Handheld-Veteran in der Krise Ciao Palm!

Die Handys des früheren PDA-Marktführers Palm verkaufen sich mäßig, die Rücklagen der Firma drohen zu schmelzen, Analysten sehen das Kursziel der Aktie bei null. Hat das Unternehmen noch eine Chance aufs Überleben?
Palm Pre: Er hätte das Zeug gehabt, dem iPhone Marktanteile abzunehmen

Palm Pre: Er hätte das Zeug gehabt, dem iPhone Marktanteile abzunehmen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Nachrichten aus dem Palm-Hauptquartier in Sunnyvale hätten schlimmer sein können. Als das Unternehmen am vergangenen Donnerstag seine Quartalszahlen bekanntgab, waren die erstmal positiv. 350 Millionen Dollar Umsatz konnte der Konzern für das Firmenquartal von Dezember bis Februar melden, mehr als befürchtet - und doch weniger als von Analysten erhofft. Denn damit war klar: Der Handy-Hersteller schreibt weiterhin Verluste, geht ausgerechnet aus der umsatzträchtigen Weihnachtszeit mit einem neuen Minus von 22 Millionen Dollar heraus.

Die Börse reagierte sofort, der Kurs der Palm-Aktie fiel um 18 Prozent. Der Analyst Peter Misek von Canaccord Adams   senkte das Kursziel auf null Dollar, empfahl seinen Kunden die Papiere abzustoßen, weil "Palms Probleme nur zunehmen werden". Für zwölf Monate würden die Rücklagen des Unternehmens noch reichen, so Misek, dann werde die Luft dünn für den Konzern.

Dabei hatte alles so gut angefangen mit Palm. 1992 gegründet machte die Firma zunächst blendende Geschäfte als Software-Lieferant für die ersten Taschen-Computer, wie Tandys Zoomer. Palm lieferte die sogenannte PIM-Software, also alles, was mit Terminen und Adressen zu tun hatte. Nach einigem Hin und Her entschlossen sich die Gründer dann aber, selbst einen PDA zu entwickeln, der besser werden sollte als die bis dahin glücklosen Versuche, persönliche digitale Assistenten (PDA) zu bauen.

"Einfacher und besser als Papier"

Das Resultat war der Palm Pilot, der am 29. Januar 1996 vorgestellt wurde und sofort ein Erfolg war. Nicht zuletzt, weil er keine teuren Technik-Gimmicks bot, dafür aber eine einfach erlernbare Symbolschreibweise, die zuverlässig funktionierte und die Texteingabe ohne Tastatur endlich nutzbar machte.

Ganz unbescheiden hieß es damals in der Pressemitteilung, der Pilot sei "das erste Produkt, das einfacher und schneller zu benutzen ist als Papier". Das eigentliche Killer-Feature am Pilot war aber, dass es einfach war, ihn mit PC oder Mac zu synchronisieren. Palm lieferte dafür eine eigene Software, den Palm-Desktop, mit. Vor allem wurde mit dem Pilot das Palm OS eingeführt, ein Betriebssystem, das über Jahre in nur wenig veränderter Form die Grundlage für viele erfolgreiche Palm-Handhelds war und mit seinen Tausenden Zusatzprogrammen das Vorbild für Apples App Store lieferte.

Gleichmacher: Palm-Handys mit Windows

Der Schritt weg vom reinen PDA, hin zum Smartphone, gelang Palm aber lange nicht überzeugend. Die Trennung von Hard- und Software-Sparte in eigenständige Unternehmen war der Entwicklung neuer Technik nicht gerade förderlich, bremste die überfällige Entwicklung eines modernen Palm OS unnötig aus. Spätestens als die Firma damit begann, in Ermangelung eines neuen Palm OS Windows-Smartphones herzustellen, war die frühere Eigenständigkeit und Innovationsfähigkeit dahin.

Geändert hat sich das erst, nachdem die Beteiligungsfirma Elevation Partners Ende 2007 damit begann, fast eine halbe Milliarde Dollar in Palm zu pumpen. Das Geld ermöglichte es nicht nur, den Ex-Apple-Manager und iPod-Miterfinder Jon Rubinstein an Bord zu holen, sondern vor allem in Rekordzeit ein vollkommen neues Handy-Betriebssystem, das webOS, samt passendem Handy, dem Pre, zu entwickeln. Nachdem manch Beobachter zuvor schon die Totenglocke für Palm zu hören glaubte, schien für das Unternehmen mit Pre und webOS wieder die Sonne aufzugehen. Doch was folgte, war eine Reihe von Fehlentscheidungen und Enttäuschungen.

Schlechtes Timing und überhöhte Versprechen

Während die Vorstellung des Palm Pre auf der Unterhaltungselektronikmesse CES im Januar 2009 noch ein großer Erfolg war und genau zur richtigen Zeit kam, verlief der Verkaufsstart in den USA ruhig, versandete in Deutschland vollständig. Palm hatte neun Monate gebraucht, um das mit viel Vorschusslorbeeren gepriesene Gerät endlich auch hier auf den Markt zu bringen. Und nach dieser Manier geht es bis heute weiter. Während in den USA längst neue Modelle wie der Pre Plus, der Pixi und der Pixi Plus in den Läden stehen, bietet Palm auf seiner deutschen Website weiterhin Alt-Metall wie den treoPro und den Centro an. Ähnlich erging es Palm mit einer ganzen Reihe von Dingen, die nach der Veröffentlichung des Pre schief liefen:

Überzogene Erwartungen
Zugegeben, es war nicht Palms Schuld, schadete dem Unternehmen aber nachhaltig: Roger McNamee, wichtigster Investor von Elevation Partners, von denen Palm finanziell abhängig ist, trommelte im März 2009 etwas arg laut für sein Lieblingsprodukt. "Der 29. Juni 2009 [der Tag der Einführung des Pre in den USA], ist das zweijährige Jubiläum der iPhone-Einführung. Nicht einer der Leute, die sich damals ein iPhone gekauft haben, wird einen Monat nach diesem Datum noch ein iPhone benutzen", tönte McNamee damals und überhöhte die Erwartungen potentieller Käufer damit in einer Weise, der Palm nicht gerecht werden konnte.

Die Wolke gehört nicht Palm allein
Als Palm den Pre vorstellte, machte das Unternehmen viel Bohei darum, dass das neue Smartphone sich in Dienste wie Facebook und Google einklinke, von dort aus beispielsweise seine Adressdatenbank befülle. Im Januar 2009 hörte sich das noch vorausschauend und innovativ an. Als wenig später das erste Google-Handy, das T-Mobile G1, auf den Markt kam, dass sich ebenfalls via Datenwolke mit Daten befüllen ließ, war die Exklusivität dieser Funktion dahin.

Kaum Apps
Bei der Vorstellung des Palm Pre wurden die Möglichkeiten seines Betriebssystems webOS für Entwickler herausgestellt. Apps dafür zu entwickeln wäre besonders einfach, weil man dabei auf etablierte Techniken wie HTML, Javascript und CSS zurückgreifen könne, lockte das Unternehmen. Die Resonanz der Entwickler war trotzdem verhalten. Zum Verkaufsstart gab es rund 30 Pre-Apps, mittlerweile sollen es rund 1000 sein. Manche davon sind gelungen, einige wichtig und andere ebenso sinnfrei wie etliche iPhone Apps. So zum Beispiel "CoinFlip", mit dem man das Werfen einer Münze ("Kopf oder Zahl?") simuliert. Trotzdem gibt es immer noch Leerstellen. Eine Navi-App für den Pre sucht man in Deutschland bis heute vergebens. Ein paar gute Spiele gibt es mittlerweile, von der Auswahl, die etwa Apples App Store oder Google Marketplace bietet, ist das Angebot aber weit entfernt.

Hickhack mit Apple
Wenn schon nicht durch neue Produkte, so war Palm nach der Vorstellung des Pre doch immer im Zusammenhang mit Apple in der Presse zu finden. Zum einen, weil Palm es als einer der wenigen Hersteller wagte, Multitouch-Technik auf seinem Touchscreen zu verwenden, eine Technik, die Apple gern für sich reklamiert und versucht, mit Patenten zu verteidigen. Zum anderen, weil Palm den Pre so konfigurierte, dass man ihn mit einer iTunes-Musiksammlung abgleichen konnte. Apple reagierte mit Software-Updates, welche Palms Einfallstor wieder verschlossen, woraufhin Palm sein webOS aktualisierte, um neue Türen aufzuschließen. Das Resultat dieses Katz-und-Maus-Spiels: Pre-User können sich nie sicher sein, wie lange sie ihr Smartphone noch via iTunes mit Musik bestücken können, müssen jedes iTunes-Update fürchten.

Schlechtes Timing
Als Palm den Pre Plus in den USA einführte, ließ man sich vom Konkurrenten Motorola und seinem Android-Erstling Droid die Butter vom Brot nehmen. Beide Geräte gab es zunächst exklusiv nur beim Mobilfunkanbieter Verizon zu kaufen, doch der Pre Plus war nur ein Update, während Motorola mit dem Droid das erste Handy mit dem Google-Betriebssystem Android 2.0, samt integrierter Navi-Software, vorweisen konnte. Das Droid wurde ein Hit, der Pre Plus kaum wahrgenommen.

Zu viele Verkäufe - an Händler

Droht Palm nun erneut das Schicksal, übernommen zu werden, so wie schon einmal, als der Modemhersteller US Robotics sich das Unternehmen 1995 einverleibte? Betrachtet man den Kurs der Palm-Aktien, muss die Antwort lauten: Ja.

Nachdem die Palm-Aktie nach der Palm-Vorstellung zunächst steil gestiegen war, ist sie jetzt zeitweilig auf unter vier Dollar gefallen. Keine Frage, da versucht manch Investor, die Reißleine zu ziehen. Für ein wagemutiges Unternehmen, das den Mut und die Mittel hat, Palm zu übernehmen, wäre der einstige Innovationsführer dagegen derzeit ein Schnäppchen.

Palms größtes Problem aber könnte seine offenbar bis zum Bersten vollgestopfte Distributionskette werden. Den Angaben aus der Bilanzpressekonferenz zufolge (PDF)  hat Palm im letzten Quartal 960.000 Smartphones ausgeliefert. Das sind 23 Prozent mehr als im Vorquartal, 300 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal und mehr als ein halbe Million zu viel. Denn verkauft wurden in demselben Zeitraum nur 408.000 Geräte, 29 Prozent weniger als im Quartal davor.

Das Resultat: Bei den Händlern stapeln sich unverkaufte Bestände. Und die könnten Palm das Genick brechen. Denn oft haben deren Lieferverträge eine Klausel, die sie berechtigt, unverkaufte Ware zurückzugeben. Wenn es schlecht läuft, bekommt Palm also demnächst lastwagenweise Hardware zurückgeschickt.

Wer will das haben?

Ob es Palm-Chef Rubinstein jetzt noch gelingen kann, sich aus der Schlinge herauszuwinden, ist fraglich - auch wenn Palm mit seinen Finanzreserven noch eine Weile so weitermachen könnte wie bisher. Hoffnung macht allemal die Kursentwicklung vom Montag, denn mittlerweile geht Palms Aktienkurs wieder steil nach oben. Wer auch immer Interesse daran hätte, das Unternehmen zu kaufen, sollte sich sputen, bevor das Schnäppchen wieder teuer wird.

Doch wer sollte das sein, fragt der Brachenkenner Jean Louis Gassée ? Firmen wie Nokia, Motorola und Sony Ericsson haben lange genug ihre eigenen Marken aufgebaut, asiatische Firmen wie HTC und Samsung sich mit Googles Android angefreundet - und Apple ist sich selbst genug. Vielleicht ist Palm einfach obsolet geworden, wird nicht mehr gebraucht, um die Branche voranzutreiben. Schade wär's.

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