Fotostrecke

"Historical Reenactors": Solche Fotos macht Russell Cobb

Foto: Russell Cobb/ DOCMA

Fotografie-Tipps Mit der Kamera ins Kostümland

"Historical Reenactors" sind Menschen, die in ihrer Freizeit historische Szenen nachspielen - in den passenden Kostümen. Das Fotomagazin "Docma" beschreibt die Arbeit des Fotografen Russell Cobb, den die Szene seit Jahren fasziniert.
Von Michael J. Hußmann

Der Fotograf und Illustrator Russell Cobb hatte den ersten Teil seiner Karriere vor allem der Illustration gewidmet. Mit seinen Arbeiten heimste er fünfmal den "Best of Britain Award" ein und führte lange den Vorsitz der "UK Association of Illustrators". Seit 2010 hat er sich nun aber wieder stärker der Fotografie zugewandt, und zwar mit dem Thema des "Historical Reenactment ". Das Nachspielen historischer Ereignisse, vielfach aus den beiden Weltkriegen, ist vor allem in Großbritannien und den USA ein beliebtes Hobby.

Auf die Subkultur der Reenactors war Cobb zufällig gestoßen, als er seinen Vater, der auch mit militärischen Oldtimern handelt, zu einer Reenactment-Show begleitet hatte. Zur perfekten Rekonstruktion gehören ja auch Fahrzeuge und Kulissen, bis hin zum historischen Zug oder einem bis in alle Ausstattungsdetails originalen Pub.

Die Leidenschaft dieser Leute, die auch im für seine Exzentriker berühmten Großbritannien nicht jeder nachvollziehen kann, faszinierte Cobb, und so beschloss er, sich den Reenactors als sozusagen eingebetteter Kriegsreporter anzuschließen. Dabei verbindet sich das Reenactment für ihn weniger mit dem tatsächlichen Krieg als vielmehr mit den Kindheitserfahrungen seiner Nachkriegsgeneration, die durch heroisierende Kriegsfilme, Spielzeugsoldaten und militärische Flugzeugmodelle geprägt waren. Einige von Cobbs Bildern zeigt unsere Fotostrecke.

Aufnahme von Cobb: Das Nachspielen der historischen Szenen ist vor allem in Großbritannien und den USA beliebt

Aufnahme von Cobb: Das Nachspielen der historischen Szenen ist vor allem in Großbritannien und den USA beliebt

Foto: Russell Cobb/ DOCMA

Cobb ist im Spiel mit dabei

Cobbs Ansatz unterscheidet sich von dem der meisten Fotografen, die auf solchen Events fotografieren: Sie halten sich im Hintergrund, während Cobb mit kurzen bis mittleren Brennweiten mitten im gespielten Kriegsgeschehen arbeitet. Allerdings beschränkt er sich nicht auf die passive Dokumentation - wobei er streng darauf achtet, dass keine Cola-Dose und kein iPhone im Bild den historisch getreuen Eindruck zerstört -, sondern inszeniert auch Szenen, die er zuvor konzipiert hat.

Russell Cobb fühlt sich dem Ethos der Magnum-Fotografen des Zweiten Weltkriegs verpflichtet und legt den Bildausschnitt stets schon im Kamerasucher fest. Es geht ihm aber nicht darum, seine Fotos wie Originale aus den Vierzigerjahren aussehen zu lassen; sein Leitbild ist eher die Atmosphäre von Kinofilmen.

Cobb fotografiert mit zwei Nikon D810 und einer D3X. Im Interesse einer möglichst dreidimensionalen Wirkung setzt er das Licht mit entfesselten Systemblitzgeräten, die per Funk über PocketWizards synchronisiert werden.

Der Fotograf war schon immer auch Illustrator

Am Ende sortiert er erbarmungslos aus und rechnet mit einem gelungenen Foto pro 36 Bilder - also "in altem Geld" - wie er es nennt - einem Kleinbildfilm. Mit der Bildbearbeitung kann er dann Stunden pro Bild zubringen, wobei er hauptsächlich an den Lichtern und Schatten arbeitet. Cobb verwendet Lightroom und Photoshop CC, jedoch ist der Anteil von Photoshop im Laufe der Zeit immer geringer geworden. Die meisten seiner Bearbeitungsschritte nimmt er bereits in Lightroom vor.

Ein Aspekt von Cobbs Arbeitsweise ist einzigartig und beweist, dass der Fotograf nie aufgehört hat, auch Illustrator zu sein: Vor einem Event skizziert er mögliche Bildmotive und Posen, hält das ausgewählte Equipment und die geplanten Aufnahmetechniken als Erinnerungsstütze in Bild und Text fest, und illustriert am Ende auch den tatsächlichen Ablauf, der sich meist anders als geplant entwickelt. Selbst eine kleine Schaffenskrise ist geeignet, eine Doppelseite mit Zeichnungen und Kommentaren zu füllen.

Aus der Fülle seines Bildmaterials zum Reenactment des Zweiten Weltkriegs hat Russell Cobb zusammen mit dem befreundeten Reenactor Phil Hodges ein Buch zusammengestellt ("Axis and Allies"), das 2016 erscheinen wird. Dazu ist auch eine Ausstellung in der Pie Factory in Margate  (14.-27. April 2016) geplant.

Gefunden in

DOCMA 67

Doc Baumanns Magazin für digitale Bildbearbeitung

November 2015

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