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Handy als Gitarrenverstärker im Test Rock das iPhone!

Das iPhone als Gitarrenverstärker - hört sich komisch an. Aber klingt das auch gut? Mehrere App-Hersteller versprechen fulminante Sound-Erlebnisse mit dem Handy. SPIEGEL ONLINE hat die Programme getestet. Die Ergebnisse überraschen.

Generationen von Gitarristen kennen das Problem: Um einen guten Sound hinzukriegen, muss man Verstärker, Lautsprecherboxen und Effektgeräte in irgendwelche Übungsräume schleppen.

iPhone

App

Jetzt soll es eine smartere Lösung geben - mit dem . Das Prinzip funktioniert so: Man stöpselt sein Musikgerät einfach mit dem Handy zusammen, verbindet dieses mit einem Mischpult oder Kopfhörer, lädt sich die passende in den Speicher und schon kann es losgehen. Alternativ soll es auch möglich sein, das Gerät direkt mit Aktivboxen, dem Rechner oder einer Stereoanlage oder Boombox zu verbinden, die eine iPod-Verbindung unterstützt.

Und dann soll ein Musikerlebnis entstehen als würde man vor einer Wand aus Verstärkern stehen. Das jedenfalls versprechen die Hersteller von iPhone-Apps wie AmpliTube , iShred Live und RiotFX . Sie versuchen per Software, den Sound kultiger Gitarrenverstärker und populärer Effektgeräte nachzuahmen. Damit konkurrieren sie direkt mit Hardware-Herstellern wie Line6 , die das Konzept "Ein Gerät simuliert viele" seit langer Zeit propagieren.

Neu ist die Idee der App-Programmierer schließlich nicht. Schon Anfang der achtziger Jahre hatte Tom Scholz, Gründer der US-Rockband Boston ("More than a feeling", "Peace of mind") eine ganz ähnliche Idee. Weil er mit dem damaligen Musik-Equipment nicht die Sounds hinbekam, nach denen er suchte, entwickelte er den Rockman, einen Gitarrenverstärker im Format eines Walkman.

Genau wie das japanische Vorbild konnte der Kasten am Gürtel getragen werden und war batteriebetrieben. Allerdings hatte er keinen einzigen Drehregler, sondern nur Schiebeschalter. Die Lautstärke etwa ließ sich nur von "Leise" über "Normal" auf "Laut" umschalten. Trotzdem war die blaue Box damals ein großer Hit und wurde auch von etlichen Profis benutzt.

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Angefasst: Rock'n-Roll-iPhone

Foto: Matthias Kremp

Die aktuellen Nachfolger des Rockman, die als App auf iPhone, iPod touch und iPad laufen, sind allerdings viel flexibler als das Original. War man beim Rockman noch auf wenige Grundsounds beschränkt, simulieren die Gitarren-Apps neben etlichen Effekten teilweise sogar unterschiedliche Verstärkertypen, Lautsprecherboxen und sogar Mikrofone.

SPIEGEL ONLINE hat die Rockman-Ahnen getestet. Lesen Sie, wie smart die Software ist - und ob der Sound tatsächlich rockt:

Der richtige Anschluss - basteln oder kaufen?

Gleich zum Auftakt stellt sich eine entscheidende Frage: Wie kann man eigentlich eine Gitarre an das iPhone anschließen? Schließlich haben MP3-Player und Smartphones zwar Kopfhörerbuchsen, aber keine Mikrofoneingänge. Und schon gar nicht für die dicken Klinkenstecker, die man bei E-Gitarren nutzt.

Die Antwort fällt erstaunlich simpel aus: Ein Adapter muss her, denn im Kopfhörerausgang der i-Gadgets ist auch ein Mikrofonanschluss verborgen, auch wenn man ihn nicht sieht. Ein solches Kabel kann man sich, die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten vorausgesetzt, selbst löten. Wie das geht, wird auf Web-Seiten wie Instructables  erklärt. Weniger aufwendig ist es, sich nach Anleitung von RiotMode  ein Adapterkabel aus verschiedenen Komponenten zusammenzustecken.

Wer keine Lust auf Basteleien hat, geht ins Fachgeschäft und kauft sich einfach ein entsprechendes Kabel. Vom US-Gitarrenhersteller Paul Reed Smith etwa gibt es das Guitarbud-Kabel , Griffin hat das GuitarConnect Cable  im Angebot und IK Multimedia das iRig . Alle kosten rund 30 Euro. Ausprobiert haben wir das iRig, das schön kompakt ist, aber mit seiner klapprigen Plastikbuchse keinen sonderlich hochwertigen Eindruck macht. Immerhin, den Klang der verwendeten Gitarren und Bässe hat das Kabel nicht negativ beeinflusst.

Amplitube - Effekte ohne Ende

Die Verbindung ist also hergestellt. Wie aber klingen jetzt die App-Verstärker? Das umfangreichste Software-Paket schnürt die italienische IK Multimedia mit ihrem Amplitube , das sowohl als kostenlose als auch als kostenpflichtige App verfügbar ist. In der Vollausstattung für 16 Euro enthält es elf Effektgeräte, darunter Standards wie Chorus und Flanger, verschiedene Verzerrer aber auch Soundfilter und ein Echo. Je drei davon können gleichzeitig und in beliebiger Folge geschaltet werden. Außerdem sind ein Stimmgerät und ein Metronom integriert.

Viel Mühe haben sich die Entwickler gegeben, auch die Optik der nachgebildeten Verstärker und Effektgeräte nachzuahmen. Insider erkennen sofort, dass beispielsweise die Verstärkermodule auch mit Markennamen wie Fender, Vox oder Ampeg beschriftet sein könnten.

Was Amplitube aber besonders macht, sind seine Verstärkersimulationen. Fünf unterschiedliche Modelle stehen zur Auswahl, die sich mit fünf unterschiedlichen virtuellen Lautsprecherboxen und zwei virtuellen Mikrofonen so zusammenschalten lassen, dass sie etliche klassische Gitarrensounds erzeugen. Und wer mag, kann seine Gitarre außerdem zu Songs aus der iPod-Ecke seines iPhone schrammeln, die man in Amplitube einspielen kann. Eine gute Möglichkeit zum Üben.

Was beim Ausprobieren stutzig macht, ist, dass die Sounds fast allesamt gut klingen. Selbst wenn man eigentlich eher dazu neigt, analoge Verstärker und Effektgeräte zu verwenden, muss man doch feststellen: Amplitube ist mehr als nur ein Spielzeug und auch für die eine oder andere Studioaufnahme brauchbar.

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Angefasst: Rock'n-Roll-iPhone

Foto: Matthias Kremp

Zum Ausprobieren gibt es im App Store eine kostenlose Variante, die nur einen Verstärker samt Lautsprecher und drei Effekte beinhaltet. Weitere Effekte lassen sich per In-App-Kauf für je 2,39 nachkaufen - oder man steigt gleich auf die Vollversion um.

RiotFX - wenig Glanz zum günstigen Preis

Einen ganz ähnlichen Ansatz wie Amplitube haben die Entwickler von RiotFX  verfolgt, als sie ihre Effektsammlung programmierten. Den optischen Aspekten widmeten sie dabei allerdings ebenso wenig Aufmerksamkeit wie der Nachbildung echter Gitarrenverstärker. So muss man sich hier mit einer rudimentären Klang- und Lautstärkeübersicht begnügen, statt mit verschiedenen Amp-Modellen und Lautsprecherkombinationen zu experimentieren.

Ähnliches gilt auch für die neun Effektgeräte, die unter einem totalen Verzicht auf optische Ausgestaltung leiden. Sie sind nach dem immer gleichen Schema aufgebaut, haben einen Ein-und-Aus-Schalter und mehrere horizontal angeordnete Schieber, mit denen sich die Parameter variieren lassen. Das ist pragmatisch, aber nicht sonderlich ansprechend.

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Immerhin, die Sounds, die man damit erzeugen kann, sind allemal in Ordnung und angesichts des günstigen Preises von 79 Cent absolut überzeugend. Nur eine Verstärkersimulation und ein Stimmgerät fehlen noch.

Aber billiger - da kann man sich sicher sein - kommt man kaum an ein solches Multieffektgerät, das man auch bei der Bandprobe vor den Verstärker schalten kann. Zumindest, wenn man den Preis für das iPhone außer Acht lässt.

iShred Live - mit oder ohne Gitarre

Mit einer ähnlichen Kostenlos-Variante wie Amplitube wirbt auch iShred Live um Nutzer. Auch hier basiert das Konzept auf einem simplen Verstärkermodell und bis zu acht hintereinander schaltbaren Effekten. Immerhin, der Lautstärkeregler lässt sich bis zur Elf aufdrehen . Sogar ein Stimmgerät und ein Metronom sind enthalten.

Dafür kommt die Gratissoftware mit nur drei simulierten Effektgeräten daher, die allesamt einen guten Eindruck hinterlassen. Im einzelnen sind es ein Rauschfilter, ein Echogerät und ein Modulationseffekt für gute Schwingungen. In Kombination mit der Verstärkersimulation lässt sich damit einiges anfangen. Zusätzliche Effekte lassen sich zu Preisen zwischen 79 Cent und 1,59 Euro hinzukaufen.

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In Vollausstattung bezahlt man so 6,35 Euro für das komplette Paket, was nicht zu teuer ist. Und wer unterwegs nicht mal die Gitarre mitnehmen, aber trotzdem Gitarrenriffs komponieren möchte, kann das mit iShred ohne Probleme erledigen. Die Vier-Euro-Software enthält alle Effekte von iShred Live und wird über eine virtuelle Gitarre am Bildschirm eingespielt. Auch ganz nett.

Fazit - Prüfung bestanden, wenn da nicht das Akku-Problem wäre

Als Gitarren-Amp und Multieffekt, das zeigen die drei getesteten Apps, hat das iPhone seine Meisterprüfung bestanden. Ebenso wie Smartphones bereits Navigationsgeräte und zumindest teilweise auch Schnappschusskameras obsolet gemacht haben, könnten sie jetzt auch noch die teuren Multieffektgeräte beerben - auch wenn dieser Markt um einige Größenordnungen kleiner ist als der für Navis.

Ein paar generelle Probleme sind noch zu lösen. Eines davon ist der Stromverbrauch. Bei intensiver Nutzung saugt etwa Amplitube den iPhone-Akku in Rekordzeit leer. Ebenso fehlt passendes Zubehör. Neben Adapterkabeln könnten das zum Beispiel auch spezielle Halterungen sein, um das Handy an der Gitarre oder am Gürtel zu befestigen.

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Angefasst: Rock'n-Roll-iPhone

Foto: Matthias Kremp

So wirklich hat die Smartphone-Industrie Musiker als Kundschaft offenbar noch nicht entdeckt. Das iPhone jedenfalls wird man künftig öfter mal in Heimstudios und Übungsbunkern zu sehen bekommen. Dann aber hoffentlich in den Flugmodus versetzt, in dem absolute Funkstille herrscht und in dem man ungestört von Anrufen und E-Mails rocken kann.

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