Edel-Kopfhörer im Test Süßer die Songs nie klingen

High-End-Kopfhörer versprechen besonders guten Klang und edle Materialien. Wir haben uns vier Modelle angehört, die nicht nur klanglich, sondern auch preislich weit auseinanderliegen.
Sound zum genießen, wenn man ihn sich leisten kann: der Beyerdynamic T1

Sound zum genießen, wenn man ihn sich leisten kann: der Beyerdynamic T1

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Wenn ich Kopfhörer getestet habe, waren das in den vergangenen Jahren meist entweder In-Ear-Headsets oder geräuschmindernde Kopfhörer, die man vor allem auf Reisen gut gebrauchen kann. Im Jahr 2020 allerdings ist nicht viel mit Reisen, Sie werden das bemerkt haben. Stattdessen verbringen viele von uns sehr viel Zeit zu Hause, weil sie im Homeoffice arbeiten, weil der Fitnessklub geschlossen hat und weil auch sonst nicht viel los ist.

Mitten in der Misere bietet sich da die Gelegenheit, mal wieder so richtig in Ruhe Musik zu hören. Statt auf dem Weg vom oder zum Arbeitsplatz zu versuchen, das Gerumpel der Bahn oder das Dröhnen des Busses mit Gegenschall zu unterdrücken, kann man Kopfhörer benutzen, die nur für den Klang gebaut worden sind.

Das macht einerseits Spaß und kann außerordentlich entspannend sein. Andererseits ist guter Klang auch bei Kopfhörern ein nicht gerade billiger Luxus. Die teuersten Geräte in diesem Test haben einen Listenpreis von 999 Euro und selbst die günstigsten stehen noch mit 349 Euro auf der Preisliste des Herstellers.

Ein wichtiger Unterschied zu den meisten anderen aktuell gebräuchlichen Kopfhörern: Diese haben kein Bluetoothmodul, können also nur per Kabel an Klangquellen angeschlossen werden. So soll die bestmögliche Klangqualität gewährleistet werden. Grundsätzlich kann man sie auch ans Handy hängen, besonders laut spielen sie dann aber nicht.

Zum Test habe ich die Kopfhörer deshalb an ein Audio-Interface von Focusrite und meinen alten NAD-T770-Verstärker angeschlossen und teils mit eigenen Aufnahmen in den Formaten WAV und AIFF, teils mit CDs und teils mit Musik im HD- und Ultra-HD-Format von Amazon Prime Music HD angehört.

Beyerdynamic T1 und T5

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Beyerdynamic T1 & T5

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Diese beiden sehen fast aus wie Zwillinge, aber eben nur fast. Beide werden von einem schwarzen Bügel aus gebürstetem Aluminium getragen, der an der Auflagefläche weich gepolstert und mit Alcantara-Kunstleder überzogen ist. Auch die Kopfhörermuscheln scheinen auf den Blick identisch, zeigen sie doch dasselbe auffällige Muster. Bei genauer Betrachtung – und wenn man mit dem Finger darüber streift – erkennt man jedoch, dass dieses Muster beim T5 aufgedruckt ist, während es beim T1 tatsächlich eine löchrige Struktur aufweist.

Diese Struktur ist es, was den großen Unterschied zwischen den beiden ansonsten so ähnlichen Kopfhörern ausmacht: Der T5 ist komplett geschlossen, wozu auch das Kunstleder beiträgt, mit dem die Ohrpolster bezogen sind. So schirmt er Außengeräusche ein wenig ab und sorgt dafür, dass wenig von dem, was man mit ihm hört, nach außen dringt.

Erkennen Sie den Unterschied? Links der T5, rechts der T1
Erkennen Sie den Unterschied? Links der T5, rechts der T1

Erkennen Sie den Unterschied? Links der T5, rechts der T1

Der T1 hingegen ist dank des löchrigen Gehäuses sozusagen auf Durchzug geschaltet. Akustisch hat das insofern Vorteile, als die Lautsprecher quasi besser atmen können, keinen Widerstand im Gehäuse haben und es von dort auch keine akustischen Rückkopplungen gibt. Dafür dringt ein Teil der Musik aber auch nach außen und Außengeräusche nach innen.

Der T1 ist deshalb ein richtiger »Zu Hause«-Kopfhörer, während man den T5 gut auch mal unterwegs benutzen kann, in der Bahn beispielsweise aber damit leben muss, viel mehr von seiner Umgebung mitzubekommen als mit einem Kopfhörer, der Außengeräusche aktiv dämpft.

Diese Unterschiede – T5 geschlossen, T1 offen – machen sich auch klanglich bemerkbar. Im Finale von »Death by Chocolate« von Sia zeigt sich das besonders gut, wenn der Chor im Hintergrund beim T1 regelrecht hinter der Sängerin zu stehen scheint, das Klavier etwas weiter links verortet wird als die E-Gitarre, die zwar rechts, aber weniger weit außen steht. Der T5 ist hier nicht ganz so »breitbeinig« aufgestellt, lässt im Kopf keine so große Bühne entstehen.

Wie gut beide in der Lage sind, feine Details wiederzugeben, zeigt die Ultra-HD-Version von Stevie Wonders »Sir Duke«, in deren Intro man sehr gut hört, wie wenig die offenbar nicht sonderlich große Bassdrum bei der Aufnahme gedämpft war.

Laut Beyerdynamic verfügt der von mir getestete T1 der dritten Generation gegenüber seinem Vorgänger über eine »behutsame Bassanhebung«. Da ich die ältere Version nicht kenne, kann ich das nicht beurteilen, aber »behutsam« ist wohl die korrekte Beschreibung für diese Bassanhebung, denn sonderlich bassig klingt der T1 nicht. Der T5 wirkt da schon etwas kräftiger.

Aber eine bassbetonte Wiedergabe oder das, was man am Hifi-Verstärker durch einen Druck auf die Loudness-Taste provoziert – fette Bässe, betonte Höhen – ist der beiden Beyerdynamics Ding ohnehin nicht. Wer sich für knapp 1000 Euro einen solchen Kopfhörer anschafft, sollte in Musik eher die Feinheiten suchen und beim zehnten Hördurchgang immer noch neue Details entdecken wollen.

Blue Microphones Ella

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Blue Microphones Ella

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Der Ella ist schon etwas länger auf dem Markt, wegen seiner sehr ungewöhnlichen Konstruktionsweise und seiner Funktionen aber immer noch sehr interessant. Er ist ein sogenannter Magnetostat: Den Ton erzeugt bei ihm keine Membran, sondern eine zwischen zwei Magneten schwingende Folie. Diese Technologie steht im Ruf, besonders feine Details wiedergeben zu können.

Genau das schafft der Ella auch, wenngleich ich bei ihm nicht ganz so viele Feinheiten heraushöre wie etwa beim T1. Ohnehin würde ich den Ela weniger zum analytischen Hören und mehr zum Genießen einordnen, was vor allem an seinem eingebauten Verstärker liegt. Über einen etwas wackeligen Drehschalter lässt sich dieser Mini-Verstärker ein- und ausschalten sowie eine dezente Bassanhebung aktivieren. Letztere soll vor allem älteren Aufnahmen, die noch auf Vinyl vorliegen – oder es einmal taten – zu etwas mehr Pepp verhelfen.

Bei der Ultra-HD-Version von »Behind Blue Eyes« von The Who klappt das hervorragend. Der Bass wird wunderbar sanft betont, sodass man die verschiedenen Spieltechniken, die John Entwistle hier einbrachte, gut heraushören kann. Die hart auf Links/Rechts gemischten Gitarren bleiben dabei sehr sauber von der Rhythmussektion getrennt. Das Ganze kommt herrlich analog rüber. »Blinding Lights« von The Weekend hingegen klingt ohne Bassanhebung besser, der zusätzliche Schub von unten wirkt hier übertrieben.

So gut der Ella klingt, so selbstbewusst muss man sein, um ihn in der Öffentlichkeit zu tragen. Statt von einem einfachen Bügel wird er von einem aufwendigen Gelenksystem am Kopf gehalten. Das hat den Vorteil, dass es sich sehr gut individuell anpassen lässt, man den Kopfhörer lange tragen kann, ohne dass er stört. Aber es sieht halt gewöhnungsbedürftig aus. Eine potenzielle Schwachstelle ist auch der Kabelanschluss an der linken Ohrmuschel. Zum einen passen hier nur die mitgelieferten Kabel mit extralangen Steckern, zum anderen kann der lange Kabelausleger bei Kopfbewegungen an der Kleidung reiben, was man leider gut im Kopfhörer mitbekommt.

Philips Fidelio X3

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Philps Fidelio X3

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Der Fidelio setzt sich vor allem durch ein Merkmal von seinen Testkonkurrenten ab: Mit einem Listenpreis von 350 Euro ist er viel billiger. Trotzdem macht er gleich beim Auspacken einen guten Eindruck. Sein Gestell besteht aus dunklem Aluminium, der Tragebügel ist mit einem robusten Leder bezogen, das einem Beipackzettel zufolge aus den schottischen Cairngorms stammt. Die Wolle, mit der die Ohrmuscheln bezogen sind, stammt aus Dänemark. Wäre er nicht in Hongkong hergestellt, könnte man von einem wahrhaft europäischen Produkt sprechen.

Wie der T1 von Beyerdynamic basiert auch der X3 auf einer offenen Bauweise, die Schallwandler können also ohne den Widerstand eines geschlossenen Gehäuses schwingen. Auch hier muss man in Kauf nehmen, dass die Umgebung mithört und dass man laute Umgebungsgeräusche mitbekommt.

Klanglich kann der X3 nicht mit der Feinheit des T1 mithalten. Er ist weniger detailliert, produziert aber ein angenehm ausgewogenes Klangbild mit einem deutlich ausgeprägten Hochtonbereich und sehr trockenen, aber nicht drückenden Bässen und Tiefbässen. Im »Bot Song« von Woodkid lässt er den Gesang sehr klar vor dem von Piano und analogen Synthesizer- und Bläsersounds stehen. Richtig Spaß macht er bei »Wenn du tanzt« von Von Wegen Listbeth, wo er ebenfalls den Gesang gut in den Mittelpunkt stellt und ansonsten das Gefühl vermittelt, man würde mitten im Probenraum der Band stehen.

Fazit

Guter Klang muss kein Vermögen kosten, das beweist der Fidelio X3, der für 350 Euro einen erstaunlich entspannten Sound produziert. Wer es sich leisten kann, greift trotzdem lieber zum Beyerdynamic T1, den ich dem T5 vorziehen würde. Der Ella hingegen ist eher etwas für jene, die nicht nur klanglich etwas Besonderes suchen und vor allem ältere Aufnahmen hören, womöglich von Vinyl.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort