Fototipps Wie man stimmungsvolle Fotos bei Kerzenschein aufnimmt

In der kalten Jahreszeit sorgen Kerzen für Behaglichkeit und Wärme. Auch als stimmungsvolles Porträtlicht lassen sich die kleinen Flammen sehr gut nutzen. Das Fotomagazin "Docma" zeigt, wie man Kerzen kreativ einsetzt.

Christian Thieme

Von "Docma"-Autor Christian Thieme


Zu analogen Zeiten war das Fotografieren unter Kerzenschein eine große Herausforderung. Die Filmempfindlichkeiten waren nicht so hoch wie bei modernen Kameras, und das Scharfstellen in Umgebungen mit wenig Licht viel schwerer.

Heute funktionieren Autofokus-Sensoren auch bei schwachem Umgebungslicht und unterbelichtete Bilder lassen sich dank Raw-Dateien im Nachhinein problemlos aufhellen. Moderne Kameras ermöglichen auch weit jenseits von 3200 ISO brauchbare Bilder.

Das geringe Umgebungslicht bei Kerzenschein stellt die Ausrüstung trotzdem auf die Probe. Ein lichtstarkes Objektiv hilft erheblich, die Belichtungszeiten zu senken sowie ISO-Werte zu minimieren. Die Beispiele in diesem Artikel sind alle mit einem 50-Millimeter-Objektiv mit f/1.4 bei voller Blendenöffnung entstanden. Als ISO-Wert habe ich dabei 800 gewählt.

Mit dieser Grundeinstellung konnte auf ein Stativ verzichtet werden, was mir mehr kreativen Spielraum bei der Motivgestaltung ließ. Freihand-Testaufnahmen mit längeren Brennweiten zeigten allerdings, dass Verwacklungen durch zu lange Belichtungszeiten dann kaum zu vermeiden sind.

Sicherheit geht vor

Trotz guter Planung gestaltete sich die sichere Platzierung der Kerzen schwierig. Durch das schwache Licht mussten Accessoires, Stoffe und Bildelemente nah an den Flammen positioniert werden. Hier ist Vorsicht geboten, und ein Feuerlöscher sollte immer parat stehen. Teelichter und breite Kerzen eignen sich durch ihre höhere Standfestigkeit besser für Fotoaufnahmen. Längliche Kerzen - wie im Beispiel zu sehen - nur dann, wenn sie sicher befestigt werden können. Achten Sie beim Auspusten darauf, kein Kerzenwachs zu verspritzen.

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Bildkontrolle ist wichtig

Bedingt durch das schwache Umgebungslicht ist nicht immer gewährleistet, dass der Autofokus präzise auf das Motiv scharfstellt. Beim Shooting wurden daher vor jedem Setumbau die Bilder in Lightroom übertragen und am großen Monitor kontrolliert. Gemeinsam mit dem Model konnte ich dann auch Posen optimieren und weitere Ideen besprechen.

Nehmen Sie sich Zeit beim Fokussieren. Sollten Sie mit Verwacklungen zu kämpfen haben, nutzen Sie besser ein Stativ. Aktuelle Kameras bieten beim Scharfstellen oft die Möglichkeit, einen Bildausschnitt zu vergrößern und manuell den Fokus zu bestimmen. Nutzen Sie die technischen Möglichkeiten und Sie werden deutlich bessere Bildergebnisse erzielen.

Mehrere Kerzen als Lichtquellen

Christian Thieme

Beim Shooting wurde das Studio mit schwarzem Molton abgedunkelt. An den Ecken des Fensters konnte allerdings noch etwas Licht von der Mittagssonne in den Raum eindringen, was sich an einem leicht aufgehellten Hintergrund zeigte. Die Lichtintensität passte aber sehr gut zum Kerzenschein. Vier links vom Model platzierte Teelichter sorgten für eine Aufhellung des Unterarms, gleichzeitig wird das Gesicht noch leicht in warmes Licht getaucht.

Die Kerze im Vordergrund erhellt die rechte Gesichtspartie und bildet vor den schwarzen Haaren einen Blickfang. Im Ausgangsmaterial hat die Kamera korrekt auf die Kerzen belichtet und somit fiel das Model deutlich zu dunkel aus.

In der Raw-Bearbeitung habe ich allerdings nicht den Belichtungswert korrigiert, sondern nur den Wert für Weiß auf +80 angehoben. Um das Licht noch ausgewogener zu verteilen, wurde der Wert der Lichter auf 70 gesenkt. Zum Schluss kann man noch eine leichte Rauschreduzierung anwenden, die aber reine Geschmacksache ist.

Weißabgleich für kühlere Farben

Christian Thieme

Wie schon im ersten Beispiel erklärt, konnte der Raum nicht völlig abgedunkelt werden. Zwei Kerzen, die vor dem Model platziert waren, sorgten in diesem Beispiel für einen soften Lichtschein, der dritte Lichtreflex in den Augen entstand durch das einfallende Licht im Fensterbereich. Die kleinen Flammen der Kerzen leuchten das Gesicht nicht komplett aus, sorgen aber für eine interessante Verteilung von Licht und Schatten und setzen Akzente in den Augen sowie im Stoff, der mit Pailletten bestückt ist.

Das Rohbild weist eine sehr hohe Farbtemperatur auf, ähnlich wie im ersten Bild. In Lightroom habe ich bei der Bearbeitung den Weißabgleich auf einen niedrigeren Wert von 2600 Kelvin eingestellt, um ein deutlich kühleres Ergebnis zu erzielen. Trotz der drastischen Änderung der Farbtemperatur bleibt eine Grundwärme im Bild erhalten. Lohnenswert ist bei solchen Porträts der Einsatz von Effektfiltern, die vor das Objektiv geschraubt werden. Hierdurch ergeben sich noch mehr kreative Möglichkeiten.

Starke Kontraste

Christian Thieme

Kerzenlicht eignet sich auch für Schwarzweiß-Umsetzungen. Mit etwas Geschick können Details sehr gut aus Motiven herausgearbeitet werden.

Bei dem hier gezeigten Motiv werden die Handflächen ausschließlich von der Flamme angestrahlt. Im Ausgangsbild sind die Falten der Hände sehr weich ausgeleuchtet. Um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, waren mehrere Schritte in der Raw-Bearbeitung nötig. Zuerst habe ich eine Reduktion der Sättigung auf den Wert 100 vorgenommen. Anschließend stellte ich den "Kontrast"-Regler zwischen +90 und +100 ein. Um die Falten intensiv herauszuarbeiten, setzte ich dann die Regler "Struktur" und "Klarheit" ein.

Während die "Klarheit" nur minimal auf +15 angehoben ist, war beim "Struktur"-Regler der Maximalwert von +100 die richtige Wahl. Insbesondere bei Charakterporträts kann Kerzenlicht eine geeignete Lichtquelle darstellen, um markante Details besonders zu betonen. Hier ist Ausprobieren gefragt, bis das Ergebnis den eigenen Wünschen entspricht.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
io_gbg 26.10.2019
1.
Als erstes würde ich Kerzen anzünden.
dasbeau 27.10.2019
2. Analog
"Zu analogen Zeiten war das Fotografieren unter Kerzenschein eine große Herausforderung." Nach diesem Einstieg konnte nicht mehr viel Vernünftiges kommen. Mit meinen analogen Spiegelreflexkameras klappen Aufnahmen bei Kerzenschein aus dem Stegreif. Man muss mit den Dingern nur umgehen können. Dann braucht's auch keine nachträgliche Bildbearbeitung. Digitalkameras haben auch ihre Vorzüge, das will ich gar nicht abstreiten, aber für "Stimmungsfotos" ziehe ich meine alte Kodak dich immer noch vor.
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