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27. April 2016, 08:31 Uhr

Flugstunde beim Drohnen-Coach

"... und plötzlich siehst du alles ganz anders"

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Jeder kann sich heute einen Multicopter kaufen, aber kann auch jeder einen fliegen? Beim Drohnen-Coach lernen Anfänger, was schiefgehen kann - und was so faszinierend ist. Ein Selbstversuch.

Manchmal dauert der Flug mit der Drohne nur ein paar Sekunden. Summend hebt der Quadcopter ab, gleitet über den Gehweg - und knallt gegen ein Garagentor. Die Propeller zersplittern, rund 2000 Euro sind dahin. Der Unfall ist auf YouTube zu sehen , einer von Hunderten "Drone Fails" im Netz.

Damit mir so etwas nicht passiert, buche ich eine Stunde beim Drohnen-Coach. Erfahrung braucht man für den Anfängerkurs nicht, heißt es im Netz - aber was ist mit Talent? Auf einem brachliegenden Acker im Münchner Norden soll ich das erste Mal fliegen.

Meine Mitschüler knien im Gras und drehen die Propeller ihrer Drohnen fest. Einige fliegen aus Neugier, andere können für ihren Beruf Bilder von oben gebrauchen: Dachbau-Experte Jens Wenderlein schaut mit der Drohne auf Dächer, ohne hinaufzuklettern. Outdoor-Trainer Alexander Monien will für seine Website filmen, wie er durch die Alpen wandert.

Propeller wie ein Küchenmixer

"Denkt an den Sicherheitsabstand", ruft Drohnen-Coach Frank Lemm vor meinem ersten Flug. Die Piloten sammeln sich im Halbkreis hinter mir. Zur Sicherheit soll nur einer auf einmal abheben. Lemm trägt eine schneeweiße Jacke mit dem Logo seines Schulungszentrums . Der Fotograf hat sich selbst zum Fluglehrer ernannt, ähnliche Kurse gibt es mittlerweile deutschlandweit.

Ich schalte den Motor ein. Das Geräusch, als die vier Propeller beschleunigen, klingt wie ein Küchenmixer. Tatsächlich können einem die Propeller die Haut aufschlitzen. Im Netz kursiert ein Video des Sängers Enrique Iglesias , der während seines Konzerts nach einer Kameradrohne greift. Kurz darauf strömt das Blut über seine Hände.

Damit ich niemanden verletze, schaut mir der Coach über die Schulter. Vier Stunden Theorie habe ich schon hinter mir, nun liegt die Fernbedienung wie ein überdimensionierter Gamecontroller in meinen Händen. Ich drücke den linken Hebel nach oben und die Drohne saust schnurrend acht Meter in die Höhe.

Nachbars Garten ist tabu

Wie angenagelt steht sie in der Luft. Anders als klassische Modellflugzeuge kann sich die Drohne ohne Zutun des Piloten stabil halten, dafür sorgen die vier Propeller, Sensoren und das GPS. Noch sind alle Hindernisse weit entfernt: Ein Wäldchen, das den Acker umrahmt, ein paar Häuser. Ein Schild mit der Aufschrift "Blumen selbst pflücken".

Schon starren mich Spaziergänger an. Eine Familie fährt in einem Van vorbei, die Kinder drücken ihre Nasen an die Autoscheiben. Während die Drohne wie ein Bienenschwarm summt, checke ich GPS und Akkus. "Die meisten Unfälle sind reine Bedienungsfehler", wiederholt der Coach. Mal zwingt einen der leere Akku zur Notlandung. Mal fällt das GPS aus, und die Drohne kann ihre Position nicht mehr selbst korrigieren.

Davon schwärmen Piloten

Als ich Gas gebe und die Drohne über den Acker sausen lasse, schauen die Mitschüler auf den Bildschirm über meiner Fernbedienung. Er zeigt, was die Drohne gerade filmt: Erdschollen ziehen vorbei, die Bäume rücken näher.

Das Panorama hätte ich dem Stadtteil nicht zugetraut. Er lässt sich wie ein Modell im Miniatur Wunderland bestaunen. Durch die Drohnenkamera erkenne ich sogar die Äste der knospenden Bäume. Von solchen Momenten schwärmen die Piloten. "Du hast einen Ort 30 Jahre lang gesehen, du kennst jeden Pflasterstein", erzählt Jens Wenderlein. "Und plötzlich siehst du alles ganz anders."

Doch der Himmel ist nicht so frei, wie er scheint. Er ist von unsichtbaren Wänden durchzogen. Der Luftraum über Nachbars Garten ist ohne Erlaubnis tabu. Das gilt auch für Parks, Straßen - und unseren Acker. Höher als 30 Meter sollte die Drohne auch nicht fliegen. Neidisch schaue ich einer Krähe hinterher, die durch die unsichtbaren Wände flattert.

Freiheit fühlt sich anders an

Frei wie ein Vogel fliegt die Drohne nicht. Während die Krähen über dem Acker Kurven drehen, soll ich in geraden Linien fliegen. So hat es mir jedenfalls der Coach beigebracht: Die Drohne muss beim Flug in dieselbe Richtung schauen wie der Pilot. Sonst komme ich mit rechts und links durcheinander.

"Stell dir vor, du bist ein Turm auf einem Schachbrett. Es geht nur geradeaus oder zur Seite", sagt Frank Lemm. Der Vergleich passt: Tatsächlich könnte man meinen Kurs mit dem Lineal nachziehen, dabei bin ich ruhig wie ein Schachspieler. Auf diese Weise kann wohl jeder eine Drohne steuern. Den Traum vom Fliegen habe ich mir aber anders vorgestellt.

Plötzlich gerät der Quadcopter ins Schlingern. Mein Coach hat mit einem Fingertipp das GPS ausgeschaltet. Ohne Satellit ist die Drohne stärker dem Wind ausgeliefert. Ich steuere dagegen, die Drohne tanzt. Für die Aussicht auf dem Bildschirm habe ich kein Auge mehr. Manchmal reiche schon ein Sonnensturm, um das GPS zu stören, erklärt Lemm.

Als ich schließlich die Drohne per Knopfdruck landen lasse, bin ich erleichtert. Der Flug ohne GPS hat mir gezeigt, wie schnell es brenzlig werden kann. Ein Pilot braucht wohl nicht viel Talent - aber Übung für den Notfall. Bevor die Drohne auf dem Ackerboden aufsetzt, wirbelt sie ein paar morsche Zweige auf und zerhächselt sie mit den Propellern.

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