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25. Juni 2012, 12:25 Uhr

Adieu, Minitel

Frankreich begräbt sein Textnetz

Es ist so französisch wie Baskenmütze, Baguette oder die Citroën-Ente: das Minitel. Lange vor dem Internet hat der beigefarbene Kleincomputer für Videotext die Franzosen ins elektronische Zeitalter geführt - nicht zuletzt durch seine erotischen Aspekte. Ende Juni ist Schluss damit.

Ulla war legendär. 3615 Ulla hat einst die Drähte zum Glühen gebracht. Es war der Name des wohl bekanntesten aller Videotext-Dienste, der in Frankreich das sogenannte Minitel in Rekordzeit populär gemacht hat. "Minitel rose" nannte Monsieur das erotisch angehauchte Angebot, auf dem nette Damen unmissverständlich ihre Dienste anboten.

Auch dank solcher Angebote erlebte das Minitel - ein Kleincomputer für Videotext, der an die Telefonbuchse angeklemmt wurde - im Frankreich der achtziger und neunziger Jahre einen triumphalen Siegeszug. 1982 brachte der damals noch staatliche Telekom-Konzern France Télécom diese Geräte erstmals flächendeckend auf den Markt.

Doch obwohl die technischen Dinosaurier des Vor-Internet-Zeitalters noch immer rund 1.800 Dienste anbieten, kommt nach rund drei Jahrzehnten am 30. Juni definitiv das Aus für die einst lukrative Minitel-Ära. Das Vorhalten eines Parallelnetzes sowie der Ersatzteile für die Oldtimer des Computer-Zeitalters rechnet sich nicht mehr. Dabei wurde ihre Zahl zum Jahresbeginn noch auf gut 800.000 funktionsfähige Geräte geschätzt - im Jahr 2002 waren es neun Millionen Terminals. Einige Anwendungen funktionierten auch übers Internet.

Die kleine Kiste aus der Online-Frühzeit galt mit ihrem Angebot einst als geradezu revolutionär. Anders als in Deutschland gab es den Mini-Bildschirm mit herausklappbarer Tastatur gratis - in Rekordzeit stand er in fast jedem Haushalt. Dort stehen auch heute noch viele. Doch der Betreiber Orange hat im vergangenen Jahr bereits das Ende der quadratischen Kisten angekündigt und den letzten Nutzern im März die Abschaltung angekündigt. Die bereits nostalgisch verklärten Kisten gelten im Zeitalter von Smartphones und iPads als überholt und nicht mehr zeitgemäß. Sie sind zudem nicht unumstritten.

Aus den Geräten werden Stoßstangen und Mantelhalter

Viele Kritiker machen sie dafür verantwortlich, dass die meisten Franzosen erst spät das Internet entdeckt haben. Andere behaupten dagegen das genaue Gegenteil. Das nie exportierte Minitel habe seine Nutzer erst auf das weltweite Netz vorbereitet, meinen etwa die Historiker Valérie Schafer und Benjamin Thierry. Denn erstmals konnten die Nutzer des Minitels direkt Reisen buchen, Aktien kaufen, Überweisungen vornehmen; oder direkt mit Fremden schriftlich kommunizieren: die Urform des Chats.

Am Freitag soll es einen würdigen Abschied für das von den Franzosen so heiß geliebte Minitel geben. Unter dem Titel "3615 ne répond plus" (3615 antwortet nicht mehr) soll dem Pionier des elektronischen Zeitalters und seiner Bedeutung noch einmal von seinen Fans nachgespürt werden.

Was mit den verbliebenen Geräten passiert? Die Zeitung "Le Parisien" ist der Frage nachgegangen - und hat herausgefunden, dass den Geräten künftig als Auto-Stoßstangen oder Mantelhalter eine zweite Karriere bevorsteht. Eine bei Toulouse gelegene Firma hat sich darauf spezialisiert, die Geräte mit gezielten Hammerschlägen zu zertrümmern, um dann die Kunststoffteile einer neuen Verwendung zuzuführen.

Von Ralf E. Krüger, dpa

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