Internetplayer fürs Wohnzimmer So heiß ist Sonys Google TV

Google TV kommt nach Deutschland. Per Set-Top-Box will der Konzern Apps, Videos, Musik und das Internet auf den Fernseher bringen. Die erste Google-TV-Box stellt Sony auf der Ifa vor. Was die Technik taugt, verrät der Vorabtest.

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Das Gerät, das ich aus dem Karton ziehe, hat klaren Sony-Charakter: glänzendes Plastik, kein Schnickschnack, vorne eine einzige LED. Minimalismus lebt Sony leider auch beim Zubehör aus: Ein HDMI-Kabel wird nicht mitgeliefert, obwohl man zwingend eines braucht.

Nachdem ich das Kabel besorgt habe, geht die Hardware-Installation schnell: Netzkabel einstecken, HDMI-Kabel einstecken, los geht's. Zwar kann man die Box auch solo nutzen, ihre Stärken spielt sie aber nur aus, wenn sie zwischen TV-Receiver und Fernseher geschaltet wird. Also schleife ich sie zwischen meinen DVB-C-Receiver und dem TV ein. Den zwingend nötigen Internetzugang stelle ich per W-Lan her. Die folgende Softwareinstallation dauert gut 20 Minuten, während denen auch mein Google-Account eingerichtet wird.

Internet, TV und Apps

Zuerst probiere ich die Internetfunktionen aus, schließlich soll das ja ein Internetplayer sein. Der Chrome-Browser baut Web-Seiten rasant auf, spielt dank Flash Filme und Animationen ab. Ärgerlich: Weil Google TV auf dem Handy-Betriebssystem Android basiert, schalten viele Websites auf ihre Mobil-Angebote um, die gar nicht zum üppigen Platz auf meinem Full-HD-Fernseher passen.

Immerhin kann ich den freien Platz füllen, indem ich in einem Bildschirmviertel das aktuell laufende Fernsehprogramm einblende. So kann ich entweder beim Surfen eine Sendung im Blick behalten oder zwischendurch im Netz Informationen zum laufenden Programm suchen. Schneller komme ich ans Ziel, wenn ich das TV-Signal auf Vollbild schalte und mit dem iPad im Web surfe.

Sinnvoller scheint es mir, Apps zu nutzen. Es gibt zwar erst wenige für Google TV optimierte Programme, doch sind schon einige deutsche oder deutsch lokalisierte Apps verfügbar. Manchmal aber wundere ich mich über deren schludrige Anpassung ans Sofa-Surfing. Die Hamburger Sparkasse etwa bietet in ihrer Google-TV-App eine Funktion zur Suche von Geldautomaten per GPS an. Da mein Fernseher kein GPS hat, vermutete die App mich stets in einem kleinen dänischen Fjord am Kattegat.

Googles gerade in Deutschland eingeführter Videoverleih ist leider noch nicht in die Box integriert. Stattdessen bietet Sony mit Video unlimited und Music unlimited seine eigenen Verleih- und Streaming-Dienste an.

Die Fernbedienung

Auf der Rückseite der mitgelieferten Fernbedienung prangt eine Tastatur. Es ist die beste, die ich bisher auf einer TV-Fernbedienung gesehen habe. Lange Texte möchte ich darauf nicht tippen, für Web-Adressen und kurze E-Mails ist sie aber gut geeignet. Unter anderem, weil ein Lichtsensor die Tastaturbeleuchtung aktiviert, sobald es dunkel wird.

Die Vorderseite wird von einem Touchpad dominiert. Zusätzlich gibt es ein Steuerkreuz, wenige Menütasten sowie die von Fernsehern bekannten Farbtasten. Im Grunde funktioniert das alles sehr gut und schnell, sogar im Webbrowser. Nur ist mir manchmal nicht klar, wann ich das Steuerkreuz und wann das Touchpad benutzen sollte. Das ist lästig, da einige Aktionen offenbar nur mit dem einen oder dem anderen Steuermedium ausgelöst werden können. Generell gilt: Immer wenn Menüs oder Tabellenartiges vom Betriebssystem angezeigt werden, ist man mit dem Steuerkreuz schneller, im Chrome-Browser kommt man nur mit dem Touchpad voran.

Macken

Die NSZ-GSA7 ist ein Dauerverbraucher. Ist die Schnellstartfunktion aktiv, saugt sie 15 Watt aus der Steckdose. Und das merkt man: Sogar im Leerlauf ist sie warm, wird im Betrieb regelrecht heiß. Wählt man den sparsameren Modus mit weniger als einem Watt Ruheverbrauch, werden die Signale des angeschlossenen TV-Empfängers nicht weitergegeben. Um fernsehen zu können, muss man die Box einschalten, selbst wenn man sie gar nicht benutzen will.

Manchmal muss sich die Box auch bei mir entschuldigen. "Tut uns leid!", steht dann auf dem Bildschirm, wenn beispielsweise die App com.marvell.AppKiller abgestürzt ist. Ich soll dann das "Schließen erzwingen" und "es noch einmal versuchen". Vertrauen schaffen diese Formulierungen bei mir nicht. Und warum war einmal nach dem Einschalten der Box das TV-Bild rosa eingefärbt? Und einmal knallgrün?

Fazit

Vieles Funktionen des Google TV doppeln sich mit den Angeboten moderner Smart-TVs. YouTube-Videos können sie alle wiedergeben, ein paar Apps haben sie auch, und die besseren Modelle können auch Filme und Musik von Festplatten oder aus dem Netzwerk abspielen. Vieles von dem, was die Sony-Box darüber hinaus bietet, können andere Mediaplayer besser. Das Apple TV ist ungeschlagen, wenn man schnell man einen Film online ausleihen will, die Boxee Box ist grandios als Abspieler lokal gespeicherter Filme.

Punkten könnte Sony, wenn die Box ähnlich eng mit dem TV-Programm verknüpft werden könnte, wie es in den USA möglich ist. US-Kunden können im Netz nach bestimmten Sendungen suchen und dann deren Aufnahme mit dem Google TV per Knopfdruck programmieren. Der Preis von 199 Euro jedenfalls ist schwer zu rechtfertigen. Ein Apple TV kostet 109, eine Boxee Box rund 150 Euro. Und auf der Ifa wird Sony nicht der einzige Google-TV-Anbieter bleiben. Der chinesische Elektronikkonzern Hisense etwa will in Berlin auch eine solche Box vorstellen. Die wird zwar nicht ganz so schick aussehen, soll dafür aber auch weniger als die Hälfte kosten.

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
ralf_si 27.08.2012
1.
Zitat von sysopSonyGoogle TV kommt nach Deutschland. Per Settop-Box will der Konzern, Apps, Videos, Musik und das Internet auf Fernseher bringen. Die erste Google-TV-Box stellt Sony auf der Ifa vor. Was die Technik taugt, verrät der Vorabtest. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,852252,00.html
Zwei Android-Artikel von Herrn Kremp an einem Tag auf SPON ist einfach einer zuviel.
dunham 27.08.2012
2. Auch möglich...
...ist inzwischen der Handy-Betrieb am Fernseher. Viele Android-Handys haben eine HDMI-Schnittstelle. Damit könnte man mit XBMC ein Mediencenter nutzen und durch die ZATTOO-App sogar IPTV nutzen. DH
rowo51 27.08.2012
3. Warum?
Mir ist unklar, weshalb jemand sich von Google oder Apple vorschreiben lassen will, was er oder sie am Fernseher tun oder nicht tun darf. Nichts ist einfacher, als einen halbwegs leistungsfähigen PC per HDMI Kabel an sein HDTV anzuschliessen und mit einer kleinen Bluetooth Keyboard Mouse Combo (wie z.B. Logitech diNovo Mini) zu steuern, wie jeden anderen Computer im Haus, nur dass der "Monitor" schön groß ist. Keine Probleme mit Android, nicht vorhandener Flash-Kompatibilität etc., sondern pures Fernsehvergügen im Vollbildformat, dank zahlreicher Mediatheken in aller Herren Länder. Ich lebe in den USA und geniesse auf diese Weise seit über einem Jahr deutsche Programmangebote, ob nun Nachrichten, Krimis, Fernsehfilme, Dokus etc., in so hervorragender Qualität, dass ich oft dabei vergesse, dass ich "am Rechner" sitze.
herr minister 27.08.2012
4. Wozu überhaupt
Ehrlich gesagt, kapiere ich überhaupt nicht, wozu so ein Ding nötig ist? Zum surfen an der Glotze? Dazu kann man doch jedes halbwegs neuere Notebook anschliessen, hat normales Netz und genug Speicher für Filme Fotos etc. Filme aufnehmen? Gibt es genug Dienste im Internet sowie sämtliche Fernsehprogramme. Man kann auch einfach einen älteren Mac Mini bei ebay schiessen und hat dann fürs gleiche Geld die gleichen Funktionen plus einen rechner und genug Speicher. So wird das nix mit Sony. Das einzige, was die retten kann, ist die PS4, von der ist aber noch nicht mal die Rede.
totalmayhem 27.08.2012
5.
Zitat von rowo51Mir ist unklar, weshalb jemand sich von Google oder Apple vorschreiben lassen will, was er oder sie am Fernseher tun oder nicht tun darf. Nichts ist einfacher, als einen halbwegs leistungsfähigen PC per HDMI Kabel an sein HDTV anzuschliessen und mit einer kleinen Bluetooth Keyboard Mouse Combo (wie z.B. Logitech diNovo Mini) zu steuern, wie jeden anderen Computer im Haus, nur dass der "Monitor" schön groß ist. Keine Probleme mit Android, nicht vorhandener Flash-Kompatibilität etc., sondern pures Fernsehvergügen im Vollbildformat, dank zahlreicher Mediatheken in aller Herren Länder. Ich lebe in den USA und geniesse auf diese Weise seit über einem Jahr deutsche Programmangebote, ob nun Nachrichten, Krimis, Fernsehfilme, Dokus etc., in so hervorragender Qualität, dass ich oft dabei vergesse, dass ich "am Rechner" sitze.
So siehts aus, irgendein Atoemchen auf Mini-ITX board zum selberbasteln, fertig. Das ist dann nicht bloss ein "Internetplayer" (wozu will ich mir ein vorgekautes Internet auf dem TV abspielen lassen?) sondern gleich was Gescheites. Zur Not stellt auch ein 25 Dollar Raspberry Pi das Ding in den Schatten, was die Anwendungsmoeglichkeiten angeht.
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