Fairphone 4 im Test Ein Handy auch für das überüberübernächste Android

Beim neuen Fairphone setzt der Hersteller stark auf Recycling und verspricht Updates bis 2027. Hübsch anzusehen ist das Modell allerdings nicht – und der Akku des Testgeräts enttäuscht gleich doppelt.
Überwiegend der Nutzerin oder dem Nutzer zugänglich: das Innenleben des Fairphone 4

Überwiegend der Nutzerin oder dem Nutzer zugänglich: das Innenleben des Fairphone 4

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Die vergleichsweise nachhaltigen Smartphones von Fairphone haben sich bisher durch drei Eigenschaften ausgezeichnet: Die Rohstoffe stammten, so gut es eben geht, aus umweltschonender und fairer Produktion, die Leistung war mittelmäßig, ebenso wie das Design. Das neue Fairphone 4, das am Donnerstag vorgestellt wurde und das ich schon eine Weile vorab testen konnte, reiht sich da recht nahtlos ein. Einige positive Veränderungen gibt es aber.

Das gilt zum Beispiel für das Prinzip, Fairphones nachhaltig und fair zu produzieren. So stammen mittlerweile 14 der in dem Gerät verbauten Materialien aus nachhaltigen und fairen Quellen, darunter Fairtrade-zertifiziertes Gold, faires Wolfram aus Ruanda und Recycling-Zinn. Der Rückendeckel besteht komplett aus Recycling-Kunststoff. Beim Fairphone 3+ war er nur teilweise aus Kunststoff.

Nachhaltigkeit drückt das Unternehmen aber auch damit aus, dass es bis 2025 Support für das Fairphone 4 verspricht. Etwas schwurbelig ergänzt das Unternehmen, dass es zudem auch Updates auf Android 14 und 15 liefern will. Das würde bedeuten, dass es noch bis 2027 Support bekommen und mit dem dann aktuellen Google-Betriebssystem laufen würde, sechs Jahre nach seiner Veröffentlichung. Im Android-Ökosystem ist das ein bisher einmaliges Versprechen. Ausgeliefert wird es mit Android 11.

Einfach mal Schraubendrehen, das gehört beim Fairphone 4 dazu

Einfach mal Schraubendrehen, das gehört beim Fairphone 4 dazu

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Zur Nachhaltigkeit gehört bei Fairphone aber stets auch, dass die Smartphones von den Nutzerinnen und Nutzern selbst repariert werden können. Symbolisch hatte die Pressestelle des Unternehmens meinem Testgerät einen Kreuzschlitzschraubenzieher beigelegt. Mit dem lassen sich Kameramodul und das Mikrofon- und Lautsprecher-Modul aus- und einbauen. Dasselbe gilt für den Bildschirm, den Akku kann man ohne Werkzeug aus dem Gerät heben.

Das Modul mit dem Prozessor hingegen ist mit Torx-Schrauben gesichert und offenbar nicht für einen Austausch vorgesehen. Die Werkstatt ist man selbst, die Kosten für Austauschmodule sind moderat. Ein Akku kostet 30 Euro, ein Display 80 Euro.

Fairphone-Karton: Neues Smartphone kaufen, das alte zum Recycling geben

Fairphone-Karton: Neues Smartphone kaufen, das alte zum Recycling geben

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Ganz neu ist allerdings, dass Fairphone sein aktuelles Modell als elektroschrottneutral bezeichnet. Für jedes verkaufte Gerät will das Unternehmen ein Smartphone oder die entsprechende Menge Elektroschrott dem Recycling zuführen oder ein gebrauchtes Handy generalüberholen. Wer da mitmachen will, kann den Versandkarton des Fairphones nutzen, um der Firma ein altes Smartphone zu schicken.

Ein bisschen dick

Das klingt alles gut und ist unbedingt fördernswert. Bleibt die Frage, was das Fairphone 4 taugt. Zunächst einmal wirkt es viel robuster und hochwertiger als seine Vorgänger. Der stabile Rahmen ist aus Metall, das Bildschirmglas stammt von Corning, einer Firma, deren »Gorillaglas« wegen seiner Widerstandsfähigkeit bei vielen hochwertigen Smartphones verwendet wird.

Der Versandkarton: Alles kompostierbar, bis auf den Schraubendreher

Der Versandkarton: Alles kompostierbar, bis auf den Schraubendreher

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Elegant ist das Fairphone 4 indes nicht, dafür ist es zu dick, überragt sogar den Kameraaufbau eines iPhone 13. »Wir stellen die traditionelle Art und Weise, Geräte zu entwerfen infrage, einschließlich der Vorstellung, dass ein dünneres Handy-Design besser ist«, sagt Fairphone-Chefin Eva Gouwens dazu. Ihre Kundinnen und Kunden seien »Menschen, die unabhängige Entscheidungen treffen, um einen positiven Wandel zu schaffen – und sie wählen Fairphone, um diesen Wandel zu beschleunigen«.

Vom Fairphone 4 selbst darf man allerdings keine hohen Beschleunigungswerte erwarten. Seinen Snapdragon 750G-Chip hat Qualcomm entwickelt, um Smartphones der Mittelklasse mit Premiumfunktionen und vor allem 5G-Mobilfunk auszurüsten. So wundert es nicht, dass Benchmark-Apps dem Gerät nur etwa ein Drittel der Leistung eines aktuellen iPhone 13 attestieren.

Der Bildschirm ist in Ordnung, aber nicht brillant

Der Bildschirm ist in Ordnung, aber nicht brillant

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Beim normalen Umgang mit dem Handy bemerkt man diesen Unterschied freilich kaum. Sicher, Spiele-Apps mit aufwendiger Grafik können auf dem Fairphone 4 möglicherweise nicht immer all ihre Pracht entfalten, aber Hardcore-Gamer gehören wohl auch nicht zur Zielgruppe. Für alles andere reicht die Leistung dicke aus. Ob sie auch für Android 15 reichen wird, wie es sich Fairphone erhofft, dürfte davon abhängigen, wie viele Gimmicks Google nach Android 12 in das überüberübernächste Android einbaut.

Ausdauer: Geht so

Die Hoffnung, dass das dicke Handy auch eine dicke Ausdauer hat, konnte es bei meinem Akkutest – dem endlosen Abspielen von Videos bei voller Bildschirmhelligkeit – nicht erfüllen. Es schaltete sich nach achteinhalb Stunden ab. Schlechter schnitt in den vergangenen Jahren nur das Carbon Mobil 1 MKII ab. Für einen knappen Tag mag das ausreichen, Intensivnutzer könnten hier aber an Grenzen stoßen.

Nur das Prozessormodul ist mit Torx-Schrauben gesichert

Nur das Prozessormodul ist mit Torx-Schrauben gesichert

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Eine Aussage dazu, wie schnell sich der Akku aufladen lässt, kann ich nicht machen. Denn dem Fairphone 4 liegt kein Ladegerät, nicht mal ein Kabel bei. Schließt man es über ein bereits vorhandenes oder dafür gekauftes Netzteil an die Steckdose an, hängt die Ladegeschwindigkeit von dessen Fähigkeiten ab. Bei Fairphone bekommt man ein Netzteil als Zubehör für 25 Euro.

Eine Macke im Testgerät

Aber selbst wenn ein Ladegerät zum Standardzubehör gehören würde, wäre mir eine Aussage zur Ladegeschwindigkeit nicht möglich gewesen, weil das Test-Handy immer wieder abgestürzt ist, sobald ich ein USB-C-Kabel eingesteckt habe. Nur mit einem Neustart oder dem Entnehmen des Akkus konnte ich es wieder zum Laufen bringen.

Nach mehreren Tagen Bedenkzeit erklärte Fairphone dazu, dieser Fehler sei dem Unternehmen nicht bekannt und bot am Tag der Veröffentlichung dieses Artikels einen Austausch des Testgeräts an. Demnach sind die bei meinem Testgerät aufgetretenen Probleme ein Einzelfall, mein Test-Handy das, was man ein Montagsgerät nennt. Überprüfen konnte ich das nicht.

Fast fertig: Die Kameras

Die Kameras des Fairphone 4

Die Kameras des Fairphone 4

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Was ich auch nur ansatzweise überprüfen konnte, waren die Kameras. Das Fairphone 4 bietet das derzeit in der Mittelklasse übliche Doppelpack: eine Weitwinkelkamera mit 48 Megapixeln und optischem Bildstabilisator sowie eine Ultraweitwinkelkamera mit Makrofunktion und ebenfalls 48 Megapixeln. Eine Telefunktion wird nur digital bis zu achtfacher Vergrößerung geboten. Auf der Vorderseite steckt eine 25-Megapixel-Kamera im Display.

Endgültige Aussagen über deren Qualität lassen sich nicht machen. Laut Fairphone ist die Kamerasoftware noch nicht final, ein Update soll am 25. Oktober erscheinen. Die Schnappschüsse, die ich bisher damit gemacht habe, würde ich als okay bezeichnen. Bei meinen Aufnahmen des SPIEGEL-Verlagsgebäudes wirkt es, als läge ein Grauschleier über der Stadt. Von der achtfachen Software-Zoomfunktion sollte man die Finger lassen.

Fotostrecke

Fairphone 4 Testbilder

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Fazit

👍 Faire Gewinnung von Ressourcen

👍 Leicht reparierbar

👍 Update-Versprechen bis 2027

👎 Technisch nur Mittelklasse

Das aktuelle Modell ist ja meist das Beste, beim Fairphone 4 gilt das auf besondere Weise. Die Qualität der Hardware ist gut, das Versprechen, bis zu Android 15 Systemsoftwareupdates zu liefern, einmalig. Dass mein Testgerät regelmäßig Aussetzer hatte, war hoffentlich nur ein Zufall. Die Idee, für jedes neue Fairphone ein altes Handy zu recyceln, hat Vorbildcharakter.

Angesichts der fairen Ressourcengewinnung und der leichten Reparierbarkeit wirken die vergleichsweise hohen Preise dann auch angemessen. Mit 6 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher und 128 GB Speicherplatz kostet das Fairphone 4 immerhin 579 Euro, mit 8 GB Arbeitsspeicher und 256 GB Speicherplatz 649 Euro.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

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