Stadia im Test Die Stärken und Schwächen von Googles Streamingdienst

Ohne Konsole oder teure Grafikkarte selbst Games wie "Red Dead Redemption II" spielen: Das ist das Versprechen von Googles neuem Streamingdienst Stadia. Zum Start bleibt es bei einem Revolutiönchen.

Markus Böhm/ DER SPIEGEL

Von


Google weiß, wie man Erwartungen schürt. Seinen Spiele-Streaming-Dienst Stadia kündigte das Unternehmen Mitte März als "neue Art des Gamings" an. Die Rede war von "Games in bester Qualität" und einer "Plattform für Videospiele, mit der ihr jederzeit eure Lieblingsspiele auf allen Endgeräten zocken könnt - egal, ob auf dem Fernseher, Laptop, Desktop-PC, Tablet oder Smartphone". Was Google versprach, klang, als mache es Konsolen und Gaming-Computer überflüssig. Das jedenfalls war die optimistische Interpretation.

Die pessimistische lautete: Jetzt will Google auch im Geschäft mit Games-Blockbustern sein Glück versuchen - und es kann sein, dass Stadia nach einiger Zeit endet wie sein Facebook-Konkurrent Google+ oder seine Virtual-Reality-Plattform Daydream. Als ambitioniert gestartetes, letztlich aufgegebenes Projekt.

Bei Stadia werden dieser Tage die Weichen in Richtung Erfolg oder Misserfolg gestellt. Spieler, die 129 Euro für eine "Founder's Edition" oder "Premiere Edition" ausgegeben haben, bekommen drei Monate lang Zugang zur Pro-Version des Dienstes. Diese Premium-Variante von Stadia wird ab 2020 rund 9,99 Euro im Monat kosten und parallel zu einer kostenlosen Basis-Version angeboten. Ich konnte das Angebot mit einer "Founder's Edition" bereits ausprobieren - und war sowohl beeindruckt, als auch enttäuscht.

Ohne schnelles Internet kein Spaß

Sollten Sie mit Stadia liebäugeln, zunächst ein Hinweis: Man braucht für Stadia zwar keine Konsole, dafür aber schnelles Internet. Sonst geht gar nichts, egal, wie viele Spiele Sie im Stadia-Shop kaufen.

Zum Games-Streaming per WLAN oder Ethernet-Kabel werden in wenig zeitgemäßer 720p-Auflösung mindestens 10 Mbit pro Sekunde (Mbit/s) benötigt, für 1080p rund 20 Mbit/s. Und für das nur mit der Pro-Version mögliche 4K- und HDR-Streaming sind es sogar mindestens 30 bis 35 Mbit/s.

Letzteres ist mehr, als den meisten Deutschen zur Verfügung steht. Und selbst bei gut versorgten Haushalten könnte es für 4K-Streaming schon eng werden, wenn ein Familienmitglied im selben Netzwerk gerade Netflix in ähnlich hoher Auflösung schauen will.

Bis zu 20 Gigabyte pro Stunde: Stadia schreit quasi nach einer Daten-Flatrate
Google / DER SPIEGEL

Bis zu 20 Gigabyte pro Stunde: Stadia schreit quasi nach einer Daten-Flatrate

Per Mobilfunk lässt sich Stadia bislang noch gar nicht nutzen - was angesichts des löchrigen deutschen Netzes und den hiesigen Mobil-Datenvolumen nur ein kleiner Wermutstropfen ist. Denn bei 4K-Spielestreams fallen laut Google pro Stunde bis zu 20 Gigabyte an Daten an. Und selbst in der per Stadia-App anwählbaren 720p-Datenspar-Option - mit der Spiele in unserem Test merklich schlechter aussehen - sind es noch 4,5 Gigabyte pro Stunde.

Den Fernseher zur Spieleplattform machen

Die Stadia-App für Android oder iOS ist das Herzstück des Dienstes. Von hier aus entscheidet man, auf welcher Plattform man gerade spielen will: ob am TV, am Computer oder am Smartphone. Am besten ist das Erlebnis derzeit auf Fernsehern, kombiniert mit einer fürs Gaming optimierten Bildeinstellung.

Pixel-3a-Smarthphone mit Stadia-App
Markus Böhm/ DER SPIEGEL

Pixel-3a-Smarthphone mit Stadia-App

Den Fernseher zur Spieleplattform machen

Teil beider Stadia-Startpakete ist ein Chromecast Ultra. Das ist eine 4K-fähige Streaming-Box, die per HDMI mit dem TV-Gerät und per WLAN oder Ethernet-Kabel mit dem Router verbunden wird. So lässt sich der Fernseher unkompliziert zur Spieleplattform umwandeln (siehe Fotostrecke). Gesteuert werden die Spiele mit einem per WLAN verbundenen Google-Controller, der ebenfalls zum Startpaket gehört.

In unserem Test mit einem Anschluss, der im Alltag auf 50 bis 80 Mbit/s Downloadtempo kommt, ließ sich unter anderem "Red Dead Redemption II" ohne nennenswerte Qualitätseinbrüche spielen. Diese Erfahrung - samt Ethernet-Kabel im Chromecast und aktiviertem Spielemodus am TV - bedeutet aber nicht zwingend, dass dies in anderen Umgebungen auch so gut funktionieren wird.

Das Wild-West-Spiel läuft per Stadia auf Google-Rechnern. Über meinen Router und mein WLAN-Netzwerk landeten das Bild bei mir und meine Controller-Eingaben bei Google. "Red Dead Redemption II" wirkt so und mit dem Google Controller gespielt genauso aufregend und entschleunigend wie auf meiner Playstation 4. Das Spiel sieht dank des 4K-Streams aber schicker aus, bei erträglichen Ladezeiten. ("The Verge" merkt derweil an, dass Spiele wie "Destiny II" via Stadia gestreamt grafisch etwas weniger beeindrucken, als wenn sie direkt auf einer Xbox One X oder einem Gaming-Rechner laufen.)

Als weitere Testgeräte nutzte ich meinen Arbeitslaptop (dem eine für moderne Spiele ausgelegte Grafikkarte fehlt) sowie ein Pixel-3a-Handy von Google, eins von wenigen bereits jetzt mit Stadia kompatiblen Smartphones. In beiden Fällen funktionierte das Streaming gut: auf dem Computer über Googles Chrome-Browser, auf dem Handy direkt über die Stadia-App.

Der Wechsel von einem Gerät zum anderen wirkte manchmal etwas mühsam. Dafür ließ sich - wenn man schnell genug wechselt - jeweils der letzte Spielstand wiederaufnehmen. Ein praktisches Feature.

Volle Qualität nur am Fernseher

Streams jenseits des Chromecast Ultra haben aber einen Nachteil: Google liefert sie bislang maximal in 1080p aus, selbst dann, wenn etwa ein Laptop-Monitor 4K-Auflösung bieten würde. Und: Googles Controller können jenseits des TVs nur verkabelt benutzt werden, was gerade am Handy lästig ist, selbst mit einem Google-Zubehörteil namens "The Claw" (siehe Fotostrecke).

Absurderweise ist eine kabellose Steuerung auf beiden Geräten grundsätzlich schon möglich: Dann, wenn man etwa einen Playstation-4- oder Xbox-One-Controller benutzt, also ein Gamepad der Konkurrenz. Mit der Fernseher-Variante von Stadia wiederum lassen sich diese Controller nicht verbinden. Wer sich am TV in "Mortal Kombat 11" prügeln will, braucht daher einen zusätzlichen Google-Controller.

Auch sonst ist Stadia noch ein Angebot mit vielen "Kommt bald"-Ankündigungen. Erst nachgereicht wird zum Beispiel ein Achievements-System und auch die innovative Möglichkeit, seinen Spielstand mit anderen zu teilen. Die "Founder's Edition" und die "Premiere Edition" sind noch keine Produkte, die alle Google-Versprechen einlösen.

Spannend wird daher, wie weit Google 2020 ist, wenn Microsoft mit seinem Project xCloud angreift, das neben der digitalen Turborechner-Vermietung Shadow, Nvidias Dienst Geforce Now und Sonys Playstation Now der direkteste Stadia-Konkurrent ist. Interessant wird es vor allem, sollte Microsoft xCloud und seine Gaming-Flatrate Xbox Game Pass zusammenbringen und so eine Art großes "Netflix für Games" im Angebot haben.

Die Pro-Version von Stadia mit 4K, HDR und Surround-Sound kostet monatlich 9,99 Euro
Google / DER SPIEGEL

Die Pro-Version von Stadia mit 4K, HDR und Surround-Sound kostet monatlich 9,99 Euro

Start mit 22 Spielen

Bei Stadia bekommen Pro-Abokunden zum Start erst einmal nur zwei Spiele ohne weitere Kosten, das Weltraum-Actionspiel "Destiny II: The Collection" und das Kampfspiel "Samurai Shodown". Beides sind nette Zugaben, aber wohl keine Spiele, für die man sich extra Stadia zulegt.

20 weitere Titel stehen noch zum Kauf bereit, darunter das exklusive Horrorspiel "Gylt" sowie mal mehr, mal weniger aktuelle, auch auf anderen Plattformen verfügbare Titel wie "Assassin's Creed: Odyssey" von 2018, drei "Tomb Raider"-Games und der "Football Manager 2020". Die meisten Spiele wirken einen Tick teurer als auf anderen Plattformen: Für "Red Dead Redemption II" etwa werden in den USA 59,99 Dollar fällig, genau wie für "Shadow of the Tomb Raider". "Gylt" kostet 29,99 Dollar.

Am Ende müssen Spieler individuell entscheiden, ob ein Dienst wie Stadia für sie sinnvoll ist, mit seinen Monatskosten fürs Pro-Abo, mit der Möglichkeit, Spiele überhaupt nur zu spielen, wenn genug Bandbreite für Stadia vorhanden ist. Mit seinem engem Bezug zum Google-Ökosystem samt Chrome und den Pixel-Handys. Bedenken sollte man auch, dass man - wenn nicht explizit mit sogenanntem Crossplay geworben wird - in den Online-Modi vieler Stadia-Spiele wohl nur gegen andere Stadia-Nutzer antreten kann, nicht aber gegen Nutzer klassischer PC- oder Konsolenversionen.

Bislang ist der Dienst so noch kein Switch-, Playstation- oder Xbox-Killer, sondern vor allem für Besitzer von 4K-Fernsehern ohne jegliches Gaming-Equipment interessant. Aber sollte der Dienst künftig für mehr iOS- und Android-Geräte offen sein, neue Funktionen bekommen und manche Controller-Einschränkung loswerden, könnte er tatsächlich als Spiele-PC- oder Konsolen-Alternative taugen - inklusive angekündigter Blockbuster wie "Cyberpunk 2077" und "Watch Dogs: Legion". Dann hängt es nur noch am eigenen Internet, ob das Spiele-Streaming Spaß macht.



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sku121212 18.11.2019
1. Controller
Die Controller der Konkurrenz funktionieren über Funk und werden direkt mit dem Endgerät verbunden in diesem Fall zB. dem Windows Pc/Mac OS/Android. Der Stadia Controller hingehen Funkt über den Router direkt an den Google Server. Der Stadia Controller kann deshalb NUR über Kabel mit dem Endgerät verbunden werden. Deshalb geht kein Funk über den Computer/Handy sondern NUR mit Chromecast.
Nonvaio01 18.11.2019
2. also keine option fuer D
denn der markt ist dafuer zu klein in D, da internet nicht vernuenftig vorhanden ist in den meisten teilen deutschlands.
derBlock 18.11.2019
3. Luxusprobleme..
Kein HD wenn nebenan Netflix läuft? Also hier läuft nicht mal Netflix solo ordentlich. Telekom sagt, mehr geht nicht(16MBit). Alternativanbieter verspricht(!!) 50MBit für schlappe 80€. Bin ich zu geizig? Oder was zahlt Ihr für flüssig Netflix gucken usw?
yournamehere 18.11.2019
4. Bitte lasst es...
... oder nennt wenigstens so ein Geschreibsel nicht "Test". Kein einziges Wort zur Latenz, zur Bildrate (FPS), zu Kompressionsartefakten etc.
danido 18.11.2019
5. Totgeburt
Eine PS4 am TV angeschlossen produziert ja schon input lag, wie soll das werden wenn das Spiel dann auch noch aus der Cloud kommt. Komisch, dass im Artikel nicht darauf eingegangen wird
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.