Nexus 7 Tablet, Medienball, Handy-Assistent Google entwickelt Showtalent

Ein Lebensassistent fürs Handy, ein Unterhaltungs-Tablet zum Kampfpreis, ein futuristischer Medienball: Google hat seine Entwicklerkonferenz I/O mit einem Feuerwerk eröffnet. Sogar die sehnsüchtig erwartete Datenbrille namens Glass ließ Sergey Brin vorführen - von Fallschirmspringern.
Nexus 7 Tablet, Medienball, Handy-Assistent: Google entwickelt Showtalent

Nexus 7 Tablet, Medienball, Handy-Assistent: Google entwickelt Showtalent

Foto: Christoph Dernbach/ dpa

Sergey Brin war schon immer der etwas coolere der beiden Google-Gründer, aber mit seinem Auftritt bei der Entwicklerkonferenz Google I/O am Mittwoch in San Francisco dürfte er seinen Ruf als der Entertainer des Suchmaschinenkonzerns zementiert haben. Mitten während einer Google+-Präsentation von Spitzenmanager Vic Gundotra kam Brin auf die Bühne im Moscone Center gestürmt, auf der Nase eine schlanke Datenbrille. Was er jetzt vorführen wolle, sei ein wenig zeitkritisch, erklärte Brin. Auf der Leinwand hinter ihm erschien ein Team von Fallschirmspringern, das kurz darauf aus einem Zeppelin über der Innenstadt von San Francisco absprang.

Aus den "Glass" genannten Datenbrillen-Prototypen, die die Extremsportler auf den Nasen trugen, wurden Bilder direkt auf die Bühne übertragen, der freie Fall, die Landung auf dem Dach des Kongresszentrums, eine kurze Fahrrad-Einlage samt waghalsigem Sprung über eine Schanze, das Abseilen über die Glasfassade des Gebäudes und die letzten Meter in den Saal selbst, wiederum auf Fahrrädern. Der Auftritt dauerte nur wenige Minuten und ließ Entwickler und Fachbesucher im Saal begeistert zurück - auch wenn Brin eigentlich nichts weiter demonstriert hatte als eine Live-Videoübertragung aus einer tragbaren Webcam. Google ist innovativ, dynamisch und cooler als die Konkurrenz, das sollte hier gezeigt werden - und gelang. Dass der Prototyp der Brille 1500 Dollar kosten wird, erst im Januar kommt und auch dann nur für US-Entwickler, fiel da kaum noch ins Gewicht, schließlich stimmte die Show.

Tablet Nexus 7 zum Kampfpreis

Die Konkurrenz, um die es bei der Keynote eigentlich ging, wurde nicht einmal erwähnt: Apple und Amazon. Google präsentierte eine neue Betriebssystemversion für Android-Geräte namens Jelly Bean und dazu gleich ein passendes Tablet: Das von Asus gefertigte Nexus 7 hat einen hochauflösenden Sieben-Zoll-Bildschirm, einen Tegra-3-Prozessor, einen eingebauten NFC-Chip und vor allem eine enge Anbindung an Googles Entertainment-Shop Google Play. Angeboten wird es zu einem Kampfpreis von 199 Dollar pro Stück.

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Entwicklerkonferenz Google I/O: Tablet, Kugel, Siri-Klon

Foto: KIMIHIRO HOSHINO/ AFP

Google will damit augenscheinlich Marktanteile von Amazon zurückholen: Der Online-Händler hatte mit seinem ebenfalls 199 Dollar teuren Sieben-Zoll-Tablet Fire den US-Markt durcheinandergewirbelt: Das erst im November 2011 eingeführte Gerät hatte bereits im Dezember einen US-Marktanteil von 29,4 Prozent unter den Tablets mit Android-Betriebssystem. Im Februar 2012 lag der Fire-Marktanteil bei 54,4 Prozent. Am Mittwochvormittag war durchgesickert, dass Amazon einen Nachfolger für sein Fire-Tablet plant, der schon Ende Juli kommen soll: Es habe mit 1280 x 800 Bildpunkten (Fire 1: 1024 x 600 ) exakt die gleiche Auflösung wie Googles Nexus 7, berichtet Digitimes.  Es soll wieder 200 Dollar kosten.

Apple droht, das preiswertere Marktsegment zu verlieren

Die preiswerte Hardware ist dabei nur ein Türöffner, nicht nur für Amazon: Auch mit Googles Nexus 7 soll man beim hauseigenen Download-Shop künftig Filme, Serienfolgen und ganze Staffeln nicht nur leihen, sondern auch kaufen können - all das wird jedoch wie üblich vorerst US-Nutzern vorbehalten sein. Wann das Nexus 7 in Deutschland auf den Markt kommt, ist aber ohnehin unklar. Auch den Kindle Fire gibt es in Deutschland bis heute nicht. Der Kampf um den Handel mit digitalen Medieninhalten hat gerade erst begonnen - und Google und Amazon wollen ihn augenscheinlich nicht zuletzt über den Gerätepreis führen. Apple droht, das preiswertere Marktsegment an die Konkurrenten zu verlieren - und damit eine potentiell gewaltige Kundschaft für Musik, Spiele und Videoinhalte.

Vergleichsweise teuer mutet dagegen das zweite Stück Hardware an, das in San Francisco präsentiert wurde: ein Streaming-Client namens Q, eine Plastikkugel mit diversen Ausgängen für Lautsprecher, TV-Gerät, Musikanlage. 300 Dollar soll der Q kosten und Android-Nutzern erlauben, Medieninhalte aus der Cloud direkt auf die Geräte in ihrem Haus zu streamen. Das Modell ist dabei ähnlich wie das von Apple TV und Airplay, der Preis vergleichsweise hoch. Das günstigste Apple-TV-Gerät kostet derzeit 99 Dollar.

Drahtlose Verbindung im Wohnzimmer

Doch Q soll mehr können als die Geräte der Konkurrenz: Der Ball sei das erste "soziale Streaming-Gerät", sagte Android-Manager Hugo Barra. Sind mehrere Nutzer mit Android-Handys oder Tablets anwesend, kann jeder von ihnen aus seiner eigenen Medienbibliothek Inhalte, ob Musik oder Videos, auf den Q streamen und sogar die Abspielreihenfolge ändern. Bei Partys dürfte das noch für viel Ärger sorgen. Verbunden werden kann ein aktuelles Android-Gerät, das einen NFC-Chip enthält, mit dem Q einfach durch Berührung - hier wird deutlich, wie Google sich die drahtlose Unterhaltungszukunft vorstellt.

Auch im Bereich Smartphones hatte Google mit Jelly Bean Ankündigungen im Gepäck, die klar auf Apple zielen. Das neue Betriebssystem beantwortet gesprochene Fragen, ganz wie Apples Siri. Die Spracherkennung ist nun unabhängig von einer Netzanbindung, sie findet auf dem Handy statt, nicht mehr auf Googles Servern. Und die Antworten, die ein Jelly-Bean-Handy liefert, sehen nicht mehr aus wie eine Suchmaschinen-Ergebnisliste. Demonstriert wurde das etwa mit der gesprochenen Frage: "Wer ist der Premierminister von Japan?" Die Antwort kam prompt, in Form eines Bildschirms mit Text, einem Foto und einer sanften Frauenstimme, die den Namen aussprach. Der Befehl "Zeig mir Bilder von Zwergseidenäffchen" warf in der Demonstration korrekt eine Serie von Fotos der niedlichen Miniaturaffen aus, die im Publikum wie zu erwarten für viel Uhh und Ohh sorgten. Allerdings wird die neue Android-Version mit der Nummer 4.1 nur wenigen Android-Nutzern zugutekommen - nur die aktuellsten Geräte wie das Galaxy Nexus werden mit dem neuen System ausgestattet.

Das Handy als Lebensassistent

Ein Jelly-Bean-Handy soll zudem eine Art persönlicher Assistent werden, der beispielsweise warnt, wenn auf dem üblichen Arbeitsweg gerade Stau herrscht, der weiß, wann an einer bestimmten Haltestelle der nächste Bus fährt, der aus vorangegangenen Google-Suchen erschließt, welche Sportmannschaft der Nutzer bevorzugt: "Google weiß, dass ich heute üblicherweise ins Fitnessstudio gehe, und sagt mir, wie weit das Studio von meinem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt ist." Die Benutzeroberfläche hat dabei nichts mehr von einer Website, das demonstrierte Interface wirkt aufgeräumt und fokussiert. Klar ist auch, dass all diese Dienste nur funktionieren, weil Google sich von seinen Nutzern kürzlich das Recht geholt hat, Daten aus den diversen Google-Diensten - Maps, Suche, Navigation, Kalender und so weiter - miteinander zu verknüpfen.

Um sich von Google helfen zu lassen, wird man dem Konzern ungeahnte Einblicke in seinen Alltag bieten müssen.

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