Gerüchte-Blogger Josh Ong Der Mann, der Apple wurmt

Blogger wie er gehören zu Apples Intimfeinden: Auf seiner Website appleinsider.com verrät Josh Ong Geheimnisse des Konzerns bisweilen früher, als es dem iPhone-Unternehmen lieb ist. SPIEGEL ONLINE hat er verraten, wie er in China an seine Informationen kommt.
Von Kirsten Rulf
Josh Ong von appleinsider.com: Der Gerüchteblogger möchte lieber unerkannt bleiben

Josh Ong von appleinsider.com: Der Gerüchteblogger möchte lieber unerkannt bleiben

Foto: Kirsten Rulf

Will man ein Treffen mit Josh Ong vereinbaren, fühlt man sich schnell wie in einem Agentenfilm. Der 28-Jährige ist einer der Macher von appleinsider.com. Das Blog ist Apple seit Jahren ein Dorn im Auge. 2004 versuchte der Konzern sogar, appleinsider.com und andere Blogs vor Gericht dazu zu zwingen, die Namen ihrer Informanten zu verraten. 2006 entschied ein US-Gericht, dass Blogs in diesem Fall Quellenschutz genießen  und die Identität ihrer Informanten nicht preisgeben müssen. Ong ist ein Geheimnisträger.

Er und seine Partner verraten auf appleinsider.com weiterhin, was der US-Konzern lieber unter Verschluss hielte. Ihre Spezialität ist es, in detektivischer Kleinarbeit Informationen über neue iPhones, iPads und Macs direkt im Herstellungsland China in Erfahrung zu bringen.

Diese Arbeitsweise hinterlässt ihre Spuren: Wie Apple umgibt auch Ong sich mit der Aura des Geheimnisvollen. E-Mails beispielsweise empfängt er über die anonyme Adresse einer Kontaktperson. Vor dem schließlich vereinbarten Termin überprüft ein anonymer Anrufer noch einmal telefonisch die Identität der Interviewerin. Als Treffpunkt schlägt Ong ein Café in Pekings Studentenviertel Wudaokou vor, das Freunden von ihm gehört. "Aus Sicherheitsgründen", sagt der Gerüchte-Blogger. "Es gibt genug Konkurrenten, die auf allen Wegen versuchen, vor uns an die gesuchten Infos zu kommen. Und Apple-Hasser, die unsere Website blockieren wollen."

Schwer einzuschätzen, ob das stimmt. Mag sein, dass die Unnahbarkeit und Heimlichtuerei auch der Imagepflege dienen, vielleicht gehört das für alle zum Geschäft, die sich im Dunstkreis des Apfelkonzerns bewegen.

Drastische Sicherheitsvorkehrungen

Dass appleinsider.com erfolgreich ist, liegt auch daran, dass Josh Ong als in den USA geborener Sohn chinesischer Eltern Mandarin und Kantonesisch sprechen und lesen kann. "Mit den meisten Apple-Zulieferern lebe ich Tür an Tür", sagt Ong. Mit Foxconn, zum Beispiel, der Firma, die für Apple unter anderem iPhones zusammensetzt. "Foxconn hat rund 400.000 Mitarbeiter in China. Die Fabrik ist quasi eine eigene kleine Stadt, in der Apple extreme Sicherheitsmaßnahmen eingeführt hat," erzählt Ong. Wie wirkungsvoll diese Maßnahmen sind, sei eine andere Frage. Schließlich müsse er nicht unbedingt einen Mitarbeiter direkt in der Foxconn-Zentrale anrufen können, um Informationen darüber zu bekommen, was dort vor sich geht.

Wo er stattdessen anruft? Da wird Ong schmallippig. "Sagen wir es mal so: Unsere Quellen sind sehr gut platziert. Geschäftsgeheimnisse werden in China nicht immer genauso behandelt wie in Europa oder den USA." So viele Mitarbeiter wie bei Foxconn könne man nicht vollständig kontrollieren, schon gar nicht in China. Appleinsider.com sei so beispielsweise die erste Seite gewesen, die den Erscheinungstermin des iPad 2 korrekt vorhergesagt habe, behauptet Ong.

Originalteile in gefälschten iPhones

Josh Ong beobachtet Weibo, einen chinesischen Kurznachrichtendienst, der Twitter ähnelt. Das sei "ein perfekter Zugang zur chinesischen Technikwelt". Und vor allem: zur Welt der chinesischen Technikfälscher. "Die Chinesen sind verrückt nach Apple, jede Information wird auf Weibo diskutiert und tausendfach wiederholt. So erfahre ich Dinge, die weder in den staatlichen chinesischen noch in den westlichen Medien berichtet werden."

Ein Beispiel, das allerdings auch im Westen Schlagzeilen machte: Ein Bericht über eine Razzia gegen einen professionellen Fälscherring in Shanghai. "Die Behörden und die hinzugerufenen Apple-Ingenieure waren erstaunt, wie gut die gefälschten iPhones und iPads dort waren. Nur die Akku-Leistung war schlechter als bei den Originalen. Das hat mich neugierig gemacht", berichtet Ong begeistert. Per Weibo habe er sich daraufhin Teile des chinesischen Polizeiberichts besorgen können, erklärt er. Aus denen habe er herausgelesen: Die gefälschten iPhones waren, abgesehen vom Akku, offenbar weitgehend aus Originalteilen zusammengesetzt worden.

Lukrative Angebote

Weshalb Ong seine persönlichen Quellen geheim halten will, erschließt sich, wenn man sich vor Augen hält, dass Websites wie appleinsider.com von reinen Hobby-Fanseiten zu einträglichen Geldquellen geworden sind. Der Konkurrenzkampf zwischen den Gerüchte-Websites sei hart. Es sei die Regel, dass ein Konkurrent gelegentlich versuche, dem anderen eine falsche Information oder ein mit Photoshop bearbeitetes vermeintliches Spionagefoto anzudienen.

Wie viel er und seine Kollegen mit der Gerüchtesite verdienen, will Ong nicht verraten. Nur so viel: "Es ist genug, um den Angeboten gewisser Leute zu widerstehen." Ong berichtet von Hedgefonds, die Bloggern wie ihm selbst über Mittelsmänner hohe Summen anbieten. Sie sollen im Gegenzug ihr Wissen über Apple nicht veröffentlichen, sondern an Investoren verkaufen - so Ongs Darstellung. Er habe solchen Verlockungen nie nachgegeben.

Weiß der Apple-Insider wirklich mehr?

Apples Präsentation am Dienstag fiebert Ong entgegen, seit ihm eine Quelle vor Wochen berichtet hat, dass der Konzern das neue iPhone 5 vorstellen wird. "Mein altes iPhone ist kaputt", grinst er. "Für mich ist das auch persönlich wichtig."

Und das weiß der selbsternannte Apple-Insider jetzt schon über das neue Modell? Da lächelt Ong: "Nach so vielen Monaten Entwicklung bin ich sicher: Es wird mindestens leichter, schneller und bekommt ein neues Design. Außerdem wird es meiner Meinung nach eine völlig neue Spracherkennungssoftware haben, mit der man sprechen kann wie mit einem menschlichen Assistenten."

Dann denkt Ong noch kurz nach. "Eine Sache, die auch möglich ist: Das neue iPhone könnte einen Chip haben, der es zur elektronischen Geldbörse macht, so dass man in Zukunft statt der Kreditkarte beim Einkauf das iPhone vor den Kartenleser hält. Das ist etwas, was Apple schon länger fasziniert." In die neuen Google-Handys sind solche Chips schon eingebaut.

Ganz genau weiß aber auch Josh Ong nicht, was Apple am Dienstag präsentieren wird. "Ein bisschen Geheimnis gehört auch für mich immer dazu", grinst er. "Das macht meinen Job ja so interessant!"