediglich die Software (also Android) halte ich nicht für sehr intuitiv benutzbar. Natürlich ist der Preis "stozl", aber das Projekt zeigt andererseits auch, dass so etwas selbst schon bei sehr kleinen Stückzahlen machbar ist –und das ist m.W. auch das Hauptziel der Macher. Es wäre wirklich zu begrüßen, wenn sich die großen Hersteller daran ein Beispiel nehmen würden: Nicht nur könnten sie vermutlich durch viel höhere Stückzahlen den Preis noch deutlich senken. Es wäre sicherlich auch genauso gut möglich, das Ganze mit dem Knowhow solcher Firmen eleganter, flacher, leichter … zu machen. Dass genau das aber gerade NICHT geschieht, wirft ein bezeichnendes Licht auf alle (die wenigen) Hersteller, die sich –wie Apple –damit brüsten, möglichst umweltfreundlich zu produzieren und die Geräte zu recyclen. Fairphone zeigt, dass da noch viel mehr möglich ist. Es ist nur nicht gewollt … und die Kunden sind zu faul, die großen Anbieter wenigstens etwas in diese Richtung zu "drücken".
Klara.Fall 27.08.2019
4. Sehr cool, sehr Greta?
Ich besitze ein FP2 und bin sehr zufrieden. Es kann alles was der Otto-Normal-Nutzer benötigt, kein Grund also hier einen sehr abwertend wirkenden Artikel über das nächste FP zu schreiben. Interessieren würde mich allerdings wer von unseren Elfenbeinturm-Grünen-Ökos auch ein FP (oder vergleichbar faires) Nutzer ist anstelle den Riesenkonzernen das Geld in den Rachen zu werfen und dann noch von "Ausbeutern der Dritten Welt" schreit.
kronk 27.08.2019
5. das Problem
ist hier ein ähnliches wie beim Fleisch - es gibt das deutlich "vernünftigere" Bio-Fleisch, bei dem (ein wenig Hoffnung und Glaube ans Gute vorausgesetzt) die Tiere deutlich besser leben und weniger leiden, aber der Preisunterschied zum gewohnten Massenfleisch ist krass hoch. Und ganz ehrlich, wenn ich zurückdenke, hatte ich bei keinem meiner bisher 4 Smartphones (S2,S4,Nexus 6, OnePlus5) das Problem dass ich irgendein Teil davon reparieren wollte oder musste. Ok, mein S4 fiel mal runter und es musste ein neues Display bekommen, aber der Preis dafür war ähnlich wie der hier angegebene. Aber bei keinem schwächelte der Akku, bei keinem musste ich die Kamera tauschen oder sonst irgendwas. Warum soll ich also mehr Geld ausgeben für weniger Leistung? Das Problem ist, dass es die "Massentierhaltungs"-Handys als Alternative gibt. Die sollte es zu diesem Preis einfach nicht geben, genau so wie es kein Kilo Hack für 3€ geben sollte. Da ist was grundsätzlich falsch in unserer Welt. Aber bis das eine Mehrheit der Leute eingesehen hat, wird noch viel bis unendlich viel Zeit vergehen.
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