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Pixel 4 im Test: Das kann das neue Google-Handy

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Google Pixel 4 im Test Hände hoch!

Die neuen Google-Smartphones locken mit einem interessanten, wenn auch ausbaufähigen Bedienungskonzept, einem guten Display und tollen Kameratricks. Einen Nachteil haben die Pixel-4-Modelle aber doch.

Dieses Smartphone lässt sich dirigieren, aber nur ein kleines bisschen: Das Pixel 4 und das Pixel 4 XL sind Googles erste Geräte, die Gesten des Benutzers anhand eines Radarchips erkennen und damit eine berührungslose Bedienung ermöglichen. Das könnte zum Beispiel in der Küche hilfreich sein, wenn man gerade keine Hand frei hat, aber trotzdem beim Musikhören einen Song überspringen will.

Wie aber schlägt sich die Technik, an der das Unternehmen seit fünf Jahren forscht, in der Praxis tatsächlich?

Das ist schnell erzählt. Motion Sense, wie Google die Gestensteuerung nennt, ist derzeit noch sehr eingeschränkt. Man kann Alarme und Anrufe stummschalten, indem man seine Hand übers Handy hält. In vielen Musik-Apps kann man mit einer Wischbewegung in der Luft außerdem von einem Song zum nächsten springen. Das war's.

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Immerhin funktioniert Motion Sense recht zuverlässig, sofern man deutlich genug gestikuliert und seine Hand nicht mehr als 20 bis 30 Zentimeter vom Display entfernt. Der Nutzen hält sich in Grenzen. Insofern sollte man das Gebotene eher als "Sneak Preview" verstehen. Google hat angekündigt, weitere Funktionen per Update nachzuliefern.

Gesichtserkennung erkennt auch im Schlaf

Der Radarchip trägt immerhin auch dazu bei, dass Googles Gesichtserkennung zum Entsperren des Pixel 4 besonders schnell ist. Er registriert nämlich, wenn sich die Hand dem Gerät zum Greifen nähert und bereitet die Gesichtserkennung schon einmal vor. Angenehm an Googles Lösung ist zudem, dass sich sofort die zuletzt geöffnete Ansicht zeigt. Ein Wisch auf dem Display ist nicht nötig, anders als beim iPhone und den meisten anderen Smartphones.

Unangenehm ist die Tatsache, dass Googles Face Unlock - anders als Apples Gesichtserkennung - bislang auch dann funktioniert, wenn der Besitzer die Augen geschlossen hat. Als Sicherheitsmerkmal ist die Funktion daher kaum zu gebrauchen, bis Google dieses Verhalten per Update abstellt. Aber gut, ein anderer Hersteller verbaut in seinen Oberklasse-Smartphones Fingerabdrucksensoren, die einfach jeden Finger akzeptieren , wenn man zufällig einen Displayschutz verwendet, das ist noch etwas peinlicher.

Die Kamera: Oberklasse

Nach einigen Dutzend Testfotos stellen wir fest, dass Googles Kamera beziehungsweise Googles Software mit Dunkelheit mal besser, mal schlechter klarkommt als das iPhone 11 Pro. Einen eindeutigen Sieger konnten wir nicht küren.

Derselbe dunkle Weg zweimal fotografiert: Links vom Pixel 4, rechts vom iPhone 11 Pro
Derselbe dunkle Weg zweimal fotografiert: Links vom Pixel 4, rechts vom iPhone 11 Pro

Derselbe dunkle Weg zweimal fotografiert: Links vom Pixel 4, rechts vom iPhone 11 Pro

Googles Versprechen, das Pixel 4 könne den Sternenhimmel in einer für Smartphones nie dagewesenen Qualität fotografieren, konnten wir nicht überprüfen. Es mangelte meistens an sternenklaren Nächten, und wenn es doch mal wolkenlos war, störten die Lichter der Stadt, wie unser Soll-Ist-Vergleich zeigt:

Das linke Bild zeigt, was Google verspricht, das rechte zeigt, was daraus in der Großstadt wird
Das linke Bild zeigt, was Google verspricht, das rechte zeigt, was daraus in der Großstadt wird

Das linke Bild zeigt, was Google verspricht, das rechte zeigt, was daraus in der Großstadt wird

Selfies gelingen mit dem Pixel 4 dagegen hervorragend. Besonders die Simulation eines Bokeh-Effekts funktioniert besser als bei der Konkurrenz. Wo das iPhone schon mal Haare in seinen Weichzeichner einbezieht, lässt Googles Software Frisuren meist unangetastet. Nur eine Weitwinkelfunktion, nützlich für Gruppenselfies, haben wir vermisst.

Wie auch den unbegrenzten Onlinespeicher, den Google mit früheren Pixel-Handys verschenkt hat. Anders als bei den Modellen bis zum Pixel 3 kann man seine Aufnahmen nicht mehr kostenlos in Originalqualität online speichern. Stattdessen gilt beim Pixel 4 wie schon beim Pixel 3a, dass die Fotos nur "in hoher Qualität" in unbegrenzter Zahl hochgeladen werden können. Diese Option steht allerdings jedem Android-Nutzer zur Verfügung, unabhängig vom genutzten Gerät. Bei maximal 128 Gigabyte Speicher im Gerät ist das schon ein Nachteil.

Das Display: Schnell und schön

Um es kurz zu machen: Die Darstellungsqualität ist überragend. Farben leuchten kräftig, ohne unnatürlich zu wirken, Kontraste sind stark, die Auflösung ist so hoch, dass auch feine Details in Fotos und Zeichnungen gut zu erkennen sind. Dank seiner sehr guten Schwarzdarstellung macht mit dem Bildschirm außerdem viel Spaß, düstere Filme und Weltraum-Epen anzuschauen.

Vor allem Spiele können davon profitieren, dass die Bildwiederholfrequenz bis zu 90 Hz betragen kann. Das sieht super aus, kostet aber reichlich Energie. Im Normalfall regelt Google das Display deshalb auf 60 Hz herunter.

Automatische Untertitel und Mitschriften

Zwei der besten Neuerungen funktionieren derzeit nur auf Englisch: Die App Recorder kann Gespräche während der Aufzeichnung transkribieren. Ein 45-minütiges, auf Englisch geführtes Interview konnten wir von der App mit einer akzeptablen Fehlerquote verschriftlichen lassen. Zwar kommt sie mit Fachbegriffen eher schlecht zurecht und kann nicht zwischen verschiedenen Sprechern unterscheiden - Google arbeitet daran -, dafür ist das Transkript direkt in der App durchsuchbar.

Ganz ähnlich funktioniert die Funktion "Automatische Untertitel". Sie kann zu Musik und Videos automatisch und in Echtzeit Untertitel erzeugen - bisher leider auch nur in Englisch. Aber das funktioniert schon ziemlich gut und ermöglicht es beispielsweise, Videos aus beliebigen Quellen auch ohne Ton anzuschauen.

Mit den Automatischen Untertiteln kann man "Last Week Tonight" auch dann in der U-Bahn anschauen, wenn man vergessen hat, Kopfhörer einzupacken.

Mit den Automatischen Untertiteln kann man "Last Week Tonight" auch dann in der U-Bahn anschauen, wenn man vergessen hat, Kopfhörer einzupacken.

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Eine deutsche Version des zugrundeliegenden Sprachmodells will Google per Update nachreichen. Ob es genau so gut funktioniert und damit kostenpflichtige Transkriptions-Software überflüssig macht, muss dann ein weiterer Test zeigen. Wichtig ist, dass die Transkription offline funktioniert. So aufgezeichnete Gespräche landen also gar nicht erst auf Google Servern, bleiben privat.

Unterschiedliche Akkulaufzeiten

Bisher können wir zur Akkulaufzeit nur so viel sagen: Das Pixel 4 XL hat nach sechsstündigem Abspielen eines 4K-Videos im Vollbildmodus und bei maximaler Displayhelligkeit noch etwas mehr als die Hälfte seiner Ladekapazität übrig - ein guter Wert. Beim kleineren Pixel 4 sieht das anders aus. Nach wenigen Tagen Test können wir ihm nur eine knapp durchschnittliche Ausdauer attestieren. Der im Vergleich zum Pixel 3 geschrumpfte Akku dürfte seinen Anteil daran haben, obwohl Google den Stromverbrauch nach eigenen Angaben mittlerweile intelligenter steuert.

Dafür ist das Aufladen schnell erledigt. Von 0 auf 100 Prozent Ladekapazität brauchte das Pixel 4 XL mit dem mitgelieferten Netzteil 90 Minuten. Optional kann man beide Modelle aber auch kabellos laden. Das dauert länger, ist aber bequemer.

Orange nur in der kleinen Version

Schön ist das Pixel 4 wahrlich nicht geraten. Auf der Rückseite ähnelt es mit dem großen, hervorstehenden Kameramodul dem iPhone 11, was nicht jeder als Lob verstehen dürfte. Auf der Vorderseite fallen die vergleichsweise dicken schwarzen Balken ober- und unterhalb des Displays auf. Nicht, dass die absurd große Notch im Vorgängermodell hübscher war, aber zeitgemäß wirkt der neue Ansatz nicht.

Die Gehäusefarben Schwarz und Weiß sind auch keine Hingucker. Für die schwarze Variante empfehlen wir, eine Hülle mitzubestellen, weil die glänzende Rückseite Fingerabdrücke regelrecht anzieht. Die hübsche orangefarbene Variante gibt es nur mit mageren 64 Gigabyte Speicher und nicht in der XL-Version.

Fazit

Das Pixel 4 ist eigentlich eine Vorschauversion. Es kann verdammt Vieles verdammt gut. Ausgerechnet das, was es einzigartig macht, wirkt unfertig: die berührungslose Steuerung. Ansonsten spielt es in der Oberklasse mit, kann mit seiner Fotoqualität locker mit den Topmodellen von Apple, Samsung und Huawei mithalten, sie teilweise sogar übertreffen.

Mit 749 Euro und 899 Euro sind allerdings schon die Grundversionen mit 64 GB Speicher keine Schnäppchen. Die dringend nötige Verdopplung des Speichers auf 128 GB lässt sich Google mit jeweils 100 Euro bezahlen.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort