Google Nest Doorbell im Test Diese Klingel weiß, wer da klingelt

Per Kamera soll der smarte Klingelknopf erkennen, wer vor der Haustür steht, ob jemand ein Paket abstellt oder bloß eine Katze vorbeitigert. Kann eine Klingel so schlau sein? Wir haben es ausprobiert.
Kann klingeln und gucken: Googles Nest Doorbell (mit Akku)

Kann klingeln und gucken: Googles Nest Doorbell (mit Akku)

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

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Eine Türklingel ist eigentlich eine einfache Sache: Wenn sie gedrückt wird, schließt sich ein Stromkreis und die Klingel tut, wozu sie gebaut wurde: Sie klingelt. Zumindest war das früher so. Die neue Nest Doorbell von Google, die ich für diesen Artikel getestet habe, kann das auch, wenn sie muss. Aber sie kann auch anders.

Doch nehmen wir es erst einmal genau: Die korrekte Bezeichnung lautet »Nest Doorbell (mit Akku)«. Das ist wichtig, denn es gibt auch die ältere »Nest Doorbell (mit Kabel)«, und die sieht nicht nur ganz anders aus, sondern funktioniert auch anders, nämlich – Sie ahnen es – per Kabel. Das neue Modell hingegen funktioniert auch ohne Kabel, nur klingelt dann die Klingel nicht, sondern andere Dinge, aber dazu später.

Jetzt erst mal zu den Unterschieden zwischen der alten und der neuen Version: Das Modell »mit Akku« ist zunächst einmal billiger, kostet 199 statt 279 Euro. Zudem ist sie größer und sieht für meinen Geschmack besser aus. Ihre Videoauflösung ist mit 960 × 1280 Pixel allerdings deutlich schlechter als die 1600 × 1200 Pixel des alten Modells.

Im Alltag fällt das kaum auf, man schaut sich das Video ja meist unterwegs auf dem Handy an, da reicht die niedrigere Auflösung schon. Allerdings deckt die Kameras der verkabelten Klingel auch einen mit 160 Grad größeren Blickwinkel ab als das neue Modell, das nur 145 Grad breit sieht.

Wissen, was sich bewegt

Der aus meiner Sicht wichtigste Unterschied ist jedoch, dass in der Türklingel mit Akku ein Chip steckt, der für maschinelles Lernen optimiert ist. So wird Googles Klingel ein kleines bisschen intelligent. Intelligenter als das Kabelmodell jedenfalls. Denn, so gut deren Bild auch sein mag: Sie kann zwar Personen erkennen, ist aber ansonsten strohdoof, kann nur ganz allgemein Bewegungen und laute Geräusche melden. Dabei ist es ihr aber egal, ob die Bewegung von einem Ast im Wind oder Nachbars Katze stammt.

Die Akkuklingel kann auch ganz undefiniert Bewegungen wahrnehmen. Sie weiß aber auch zu unterscheiden, ob die Bewegung von einem Menschen, einem Auto oder eben Nachbars Katze ausgelöst wurde und kann mich sogar informieren, wenn jemand ein Paket vor meiner Tür ablegt. Im Test hat das jedenfalls geklappt, in der Praxis nicht, denn Paketbotinnen und -boten neigen dazu, die Kartons unter meiner Klingel abzulegen und nicht davor.

Trotzdem ist diese Fähigkeit der Klingel, zu unterscheiden, ob sich vor ihrer Kamera Mensch, Tier oder Baum bewegt, für mich Gold wert. In Google Home-App kann man nämlich festlegen, dass sie beispielsweise nur auf Personen, nicht aber auf Tiere oder für sie nicht klar definierbare Bewegungen reagieren soll. Seit ich das aktiviert habe, ist die Zahl der Fehlalarme dramatisch zurückgegangen.

Die Klingel erkennt auf Wunsch auch den Besuch

Dafür können mir Google-Lautsprecher und Smartphones jetzt Bescheid sagen, wenn jemand vor der Tür steht – und manchmal auch, wer. Aber nur, wenn man will. Die Gesichtserkennung nämlich muss man aktiv in der App einschalten, sonst läuft da nichts. Und wenn sie läuft, dann nur in der Klingel selbst, in der Cloud landen die Daten nicht.

Man sollte mit dieser Funktion aber behutsam umgehen und gesetzliche Bestimmungen beachten, darauf weist auch Google hin. Familienmitglieder in seine Gesichterdatenbank aufzunehmen, mag in Ordnung sein, die Postbotin oder den Nachbarn sollte man fragen, bevor man ihr Bild einer solchen digitalen Verarbeitung unterwirft. Oder sie einfach nicht in die Datenbank aufnehmen, denn die Namen zu den Gesichtern muss man selbst eintragen.

Ebenso gilt es, den Blickwinkel der Kamera sorgsam zu wählen. Aus Datenschutzgründen sollte sie lieber nicht auf die Haustür der Nachbarn oder den Weg vor dem Haus ausgerichtet werden, wo sie ständig Fremde filmen würde. Wollte man sie in einem Mehrfamilienhaus als Wohnungsklingel verwenden, wird es besonders knifflig, wenn man nicht gerade die Dachgeschosswohnung ohne Nachbarn auf der Etage hat. Viele Möglichkeiten, den Blickwinkel zu verändern, hat man nämlich nicht. Die Kamera kann frontal nach vorne schauen oder mit einem Unterlegkeil um 20 Grad geneigt werden.

Hunde und Katzen

Die Fähigkeit der Google-Klingel, Personen und Haustiere zu erkennen, hat allerdings Grenzen. Einbrecher müssten sich lediglich als Pferd verkleiden, um unbemerkt an der Klingelkamera vorbeizukommen, denn die erkennt nur Hunde und Katzen, auf andere Tiere ist ihr Chip von Google noch nicht trainiert worden. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die neue Überwachungskamera von Google, die »Nest Cam (Outdoor oder Indoor | mit Akku)«.

Für die gilt übrigens, wie für die Türklingel, dass man über deren Mikrofone und Lautsprecher mit Personen sprechen kann, die ins Blickfeld der Kamera kommen. Das kann man nutzen, um einen Fremden mit einem lauten »Ich weiß, wo du geparkt hast« vom Grundstück zu vertreiben. Im Falle der Türklingel ist die Funktion aber eher dazu gedacht, Botinnen und Boten anzuweisen, was sie mit der jeweiligen Lieferung tun sollen.

Viel zu viele Klingeldrähte

In der Praxis hat das bei mir aber nie funktioniert. Bis die Meldung vom Türklingeln von meinem WLAN über Internet und Mobilfunknetz auf meinem Handy ankommt, ich darauf reagiere, das Handy entsperre, wahrnehme, wer da ist und wie ich reagieren könnte, sind zumindest Paketboten längst entschwunden. Für solche Spielereien haben die keine Zeit.

Da steckt viel drin: Das Installationszubehör und die Nest-Türklingel (oben)

Da steckt viel drin: Das Installationszubehör und die Nest-Türklingel (oben)

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Wofür man sich allerdings ein wenig Zeit nehmen sollte, ist die Installation der Nest-Türklingel. Ich zum Beispiel wollte sie nicht einfach auf Akku laufen und Besucher über Google-Lautsprecher ankündigen lassen. Sie sollte auch meine alte elektromechanische Klingel ringen lassen und dabei ihren Strombedarf aus deren Klingeldrähten sättigen. Und da lag das Problem: Meine Hausanlage hat einfach zu viele Klingeldrähte.

Wer sich auf solche Abenteuer nicht einlassen will, sollte die Installation einem Profi überlassen. Google verspricht dazu, sogenannte Nest Pros vermitteln zu können. In der Praxis kannte Googles System aber in ganz Hamburg keinen solchen »Pro«. Im Zweifel sollte man das also lieber dem Elektriker seines Vertrauens überlassen.

Fazit

Viel smarter als Googles Nest Türklingel (mit Akku) kann ein Klingelknopf derzeit kaum sein. Man kann sie einfach anschrauben und alle paar Monate aufladen oder über die Klingeldrähte mit Strom versorgen. Das High-Tech-Gadget ermöglicht es dann, auch im Büro oder am Strand zu sehen, wer da gerade klingelt und mit dem- oder derjenigen zu sprechen. Zumindest, wenn diese Person geduldig genug wartet, bis man sein Handy hervorgeholt hat.

Und sollte sich jemand an der Haustür zu schaffen machen, wird man das auch mitbekommen – und sei es nur, weil sie plötzlich keinen Mucks mehr von sich gibt. Denn sonderlich schwer ist sie nicht zu blockieren, etwa durch einen Hammerschlag oder einfach mit einem Stück Klebeband. Wer sich mit so einem Gerät gegen Einbrecher wehren will, sollte deshalb lieber eine zweite Kamera an einer weniger exponierten Stelle platzieren.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

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