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Fotoshooting: Die Perfektionierung der Miriam S.

Foto: Erik Seemann

Foto-Selbstversuch Porzellanteint aus dem Studio

Die Aufnahmen in der Hochglanzpresse haben mit der Realität wenig zu tun. Erst die Mischung aus hochprofessioneller Fotografie und digitaler Nachhilfe schafft das perfekte Bild - ohne Pickel, Fältchen und Augenschatten. Doch wie läuft so ein Shooting ab? Ein Selbstversuch.
Von Miriam Sulaiman

"Gib mir alles! Zeig mir dein schönstes Lächeln! Ja, genau so!" - auch wenn es sich so anhört, das ist kein Zitat aus der TV-Show "Germany's Next Topmodel". Lara Nessel, Filialleiterin und Fotografin bei Studioline Photography im Einkaufszentrum Hamburger Meile, redet nur ähnlich. Und vor ihr sitzt auch kein angehendes Model, sondern ich, eine Journalistin. Ich habe keine Modelfigur, in unregelmäßigen Abständen einen unreinen Teint und meinen U-Bahnausweis ziert ein Verbrecherfoto aus dem Automaten. Von Perfektion bin ich somit weit entfernt.

Mit der wird man jedoch überall konfrontiert. Ob im Fernsehen, in der Werbung oder in Magazinen - die Bilder haben mit der Realität nur wenig gemein. Schminke, Ausleuchtung und digitale Retusche vermitteln ein Aussehen, das auch ein Model nicht haben kann. Viele wissen, dass solche Bilder nicht real sind und dennoch können sich die wenigsten dem Schönheitskult entziehen. Kein Wunder, dass viele Menschen auch von ihren eigenen Fotos mehr erwarten, als es Natur, Licht und Linsenapparat normalerweise hergeben.

Wer heute ins Fotostudio geht, will einen zweistufigen Prozess aus Foto-Session, die mit den klassischen Mitteln das Optimum aus den tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten herausholt, und nachträglicher digitaler Retusche, die dieses Optimum virtuell nach oben korrigiert. Viel wichtiger als früher ist zudem die Inszenierung, die vom kostümierten Rollenspiel bis hin zum Akt-Shooting reicht, als ginge es darum, tatsächlich Titelbilder zu produzieren. Das ist heute Standard.

Vorbild Lady Gaga?

Auch bei der Studioline Photography kennt man die Wünsche der Kunden. Sandra Tredup, Bereichsleiterin der Studios, erzählt: "Viele wollen einmal in eine andere Rolle schlüpfen und geschminkt werden - einfach eine andere Persönlichkeit ausprobieren." Da käme schon einmal eine Frau in Jeans und Ringelpullover ins Studio, darunter schönste schwarze Wäsche für ein erotisches Shooting. Manche Kundin bringe außerdem Zeitungsausschnitte mit und wünsche sich nicht nur ein spezielles Make-up oder ein eigene Frisur, sondern auch bestimmte Posen. Prominentes Styling-Vorbild war jüngst die exzentrische Sängerin Lady Gaga.

Handwerklich stößt die Visagistin Katharina Junge bei den Wünschen jedoch manchmal an Grenzen: Nach einer Topmodel-Serie wollte eine Kundin, dass sie ein aufwendiges Make-up in extrem grellen Farben nachschminkt. Das hätte den Zeitrahmen dann doch gesprengt, auch wenn für die großen Shootings zwei Stunden anberaumt werden, drei Outfitwechsel inklusive.

Schon das ist ein erheblicher Aufwand, der auf den ersten Blick trotzdem preiswert erscheint: Das im folgenden beschriebene aufwendige Shooting gibt es ab 179 Euro. Wie viel am Ende wirklich fällig ist, entscheidet sich an der Zahl der einzeln ausgewählten Bilder.

Bei mir ist als erstes der Business Look angesagt. Während im Radio "Du bist der Hammer" von Culcha Candela läuft, schminkt Junge mich dementsprechend: "Viele Kunden wundern sich über das viele Make-up, aber das braucht es. Sie sind am Ende oft überrascht, wie sie aussehen." Mit dem Setzen von Schatten beim Schminken und dem richtigen Licht könne etwa auch eine Nase begradigt werden.

Posing ist Sport

Rücken gerade, Schulter nach hinten, Kopf nach links, Augen nach vorne, Knie nach rechts - die Anweisungen folgen beim Shooting im Stakkato. Ich versuche, mich daran zu halten, mindestens einen der Hinweise habe ich aber am Ende schon wieder vergessen. "Wir sitzen nie gerade und auf den Bildern sieht man das. Jeder Millimeter macht es aus - und am Ende den Unterschied zwischen Schnappschuss und Bild", sagt Nessel. Später wird die digitale Nachbearbeitung zeigen, dass auch kleinere körperliche Fehlhaltungen kein unüberwindliches Problem darstellen (siehe Bildergalerie oben).

Vor dem Studio geht es mit dem Shooting dann im Einkaufszentrum weiter. Mitten unter den Passanten heißt es Lächeln, gerade stehen, Schulter zurück, Hohlkreuz und ach ja, das Bäuchlein einziehen bitte. Aber auch das sieht man am Ende nicht. Denn Fotografin Nessel hat eine ganz eigene, analoge Diät anzubieten: "Ein paar Kilo können wir allein durch die Körperhaltung, Positionierung und schmale Lichtformen, die nur partiell beleuchten, kaschieren."

Beim Shooting im legeren Outfit werden die Schuhe in die Ecke verbannt. Voller Körpereinsatz ist angesagt. Während ich springe, muss Nessel mit einer kurzen Belichtungszeit arbeiten, erst recht während ich schreie. Dann geht die Blende gerade einmal ein 125stel einer Sekunde auf. Die Windmaschine darf auch nicht fehlen. Dafür gehört dann der eine Fuß an die Wand, der andere etwas auf die Seite, aber angewinkelt. Und das Becken? Das darf nicht verschoben werden. Als ich seufze, lacht Tredup: "Ja, das ist harte Arbeit. Erst recht erotische Shootings, da hatten schon welche Muskelkater am nächsten Tag."

So unscheinbar und klein das Studio auf den ersten Blick wirkt, so viele Seiten entdeckt man letztlich daran: Minimale Eingriffe in Licht und Hintergründe schaffen Szenerien. Auf gefühlt 1000 Bildern, in Wahrheit 70, wirkt es, als wäre ich an zahlreichen unterschiedlichen Orten fotografiert worden. Nessel klickt sich im Sekundentakt durch die Fotos, wählt aus und baut noch einzelne Farbeffekte ein oder schneidet sie zurecht: Auch bei den Profis hat die Digitalisierung zu einer Bilderschwemme geführt, man geht anders um mit dem Rohstoff Bild.

Der Kunde bekommt eine Auswahl zu sehen. "Wir wollen so gut sein, dass es keine Bildbearbeitung mehr braucht", sagt die Fotografin. Und bei Bewerbungsfotos rate man sowieso davon ab. "Hier sind wir sehr vorsichtig. Wenn jemand nämlich zum Vorstellungsgespräch geht und das Bild nicht seine Person widerspiegelt, dann ist es eher negativ", sagt Sandra Tredup. Bei den sogenannten Beauty-Fotos erfolgt die professionelle Retusche gar nicht mehr im einzelnen Studio, sondern in der Zentrale. "Hier wird etwa das Hautbild verfeinert und alles gemacht, aber in Maßen", beeilt sich Nessel zu sagen.

Wesentlicher Bestandteil der Ausbildung

Heide Schumann, die Geschäftsführerin des Internationalen Fördervereins für die Aus- und Weiterbildung von Fotografen, bestätigt: "Ein guter Fotograf optimiert immer, aber nicht so unrealistisch wie in den Magazinen, so dass kein Charakter mehr zu erkennen ist. Er setzt es richtig ein."

Der Kunde oder die Kundin soll natürlich schön aussehen. Und deswegen sei die digitale Bildbearbeitung ein "wesentlicher Bestandteil" der Ausbildung. Retuschiert habe man schon früher, sagt sie mit Verweis auf die Labors: "Damals hat man halt in Chemie gepanscht. Nun ist mit den Bearbeitungsprogrammen vieles leichter."

Das sieht man. Aber auch wenn ich von meinen Fotos begeistert bin: Jene, die zentral im Labor bearbeitet wurden, befremden mich eher. Und mein Lieblingsbild bleibt doch unter Verschluss - ein privater Schnappschuss: Ungeschminkt und mit dreckigen Fingern auf einem Bauernhof, dafür mit einem spontanen Lächeln.

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