Handy-Messe in Barcelona Mobilfunker im Gigahertz-Wahn

Wer hat das Größte, das Schnellste, wer hat das meiste? Nicht mehr echte Innovationen bestimmen das Handy-Geschäft, sondern nur noch plumpe Zahlen. Die Mini-Rechner haben eindrucksvolle Leistungswerte. Aber wer braucht die?

ZTE Era: Dünnes Quadcore-Smartphone mit 4,3-Zoll-Display und Android 4.0
ZTE

ZTE Era: Dünnes Quadcore-Smartphone mit 4,3-Zoll-Display und Android 4.0

Von , Barcelona


Von einem Branchentreffen wie dem Mobile World Congress sollte man einiges an Inspiration und Innovation erwarten. Jedes Jahr trifft sich die Mobilfunkbranche im Februar in Barcelona, um ihre Neuheiten vorzustellen, sich auszutauschen. In diesem Jahr wird vor allem eines getauscht: große Zahlen.

Am weitesten hat sich Nokia bei diesem Wettkampf um technische Daten aus dem Fenster gelehnt: 41 Megapixel habe der Bildsensor im Nokia 808 Pure View, verkündete das Unternehmen auf seiner traditionell am Morgen des ersten Messetages einberufenen Pressekonferenz. Die Konkurrenz ist damit auf die Plätze verwiesen: acht Megapixel? Zwölf? 14? Lächerlich: 41 muss ein Handy heute haben - und damit drei- bis viermal mehr als eine gute Spiegelreflexkamera.

Wie Nokia das anstellt, wie viele Pixel die Kamera im 808 Pure View wirklich verwendet und vor allen wie gut die Fotos damit werden, wird im Netz ausgiebig diskutiert. Vor allem ist die Frage ungeklärt, wer denn eigentlich eine derart hochauflösende Kamera in seinem Handy braucht. Aber das ist das Kernproblem: Viel zu oft geht es nicht um die Bedürfnisse der Anwender, sondern um die technische Machbarkeit.

Fotostrecke

4  Bilder
Smartphone mit 41-Megapixeln: Nokias Pure View 808
Das gilt vor allem für die Prozessoren der neuen Handys. Ein Wunder, dass sich manche Firmen überhaupt noch trauen, Mobiltelefone vorzustellen, deren Treibsätze nur einen Rechnerkern enthalten. Angesagt sind mindestens vier, Quadcore muss sein. Das passt auch zur vierten Version von Googles Android-Betriebssystem, das in Barcelona zu sehen ist.

Für kurze Zeit konnte LG für sich reklamieren, das schnellste Smartphone der Welt zu haben. Allerdings nur, weil das Unternehmen sein Optimus 4X HD schon einige Tage vor Messebeginn ankündigte. Denn was es schnell macht, ist Nvidias Tegra-3-Chip, in dem vier Rechenkerne mit 1,5 GHz werkeln und ein fünfter fürs Stromsparen sorgt. Dieser Chip steckt aber auch in den an den Folgetagen präsentierten Smartphones, im HTC One X, ZTE Era und K-Touch Treasure V8 sowie der Fujitsu-Studie Ultra-High Spec Smartphone.

Fotostrecke

8  Bilder
Mobile World Congress: Drei mal One
Aber damit war die Zahlenspielerei noch nicht zu Ende. Am Vortag der Messe stellte der chinesischen Konzern Huawei sein 4,5-Zoll-Smartphone Ascend D vor. Darin steckt auch ein Quadcore-Chip, der mit denselben 1,5 GHz getaktet ist, die auch in Nvidias Chip ticken. Das Bemerkenswerte daran: Huawei hat den K3V2 genannten Chip selbst entwickelt.

Fotostrecke

3  Bilder
Ascend und MediaPad: Schnelle Vierkerne von Huawei
Der schon im Datenblatt sichtbare Unterschied der beiden Prozessoren: Bei Nvidias Tegra 3 schieben 12 Grafikkerne die Pixel über das Display, bei Huawei sind es 16. Prompt verkündete Firmenchef Richard Yu, sein Handy sei 20 bis 30 Prozent schneller als die Modelle der Wettbewerber.

Ob diese Angaben haltbar sind, müssen unabhängige Tests erst noch beweisen. Beim Ausprobieren in Barcelona erwies sich Huaweis Sprinter tatsächlich als erstaunlich fix. Vergrößert man etwa einen Bildausschnitt oder eine Karte in Google Maps, gibt es keine spürbare Wartezeit mehr, man spart also ein paar Millisekunden. Aber dasselbe gilt auch für die Tegra-3-Handys. Anwendungen, die von der gewaltigen Rechenleistung dieser Chips profitieren, gibt es bis auf wenige Spiele bisher nicht. Die wiederum machen auf großen Tablet-Bildschirmen viel mehr Spaß.

Tablets in der Nebenrolle

Obwohl: Gibt es da überhaupt noch einen Unterschied? Die Grenze zwischen den beiden Gerätegattungen verschwimmt zusehends. War es vor wenigen Jahren noch in, möglichst kleine Handys zu konstruieren, werden die Bildschirme jetzt immer größer. Vier Zoll sind Standard, 4,5 keine Seltenheit, 4,7 bei Highend-Geräten oft anzutreffen. Nur die Fünf-Zoll-Marke hat noch niemand zu übertreffen gewagt. Geräte in dieser Größenordnung werden lieber als Tablets bezeichnet, auch wenn sie über Telefonfunktionen verfügen.

Tablets wiederum sind auf diesem Mobile World Congress deutlich unterrepräsentiert. Stand die Veranstaltung im letzten Jahr noch voll im Zeichen der Flachrechner, spielen sie 2012 nur eine Nebenrolle. Und werden auch gern als "Wir haben das erste Blablabla-Tablet" angepriesen. Vorteile bringen freilich nur wenige der Neuerungen. Full-HD-Displays etwa, auf denen Filme und Fotos tatsächlich deutlich besser aussehen als zuvor.

Fette Reserven

Doch abgesehen davon ist der Nutzen hochgezüchteter Hardware noch ausgesprochen begrenzt. Das Gros der Nutzer wird weder einen Unterschied zwischen einem Dualcore- und einem Quadcore-Handy erkennen oder spüren, noch einen Vorteil davon haben. In Nokias Lowcost-Smartphone Lumia 610 etwa wird der Prozessor mit 800 MHz getaktet. Das Windows-Phone-Betriebssystem läuft darauf trotzdem geschmeidig wie auf Highend-Geräten. Warum das so ist, erklärt Qualcomm-Manager Rob Chandhok: Microsoft nutze einfach konsequent alle Funktionen der Qualcomm-Chips und gebe sich Mühe, seine Software auf die Hardware zu optimieren.

Genau das aber können Hersteller anderer Betriebssysteme nicht leisten, weil sie nicht wie Microsoft vorgeben, welche Hardware im Handy stecken darf. Android etwa muss auf einer Vielzahl von Prozessoren, Grafikkarten und Bildschirmgrößen zusammenarbeiten. Das macht es flexibel, erzeugt aber auch einen Overhead, der mehr Leistung verbraucht. Android ist heute das, was früher der PC war: Ein offenes System, dass auf vielen Sorten Hardware läuft und deshalb immer wieder Software-Anpassungen benötigt.

Ausgerechnet Microsoft hat sich dagegen das Apple-Prinzip zu eigen gemacht und sorgt mit rigiden Hardware-Vorgaben dafür, dass seine Software auf jedem Windows-Handy läuft, egal mit wie vielen Mega- oder Gigahertz der Prozessor darin getaktet ist.

Das Gigahertz-Rennen der Hersteller kann man deshalb als einen Vorgriff auf die vermutlich steigenden Anforderungen künftiger Software ansehen.

Bis es soweit ist, sind Quadcore-Handys etwa ebenso sinnvoll wie übergroße Geländewagen in Barcelonas Altstadt: Die Proportionen passen einfach nicht zusammen.

Doch die Besitzer übergroßer und potentiell superschneller Smartphones werden ihre nicht notwendigerweise vernünftige Anschaffung mit denselben Argumenten verteidigen wie diejenigen, die mit Geländewagen wie Audi-Q7, BMW X5 und Mercedes GLK durch enge Innenstädte schleichen: Man könnte ja, wenn man wollte.



insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rstevens 29.02.2012
1. Und wirkliche Innovationen fehlen
Ich weiß nicht, irgendwie ist das, was beim MWC dieses Jahr vorgestellt wurde, ziemlich langweilig. Wettrüsten ist wirklikch das einzige, was die neuen Geräte auszeichnet. Die Android Handies werden ein bisschen schneller. Toll. Das war ja zu erwarten. Zusätzlich geht der Trend offenbar zum Formfaktor Tablet am Ohr, die Bildschirme werden fast absurd groß für ein Telefon. Die kleineren Android Telefone werden oft noch mit uralten Android-Versionen ausgeliefert und an den meist fehlenden Upgrades wird sich vermutlich auch nicht viel ändern, weil die Hersteller ja schleunigst neue Modelle auf den Markt schmeißen müssen, um beim Vergleich der technischen Daten nicht ins Hintertreffen zu geraten. Das ist leider das Problem, wenn man sich nur über die technischen Daten vom Wettbewerb absetzen kann, weil ansonsten Einheitsbrei herrscht. Nokias Megapixel Schlacht erinnert sehr an das Megahertz Rennen bei den CPUs vor einigen Jahren. Der Unterschied ist nur, dass bei Megapixel Zahlen im Mittelformatbereich auf einem winzigen Sensor mit Miniaturoptik nichts gewonnen werden kann außer, dass die Bilddateien riesig werden. Das Rauschen wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit brutal durch die Software heruntergerechet, was die ohnehin schon durch die Optik eingeschränkte Auflösung noch weiter reduzieren dürfte. Dabei ist die Windows Mobile Plattform grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Fokus auf wirkliche Optimierung der Software auf die Hardware hat weitaus mehr Nutzen für den Nutzer, als hochgezüchtete Hardware. Leider realisiert das das Gros der Kunden nicht wirklich, was zu geringer Verbreitung, dadurch zu wenig Apps und dadurch wieder zu geringem Wachstumspotential führt. Bei Android muss man daher sehr genau überlegen, auf welches Gerät von welchem Hersteller man setzt, um ggf. eins der wenigen Geräte zu erwischen, bei dem man nach einem Jahr nicht sogar ohne Sicherheitsupdates dasteht. Windows Handies sind generell ein gewisses Glücksspiel, weil immer noch nicht absehbar ist, ob die Plattform wirklich abhebt. Schaun wir mal, wo die Reise hingeht. Die Wettrüsterei löst bei mir zumindest im Moment eher Skepsis aus.
a1001 29.02.2012
2. Titel
Zitat von sysopZTE Wer hat das Größte, das Schnellste, wer hat das Meiste: Der Innovationsmotor der Handyhersteller stottert. Nicht neue Ideen und Konzepte bestimmen das Bild der Mobilfunkmesse in Barcelona, sondern plumpe Zahlen. Die Mini-Rechner haben eindrucksvolle Leistungswerte. Aber wer braucht die? http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,818184,00.html
Sehr guter Kommentar, einzig den Aufhänger finde ich nicht gelungen. Nokia scheint sich mit den 41 MP ja etwas gedacht zuhaben und folgt eben nicht der 'mehr ist besser' Logik. Ich denke, ein optischer Zoom dürfte der letzte große Vorteil einer Kompaktkamera gegenüber einem guten Fotohandy sein. Die immense Anzahl Pixel wird aber eben für dieses Feature benötigt. In einem anderen Kommentar habe ich gestern noch von einem schönen Nebeneffekt gelesen: Mit diesem Riesensprung in der Pixelzahl kann Nokia den 'War on Megapixels' sogar beenden, da die 'mehr ist besser' Masche nun bei der Kamera nicht mehr zieht. Man darf gespannt sein!
icke1261 29.02.2012
3. Uninteressant...
... solange die Dinger noch keine Pizza machen koennen.
mlange8801 29.02.2012
4.
Zitat von sysopZTE Wer hat das Größte, das Schnellste, wer hat das Meiste: Der Innovationsmotor der Handyhersteller stottert. Nicht neue Ideen und Konzepte bestimmen das Bild der Mobilfunkmesse in Barcelona, sondern plumpe Zahlen. Die Mini-Rechner haben eindrucksvolle Leistungswerte. Aber wer braucht die? http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,818184,00.html
Na ja, klar, dass die neuen Android Handys mit 720 x 1280 Auflösung mehr Rechenleistung benötigen als ein WP7 Handy mit maximal 800 x 480 Pixeln. Davon abgesehen läuft Android auch auf Geräten mit 600Megahertz Prozessoren (wobei die Megahertz-Zahl ja eh nicht so aussagekräftig für die Leistungsfähigkeit eines Prozessors ist). Entscheidender für die Performance eines Handys ist eher der verwendete Speicher.
Hupert 29.02.2012
5.
[QUOTE=sysop;9730991Die Mini-Rechner haben eindrucksvolle Leistungswerte. Aber wer braucht die?[/QUOTE] Die Antwort "wer" die braucht ist dieselbe wie bei "ausgewachsenen" Rechnern... schlampig programmierte und aufgeblasene Software.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.