Turnier mit Künstlicher Intelligenz Go-Genie gegen geniale Software

Ab Mittwoch geht es für die Menschheit mal wieder ums Ganze: Kann der wohl weltbeste Go-Spieler, das koreanische Genie Lee Sedol, eine Google-Software schlagen? Go-Experten wetten auf den Menschen - noch.
Strategiespiel Go

Strategiespiel Go

Foto: Corbis

Als Lee Sedol zum ersten Mal gegen Young Sun Yoon antrat, war er fünf Jahre alt und sie elf. Yoon schlug das Wunderkind, aber: "Das war das erste und letzte Mal, dass ich eine Partie gegen ihn gewonnen habe."

Yoon ist Südkoreanerin, lebt heute in Deutschland, und ist Go-Profi. Sie hat sogar schon einmal eine Damenweltmeisterschaft gewonnen, 2002. Mit Lee Sedol aber kann sie sich nicht messen, sagt sie: "Er ist ein Genie." Mit elf Jahren, nach fünf Jahren auf einer Spezialschule für Go-Spieler, wurde Lee Sedol Profi. Anfangs wohnte der Junge, der von einer kleinen koreanischen Insel stammt, bei seinem Trainer.

Das Genie wird ab kommendem Mittwoch die Ehre der Menschheit gegen die Computer verteidigen - so sieht es zumindest aus Sicht vieler Go-Spieler rund um die Welt aus. Lee Sedol, der derzeit wohl beste Go-Spieler überhaupt, tritt an gegen AlphaGo, ein kompliziertes Stück Software, geschaffen und trainiert von der Google-Tochter Deepmind. Go galt lange als eine Bastion, die der menschliche Geist noch gegen die wachsende Macht der Rechner verteidigen kann, so wie früher einmal Schach.

AlphaGo vs. Lee Sedol
Foto: Corbis

Der wohl weltbeste Go-Profi Lee Sedol spielt fünf Partien gegen die Deepmind-Software AlphaGo. Ausgetragen werden die Partien am 9., 10., 12., 13. und 15. März im Four Seasons Hotel in Seoul, Südkorea. Die Partien beginnen jeweils um fünf Uhr morgens deutscher Zeit und werden bei YouTube als Livestream  übertragen.

1997 schlug IBMs Spezialrechner Deep Blue den amtierenden Weltmeister Garri Kasparow in einem Schachturnier und beendete so die Dominanz des Menschen in diesem Spiel. Im Oktober 2015 schlug AlphaGo den chinesischstämmigen Go-Europameister Fan Hui. Jetzt tritt die Software gegen den amtierenden König des Go an. Alle Go-Fans drücken Lee die Daumen. Hochmotiviert dürfte er gleich mehrfach sein - als Preisgeld winkt im Siegesfall eine Million Dollar.

"Schockiert" ist das Adjektiv, das man von Go-Spielern im Zusammenhang mit dem Sieg von AlphaGo am häufigsten hört und liest. Bis zur Veröffentlichung des spektakulären Resultats in "Nature" im Februar 2016 waren Go-Fans sicher gewesen, dass der Sieg einer Maschine über einen Menschen noch mindestens zehn Jahre in der Zukunft liegen würde.

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Spielregeln einfach erklärt: So geht Go

Foto: Tobias Berben

Jetzt aber sind die Freunde des Spiels mit dem schlichten Design und den schier unendlichen Möglichkeiten noch einmal zuversichtlich. "Es ist sehr viel Luft zwischen jemandem wie Fan Hui und jemandem wie Lee Sedol", sagt Tobias Berben, der in Hamburg einen Go-Fachverlag betreibt und die Vereinszeitung des deutschen Go-Verbands verantwortet. Sedol sei mit seinen 33 Jahren für einen Go-Profi schon relativ alt.

Eine Abstimmung unter deutschsprachigen Go-Spielern auf der Fach-Website "Go-Baduk-Weiqi"  zeigt einen klaren Trend: Über 70 Prozent der etwa 400, die sich dort bis Samstagnachmittag beteiligt hatten, tippten auf Lee als Sieger.

Vor Kurzem erst verlor Lee Sedol allerdings zweimal in internationalen Turnieren - jedes Mal gegen einen 20-jährigen Chinesen namens Ke Jie, der als nächster Go-Superstar gilt.

Hochleistungs-Go ist ein Sport für junge Leute. Wer in Korea mit 19 noch nicht Profi ist, wird es auch nicht mehr. Wer älter sei, rechne einfach nicht mehr so schnell, sagt Yoon. Lee Sedol selbst habe schon immer "unheimlich schnell rechnen" können: "Mathematikaufgaben, für die andere 15 Minuten brauchen, löst er in einer."

"Wir wissen nicht, wie schnell AlphaGo ist"

Ob Geschwindigkeit im Spiel gegen AlphaGo eine Rolle spielen wird, ist auch unter den Go-Experten noch umstritten. Die fünf Partien zwischen der Software und dem Koreaner werden gewissermaßen über die volle Distanz gehen, jeder Spieler bekommt insgesamt drei Stunden Bedenkzeit, danach kann mit kürzeren Zeiteinheiten womöglich noch weitergespielt werden. "Titelmatches dauern oft sieben bis acht Stunden", sagt Tobias Berben, deshalb sei Go auch eine Frage der Fitness.

Offen ist: Profitiert der Computer überproportional von der langen Bedenkzeit? Oder hilft sie eher dem Menschen? "Manche glauben, Blitz-Go wäre für den Menschen besser", sagt Young Sun Yoon, denn ein guter Spieler trifft beim Go viele Entscheidungen eher intuitiv. "Wir wissen nicht, wie schnell AlphaGo ist."

Go-Spielbrett

Go-Spielbrett

Foto: Corbis

Demis Hassabis, der Gründer von Deepmind, sagte kürzlich bei einem Vortrag, man habe sich Go genau deshalb als Herausforderung ausgesucht: Weil es "intuitive Mustererkennung mit logischer Planung und Suche verbindet". Hassabis sagt aber auch: AlphaGo wird täglich besser.

Dass Lee Sedol gewinnen wird, glaubt jedenfalls auch Yoon. "Fan Hui hat nicht so gut gespielt", sagt sie, auch für seine Verhältnisse nicht, und Lee Sedol sei nun mal um Klassen besser.

Lee spielt auf dem Niveau eines neunten Profi-Dan (9p), der höchsten Spielstufe für professionelle Spieler. "Wenn er so spielt wie gegen Fan Hui, hat AlphaGo keine Chance", sagt Yoon. Lee Sedol selbst habe gesagt, er werde vielleicht eine der fünf Partien verlieren, "aber ich glaube, er wollte nur nett sein." Go-Verleger Tobias Berben ist sich nicht so sicher: "Ich befürchte, dass Lee Sedol verliert, aber ich hoffe, dass er drei zu zwei gewinnt."

Der Grund für seine Besorgnis: Es ist völlig unklar, wie sehr sich die Go-Software seit dem Match im Oktober 2015 weiterentwickelt hat. AlphaGo basiert maßgeblich auf künstlichen neuronalen Netzwerken (siehe Kasten unten), und die werden durch Training eben besser. Die Netzwerke sind für "den intuitiven Aspekt von Go zuständig", sagt Hassabis.

Eine Frage ist, welche Rolle das verfügbare Trainingsmaterial spielt. 70.000 bis 80.000 hochklassige Profi-Partien sind in Go-Datenbanken gespeichert, sagt Tobias Berben. Die Version von AlphaGo, die gegen Fan Hui gewann, wurde zunächst anhand von 100.000 Partien trainiert, die zum Teil von einem koreanischen Server für Online-Go stammten. Dann spielte die Software zum Training immer wieder gegen sich selbst. Und AlphaGo trainiert immer weiter, jeden Tag, jede Nacht. "Es hatte nicht mal an Weihnachten frei", scherzte Hassabis kürzlich .

Eine weitere offene Frage betrifft den anderen zentralen Unterschied zwischen Mensch und Maschine - die Gefühle. Beim Go reicht ein Punkt mehr zum Sieg: Wer vorne liegt, tut gut daran, "den Sieg zu verwalten", nicht übermütig zu werden, keine überflüssigen Risiken einzugehen. Tobias Berben fürchtet: "Darin sind die Computer ziemlich gut."

Außerdem ist das Spiel selbst ob seiner gewaltigen Komplexität noch immer im Fluss, da erinnert Go eher als Fußball als an Schach. "Die Dynamik des Spiels hat sich in den vergangenen 30 Jahren unheimlich verändert", sagt Berben. Und: "Wir wissen noch überhaupt nicht, wie stark man im Go überhaupt werden kann - ob Mensch oder Computer."