Amazons Fitnessarmband Halo Die Vermessung des Kunden

Ein neues Gadget von Amazon soll die Stimme analysieren und den Körperfettanteil berechnen können. Das Unternehmen verspricht Datensparsamkeit, Kritiker sind skeptisch.
Armband Halo: Fotos in Unterwäsche an Amazon schicken

Armband Halo: Fotos in Unterwäsche an Amazon schicken

Foto: Amazon

Amazon hat nun auch ein Gadget entwickelt, mit dem man sich rund um die Uhr selbst vermessen kann: Mit dem Armband Halo , das der Konzern am Donnerstag vorgestellt  hat, steigt der Techriese ins Geschäft mit Wearables für die Gesundheit ein. Wie die Konkurrenz von Xiaomi und Fitbit oder die Apple Watch misst das Armband Herzfrequenz und Schritte. Allerdings hat es noch ein paar weitere Funktionen, zu denen schon jetzt die ersten kritischen Stimmen zu hören sind.

Halo misst nicht nur die Hauttemperatur, sondern verfügt beispielsweise über ein Mikrofon, das die Stimme beim Sprechen analysieren und darüber Emotionen erkennen will. Außerdem soll die begleitende App den Körperfettanteil berechnen können. "Faszinierend und mehr als ein bisschen gruselig", nennt US-Technikjournalistin Kara Swisher das neue Gadget.

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Für die Bodyscan-Funktion wiederum muss man ein Ganzkörperbild in hautenger Kleidung aufnehmen - am besten gleich in Unterwäsche - und die App wertet es aus. Das Programm lädt die Bilder für die Körperfettanalyse kurz in die Cloud hoch, nach eigenen Angaben löscht Amazon sie von dort aber sofort wieder.

Die App kann dann simulieren, wie der eigene Körper mit mehr oder weniger Körperfett aussähe. Das soll motivierend sein, schließlich kooperiert Amazon für Halo mit der Abnehmplattform WW (früher Weight Watchers). Für Menschen mit Essstörung kann so eine Darstellung aber verletzend und gefährlich sein. Auf eine entsprechende Nachfrage des Techportals "The Verge"  erklärte Amazon, die App zeige keine gefährlich niedrigen Körperfettanteile und warne vor den Auswirkungen eines zu hohen Anteils. Zudem sei die Analyse nur für Nutzer ab 18 Jahren möglich.

Die App empfiehlt, die Stimme zu senken

Das Mikrofon am Armband können Nutzerinnen und Nutzer nach Angaben von Amazon einfach ausschalten, eine Verbindung zu Alexa soll es explizit nicht geben. Die war schon einmal in die Kritik geraten, weil Amazon-Mitarbeiter stichprobenartig private Gespräche mithören konnten. Für Halo verspricht das Unternehmen, dass es keine Audiodaten in der Cloud speichert und kein Mensch mithören kann. Die Daten würden lediglich per Bluetooth an das verbundene Smartphone gesendet.

Die App soll dann anhand der Stimme die Gefühlslage der Nutzenden analysieren. Nach Amazon-Angaben kann sie zwischen förmlichen Geschäftsverhandlungen und einem wütenden Streit mit den Geschwistern unterscheiden - und Empfehlungen abgeben, die Stimme zu senken oder ruhiger zu sprechen.

Die neuen Funktionen sind nur für diejenigen verfügbar, die ein Abo über knapp vier Dollar pro Monat abschließen. Für alle anderen kann Halo nicht mehr als ein gewöhnliches Fitnessarmband: Schritte zählen, die Herzfrequenz messen, die Temperatur messen und den Schlaf überwachen.

Techjournalisten und Datenschützer begegnen Amazons neuem Gerät mit Skepsis: "Die Stimmung in Gesprächen zu analysieren, das ist ein massiver Eingriff in die Privatsphäre", sagt etwa Datenschutzaktivistin Katharina Nocun. Das betreffe auch Dritte - nämlich die, mit denen die Halo-Nutzenden redeten. Das Techportal "Golem" spöttelt : "Foto von sich in Unterhose an Amazon schicken, die Stimme analysieren lassen: Klingt nach Datenschutzkatastrophe, soll aber gesund sein."

Einstieg ins Gesundheitswesen

Wer einen Account erstellt und nicht widerspricht, dessen Daten werden von Amazon ausgewertet. Diese Informationen könnte Amazon in Zukunft nutzen, um selbst in den Gesundheitsmarkt einzusteigen. Für Alexa hat Amazon bereits ein Gesundheits- und Wellnessteam, es gibt im Unternehmen ein Gesundheitssystem für Mitarbeitende mit eigenem Corona-Testlabor. 2018 hat Amazon die Online-Apotheke PillPack gekauft, bereits ein Jahr zuvor hatte der US-Fernsehsender CNBC  über einen möglichen Einstieg des Konzerns in den Gesundheitsmarkt berichtet - damals mit einem Projekt unter dem Decknamen "1492".

Für Halo müssen sich Nutzerinnen und Nutzer einen neuen Account erstellen, der zunächst nichts mit dem Amazon- oder Prime-Konto zu tun hat. So will Amazon verhindern, dass Dritte auf die sensiblen Daten zugreifen können, zum Beispiel wenn sie sich den Prime-Account mit dem Halo-Nutzer teilen.

Es ist allerdings nicht klar, ob Amazon die verschiedenen Zugänge langfristig nicht doch zu einem Nutzungsprofil zusammenführen könnte. Katharina Nocun befürchtet, dass Amazon gerade die Gefühlsanalysen weiter nutzen könnte: "Meine Stimmung kann entscheidend dafür sein, wann ich für welche Werbung empfänglich bin."

Andererseits konkurriert Amazon auf dem Gebiet der Fitnessarmbänder mit Apple Health. Im neuen Betriebssystem iOS 14 müssen iPhone-Nutzende unter anderem jeder Datenweitergabe explizit zustimmen, der Konkurrent wirbt immer stärker mit strengem Datenschutz. Das könnte Amazon unter Druck setzen.

Bisher gibt es Halo noch nicht frei zu kaufen, Interessierte müssen das Armband per E-Mail beantragen und eingeladen werden. Das geht bisher nur in den USA.

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