Fotokonzern am Ende Wie Kodak aus unserem Leben verschwand

Der Fotokonzern Kodak geht in Insolvenz. Der Kollaps des einstigen Giganten ist ein Symbol für den Umbruch einer ganzen Branche. Heute kann jeder knippsen wie ein Profi - zumindest, was die Masse angeht. Analogfotografie ist ein Exotenhobby wie Malerei oder Makramee.
Fotografie-Kette Porst (Archivbild): Insolvenz im Jahr 2002

Fotografie-Kette Porst (Archivbild): Insolvenz im Jahr 2002

Foto: Miguel_Villagran/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Dieser Text ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus Christian Stöckers "Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook" - Ein SPIEGEL-Buch. DVA; 320 Seiten; 14,99 Euro.

Kodak ist am Ende. Seit dem heutigen Donnerstag ist bekannt, dass der einst führende Fotokonzern ein Insolvenzverfahren eingeleitet hat. Kodak ist ein Opfer der Digitalisierung. Die Fotobranche als Ganzes war, noch vor der Musikindustrie, die erste, deren tradiertes Geschäftsmodell durch den digitalen Umbruch fundamental in Frage gestellt wurde. Viele, Kodak eingeschlossen, reagierten nicht schnell genug.

Nach meinem Abitur habe ich Anfang der Neunziger ein Praktikum in der Landkreisredaktion des Würzburger Lokalblatts "Main Post" absolviert. Der interessanteste Ort des Redaktionsgebäudes war die Dunkelkammer: Sie war nur über eine Lichtschleuse zu erreichen, eine Röhre, die man von einer Seite betreten und dann von innen drehen musste. Auf der anderen Seite, in einem nur mit einer roten Glühbirne erleuchteten, immer überheizten Raum arbeiteten ausschließlich Frauen, die ich als freundliche, untersetzte Damen mittleren Alters in Erinnerung habe, trotz ihrer finsteren Arbeitsstelle stets gut gelaunt. Ihre Arbeitsplätze existieren heute nicht mehr.

Die Damen in den weißen Kitteln sind meine privaten Stellvertreter einer großen Gruppe von Menschen: Im Verlauf ihres Arbeitslebens schlug die Digitalisierung zu und veränderte Berufe radikal oder brachte sie komplett zum Verschwinden.

500 Bilder kosten nicht mehr als fünf

Heute sind die Abstände zwischen den Werkzeugen der Profis und denen der Laien gewaltig geschrumpft. In der Fotografie zum Beispiel. Früher galt es als das große Privileg der Profis, nahezu unbegrenzt viele Aufnahmen von einem Motiv, einem Ereignis machen zu können, um am Ende eine oder zwei gelungene auszuwählen. Im Zeitalter der Digitalkamera und rasant fallender Preise für Speichermedien sind auch für Hobbyfotografen alle Mengenbeschränkungen verschwunden. 500 Bilder kosten nicht mehr als fünf. Ausgaben für Filme, Entwicklung und Abzüge fallen nicht mehr an - außer man möchte doch mal ein Bild ausdrucken und in ein Album kleben oder verschenken.

Auch das aber geschieht immer seltener.

Es gibt für diese Entwicklung klare, objektive Anhaltspunkte, etwa den Niedergang des einstigen Branchengiganten Kodak. Und es gibt die ganz persönlichen, privaten Anhaltspunkte: All die Fotogeschäfte etwa, die im Laufe der letzten 15 Jahre verschwanden, weil einfach niemand mehr kommt, um Filme zu entwickeln oder Abzüge zu bestellen. Der in ganz Deutschland sichtbare Endpunkt der Blüte der analogen Hobbyfotografie war der Untergang von Photo Porst: Die orangeroten Leuchtbuchstaben der Kette gehörten jahrzehntelang in ganz Deutschland zum Stadtbild selbst kleinerer Gemeinden. 2002 ging das Unternehmen in die Insolvenz, der Markenname an einen Händlerverbund namens Ringfoto, die Rechte für das Bildgeschäft übernahm - Kodak.

Fotomaschinen, die aussehen wie Geldautomaten

Die verbleibenden Fotohändler halten sich heute mit Abzügen von auf CDs oder USB-Sticks angelieferten Bildern über Wasser, mit Vergrößerungen, Rahmungen, Passfotoservice.

Ihre Kundschaft altert mit ihnen. Ihre Auslagen wirken wie Grüße aus vergangenen Tagen. In Baumärkten findet man nun Automaten des Herstellers Fujifilm, der den schleichenden Untergang der analogen Fotografie weit besser überstanden hat als der Konkurrent Kodak. Sie sehen aus wie Geldautomaten und haben vorne Schlitze für CDs, DVDs, USB-Sticks und ein halbes Dutzend Speicherkartenformate. Über einen Touchscreen kann man Bilddateien auswählen und sie auf der Stelle ausdrucken. Negative gibt es nicht mehr. Dafür braucht es heute keinen Hausbrand mehr, um eine private Fotosammlung zu vernichten. Ein Festplattencrash reicht.

Mein Freund Jan hat sich eine Zeitlang in weiser und leicht morbider Voraussicht als Leichenfledderer dieser sterbenden Branche betätigt. Immer wenn er an einem schließenden Fotoladen vorbeikam, bat er um die Überreste der Schaufensterdekorationen und andere übriggebliebene Bilder. Man sieht darauf grauenvolle Frisuren, gewaltige Brillengestelle, wild gemusterte Pullover, Hochzeitspaare mit kieferorthopädischem Optimierungsbedarf. Verblassende, wellig gewordene Zeugnisse einer untergegangenen Epoche.

Höflich stoppen, wenn jemand fotografiert? Heute seltener

Es ist unmöglich herauszufinden, wie viele Fotos heute jeden Tag gemacht werden, aber es dürften um Zehnerpotenzen mehr sein als 1990. Nicht nur, weil in jedem Handy eine Digitalkamera steckt und praktisch jedes Ereignis von minimaler persönlicher Relevanz fotografisch dokumentiert wird, sondern auch, weil man im Urlaub heute nicht, sagen wir mal, fünf Filme à 36 Bilder vollknipst, sondern 2000 oder 3000 Digitalbilder schießt. Menschen, die in Großstädten leben, blieben früher gelegentlich stehen oder machten einen Bogen, damit ein Tourist seine Gattin vor einer Sehenswürdigkeit fotografieren konnte. Inzwischen verschwindet diese Höflichkeitsgeste langsam: Erstens würde ein Spaziergang in einer Innenstadt sonst wegen der allgegenwärtigen Fotografiererei zum Stop-and-Go oder zum Slalom, und zweitens ist es egal, wenn eine Aufnahme ruiniert wird - die nächste kostet ja auch nichts.

Ambitionierte Hobbyfotografen quälten ihr Umfeld einst gern mit Diaabenden, auf denen sie schlimmstenfalls ein paar hundert Urlaubsbilder vorführten. Heute sind diese Abende oft ungleich länger und nervtötender. Versierte Fotovorführer werben damit, dass sie wirklich nur die besten Bilder ausgewählt haben. Versierte Fotoabendbesucher fragen misstrauisch nach, wie viele.

Entfallen sind dafür die Listen mit Nachbestellungswünschen, die früher nach Klassenfahrten oder Gruppenreisen kursierten. Heute verschickt man Fotos auf CD, per E-Mail oder lädt sie gleich auf eine Bilderplattform wie Flickr oder Picasa hoch. Oder zu Facebook oder Wer-Kennt-Wen, wo man sich mit den Mitreisenden womöglich ohnehin schon digital verbunden hat.

All das konnte Anfang der Neunziger noch niemand ahnen.

Halbwegs erschwinglich wurden Digitalkameras erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, wirklich zur Massenware erst nach dem Jahrtausendwechsel. In weniger als 15 Jahren gewöhnte sich die Menschheit das Fotografieren auf chemischer Basis fast vollständig ab.

Heute ist Analogfotografie ein Hobby für Spezialisten. Wie Malerei oder Makramee.

Dieser Text ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus Christian Stöckers "Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook" - Ein SPIEGEL-Buch. DVA; 320 Seiten; 14,99 Euro.
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.