Fototipps Wie aus unbrauchbar wirkenden Raw-Daten ansehnliche Bilder werden

Wenn man mit wenig künstlichem Licht fotografieren muss, können ein paar Tricks vor und nach dem Druck auf den Auslöser helfen.
Von docma-Autor Michael J. Hußmann
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DOCMA

Die Entwicklung von Raw-Dateien bietet so vielfältige Möglichkeiten, dass man manchmal nicht weiß, welcher Weg zum Ziel führt. Wir nehmen uns künftig gern Ihrer problematischen Raw-Dateien an und versuchen, das Beste daraus zu machen. Senden Sie diese an mjh@docma.info . Michael J. Hußmann tritt schon einmal in Vorleistung und beschreibt seine Herangehensweise an einer AvailableLight-Aufnahme.

Es gibt stets mehr als einen Weg, wie man eine Raw-Datei zu einem überzeugenden Bild entwickelt. Verschiedene Einstellungen haben eine ähnliche Wirkung, sodass man auf unterschiedliche Weisen dasselbe Ziel erreichen kann. Aber schon das Ziel selbst ist nicht eindeutig bestimmt, und abhängig davon, was einem wichtig ist, wird man zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Da die diversen Raw-Konverter abweichende Ansätze verfolgen, spielt auch die Wahl der Software eine entscheidende Rolle - mit Capture One geht man ein Problem anders an als mit Lightroom. Schicken Sie uns daher eine Raw-Datei, deren Entwicklung Ihnen Probleme bereitet, um damit unsere Kompetenz auf die Probe zu stellen.

Schlechtes Licht

Als Beispiel dafür, was sich aus zunächst unbrauchbar erscheinenden Rohdaten machen lässt, zeige ich meine Vorgehensweise in der Available-Light-Fotografie. Wenn man mit dem vorhandenen künstlichen Licht fotografieren muss, das nicht für fotografische Anforderungen optimiert ist, geht es nicht allein darum, dass man mit wenig Licht arbeiten muss - es ist auch ungleich verteilt. Die Lichtstärke fällt mit dem Quadrat der Entfernung von der Lichtquelle ab. Das gilt zwar auch für das Sonnenlicht, aber bei einer Entfernung von rund 150 Millionen Kilometern spielen ein paar Meter mehr oder weniger keine Rolle. Bei einer Deckenleuchte sieht das ganz anders aus.

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DOCMA 94
Doc Baumanns Magazin für digitale Bildbearbeitung
Juli-September 2020

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Wenig Licht lässt den Fotografen meist zu einem hohen ISO-Wert greifen, aber damit opfert man gleichzeitig den Dynamikumfang, den man zur Bewältigung der großen Kontraste im Bild braucht. Jede Verdoppelung des ISO-Werts kann eine Blendenstufe des Dynamikumfangs kosten. Ich begnüge mich deshalb mit dem ISO-Wert, bei dem der verwendete Sensor in den High-Conversion-Gain-Modus umschaltet, was meist bei ISO 800 geschieht. Höhere ISO-Werte bringen bei modernen Sensoren keine Vorteile mehr beim Rauschabstand, verringern jedoch den Dynamikumfang. Neben dem ISO-Wert stelle ich auch Blende und Verschlusszeit manuell ein - die Blende gemäß der gewünschten Schärfentiefe und die Verschlusszeit hinreichend kurz, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden.

Im Ergebnis fallen die Aufnahmen dann so dunkel aus, dass kaum etwas vom Motiv zu erkennen ist, aber aus den Raw-Daten lässt sich trotzdem ein ansehnliches Bild entwickeln. Dass es nicht damit getan ist, bloß die Belichtung nachträglich zu korrigieren, zeige ich in den folgenden Schritten - anhand von Lightroom Classic, meinem bevorzugten Raw-Konverter, der für solche Aufgaben den Vorzug bietet, die Belichtung in weiten Grenzen (um ±5 EV) anpassen zu können.

Aus dem Schatten ins Licht

Foto: DOCMA

Auch aus einem stark unterbelichteten Bild (a) kann die Belichtungskorrektur in Lightroom ein vollständiges Tonwertspektrum erzeugen (b). Eine Korrektur um +3 bis +4 ist bei modernen Sensoren problemlos; auch +5 ergibt oft noch brauchbare Ergebnisse. Mit "Belichtung" allein zeigen sich noch keine Vorteile gegenüber einer Aufnahme mit höherem ISO-Wert (ISO 800 und +4 EV entspräche ISO 12.800).

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Um trotz des hohen Szenenkontrasts alle Tonwerte zu bewahren, ziehen Sie den Regler "Lichter" nach links (−100 ist oft die beste Wahl, da so eine dem Farbnegativfilm ähnliche Gradation simuliert wird) und verbessern die Schattenzeichnung mit einem hohen Wert der "Tiefen" (c). Wenn das Ergebnis zu flau erscheint, steigern Sie den Kontrast mit der "Gradationskurve".

Violettstich

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Unabhängig davon, ob Sie mit sehr hohen ISO-Werten fotografieren oder die Belichtung erst im Raw-Konverter "pushen", produzieren viele Kameras bei Kunstlichtaufnahmen einen violetten Farbstich (a), der vermutlich auf die Infrarot-Empfindlichkeit der Sensoren zurückgeht. Da die Rot- und Blaufilter der Sensoren weniger Licht als die Grünfilter durchlassen, werden ihre Signale besonders verstärkt, und da Infrarot alle Farbfilter gleichermaßen durchdringt, erscheint es im Bild als Violett. Zum Ausgleich eines solchen Violettstichs können Sie im "HSL"-Bedienfeld die "Sättigung" (c) und "Luminanz" (d) in den Farbbereichen Magenta und Lila und auch ein wenig im Bereich Blau reduzieren (b).

Violette Schatten

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Oft reichen die "HSL"-Regler noch nicht aus, wenn echte Blau- und Violetttöne nicht leiden sollen (a). Dann hilft eine "Gradationskurve" im Modus "Punktkurve". Senken Sie die Schatten im Rot- (c) und Blaukanal (d) jeweils leicht ab, und hellen Sie sie unter "RGB" wieder auf (e), um nicht zu viel Zeichnung zu verlieren (b). Da die "Punktkurve" und die parametrische Kurve voneinander unabhängig sind und sich in ihrer Wirkung addieren, bleibt Ihnen immer noch die parametrische Kurve zur Steuerung des Kontrasts. Wie Sie eine "Punktkurve" unabhängig von der parametrischen Kurve als Vorgabe speichern können, habe ich hier beschrieben .

Der heiße Rand

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Bei extremen ISO-Werten oder einer nachträglichen Belichtungskorrektur um +5 zeigt sich manchmal an einer der langen Seiten des Bilds ein violetter Schleier (a). An dieser Seite sitzen die A/D-Wandler des Sensors, die beim Auslesen relativ viel Wärme erzeugen, was sich im Bild als Rauschen äußert - die violette Färbung hat denselben Hintergrund wie bei der Infrarot-Kontamination. Dagegen hilft ein "Verlaufsfilter" (c), der "Tiefen" und "Schwarz" reduziert sowie das Bild an dieser Stelle mit "Farbe" leicht grün einfärbt - also der Komplementärfarbe von Violett (d). Das Artefakt fällt dann nicht mehr störend auf (b)

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