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10. März 2016, 16:11 Uhr

Go-Turnier Mensch gegen Maschine

"Spielzüge, die ein Mensch nie machen würde"

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Der derzeit weltbeste Spieler des asiatischen Brettspiels Go hat zum zweiten Mal gegen eine Google-Software verloren. Go-Profis weltweit sind fassungslos - auch angesichts der Spielweise der Künstlichen Intelligenz.

Am Telefon klingt Young Sun Yoon niedergeschlagen. "Wir sind total schockiert und traurig", sagt die südkoreanische Go-Spielerin. Yoon führt gerade ein Go-Seminar mit deutschen Spielern durch und hat in den vergangenen zwei Tagen mit ihren Schülern die Partien zwischen dem derzeit wohl weltbesten menschlichen Go-Spieler Lee Sedol und der Software AlphaGo analysiert. "AlphaGo ist sehr, sehr gut", sagt Profispielerin Yoon leise. Zweimal hat die Software schon gesiegt.

Ob Lee noch eine Chance hat gegen die Künstliche Intelligenz der Google-Tochter Deepmind? "Hoffentlich kann er noch einmal gewinnen", sagt sie - wirklich zuversichtlich klingt sie nicht. Die internationale Go-Szene steht unter Schock.

Yoon hat sich mit anderen Profis in Korea über die zwei Partien unterhalten. Einigkeit herrscht in zwei Punkten: Lee hat nicht schlecht gespielt, wenn auch vielleicht in der zweiten Partie etwas zu zaghaft. Vor allem aber macht "AlphaGo manchmal sehr merkwürdige Züge, Spielzüge, die ein Mensch nie machen würde". Vor dem Turnier waren die Profis noch überwiegend zuversichtlich gewesen, dass Lee gewinnen würde.

"Dieser Zug war genial"

Nach der Partie am Mittwoch sagte Lee, er habe zwar nie das Gefühl gehabt, die Oberhand zu haben. Anfangs aber lag er sogar in Führung. Dann machte AlphaGo diesen einen Zug. Einen Zug, "den kein Mensch je erwartet hätte", sagt Yoon. "Dieser Zug war genial", fügt sie hinzu. Die Software habe damit "Lee Sedols Spiel kaputtgemacht".

Gut möglich, sagt Yoon, dass AlphaGos Strategie die Art verändert, wie Menschen künftig Go spielen. Denn solche unorthodoxen Züge gab es in den zwei Partien noch mehr. Das Programm, das doch von Menschen entwickelt und zunächst anhand menschlicher Partien trainiert worden ist, verhält sich jetzt manchmal so, wie seine eigenen Schöpfer und Lehrmeister es nie tun würden. Und es gewinnt.

Schockiert sind die Go-Profis rund um die Welt auch deshalb, weil AlphaGo noch im Oktober, als die Software den europäischen Go-Champion Fan Hui schlug, noch viel schlechter gespielt hatte. "Es ist unglaublich viel stärker geworden", sagt Yoon.

AlphaGo basiert zu einem wesentlichen Teil auf künstlichen neuronalen Netzen (siehe Kasten unten), und die werden mit Training immer besser. AlphaGo hat sich binnen fünf Monaten von sehr gutem Amateurniveau an die absolute Weltspitze trainiert - indem es immer wieder gegen sich selbst spielte.

Einer jedenfalls gibt sich kämpferisch: Der 20-jährige Chinese Ke Jie, der Lee kürzlich zweimal schlagen konnte, hat AlphaGo dem chinesischen Staatsfernsehen zufolge "den Krieg erklärt". Ke Jie wäre selbst gern gegen die Software angetreten und verkündet nun: "Auch wenn AlphaGo Lee geschlagen hat, wird es mich nicht besiegen." Eine Herausforderung von Deepmind würde er "definitiv annehmen", erklärte der junge chinesische Profi schon einmal vorsorglich.

Alpha Go "wusste", dass es das Spiel gewinnen würde

Ein bisschen hat der bisherige Verlauf des Turniers vermutlich auch mit Gefühlen zu tun, und zwar gleich in zweifacher Hinsicht. Lee sei vermutlich sehr aufgeregt gewesen, sagt Yoon, ein sehr menschlicher Nachteil. Gleichzeitig aber sei der menschliche Champion ein Spieler mit einer "starken Ausstrahlung, auch deshalb verlieren manche Leute gegen ihn". Dem Computer aber "ist das natürlich egal" - noch ein Nachteil für Lee.

Ein Reporter des Wissenschaftsmagazins "Nature", der vor Ort neben dem Deepmind-Gründer Demis Hassabis saß, berichtet, Hassabis habe offenbar schon eine halbe Stunde vor dem Ende des Matches am Donnerstag gewusst, dass AlphaGo gewinnen würde. Google-Manager vor Ort hätten ein Smartphone herumgereicht, auf dem die Verlaufsprognose der Software selbst angezeigt wurde. AlphaGo "wusste" offenbar schon zu diesem Zeitpunkt, dass es das Spiel gewinnen würde. Eine halbe Stunde später gab Lee dann auf.

Go-Spielerin Yoon sagt, die Eröffnungen von AlphaGo wirkten "noch nicht ganz so reif", das Mittel- und Endspiel der Software aber sei perfekt. Je mehr Steine auf dem Brett lägen, "desto besser kann er rechnen", sagt sie und meint AlphaGo.

Lee sei die erste Partie sehr aggressiv angegangen, die zweite für seine Verhältnisse sehr zurückhaltend, sagt Yoon, die den Go-Champion kennt, seit er fünf Jahre alt war. Sie hoffe, dass er für die nächste Partie am Samstag seine Balance finde, "er sollte bei seinem Stil bleiben und sich nicht von AlphaGo beeinflussen lassen".

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