HPs TouchPad im Test Eleganter Einzelkämpfer gegen iPad und Co.

Dieses Tablet ist anders - auch wenn man es von außen nicht sieht. Denn im TouchPad setzt Computergigant HP erstmals das ehemalige Palm-Betriebssystem webOS in einer Version für Flachrechner ein. Was kann das Gerät? Wo liegen die Schwächen? Ein Test.

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Ist dafür noch Platz? Für einen weiteren Flachrechner neben den ganzen iPads, Androids und dem Blackberry Playbook? Hewlett-Packard Chart zeigen ( HP) meint: ja - und bringt jetzt das TouchPad in den Handel. Einen Tablet-Computer, der es anders machen soll, als die anderen. Und das obwohl er auf ganz gewöhnlicher Hardware aufbaut, die iPad und Honeycomb-Tablets ähnelt.

Der Streichelcomputer soll potentielle Kunden mit seiner eigenständigen Benutzeroberfläche und dem Betriebssystem webOS 3.0 überzeugen. Einem System, das sich HP vor gut einem Jahr mit der Übernahme von Palm einverleibte. Einem System aber auch, das sonst niemand verwendet und mit dem Palm keine großen Erfolge feiern konnte.

Was leistet der Newcomer? Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen? Ein Test bringt Klarheit.

HP-Manager betonen, webOS sei ein ganz tolles, skalierbares Betriebssystem. Damit meinen sie, dass die Software geeignet ist, auf sehr unterschiedlichen, auch unterschiedlich großen Geräten zu laufen. Als der damalige Palm-Chef Jon Rubinstein das Prinzip bei der Vorstellung der ersten webOS-Smartphones im Januar 2009 erklärte, klang das verheißungsvoll. Ohne viel Mühe könnte webOS nicht nur auf Handys, sondern auch auf Notebooks, Tablets, vielleicht sogar auf Settop-Boxen laufen.

Gut zwei Jahre später ist man schlauer. Die Entwicklung der Tablet-Variante hat bis in den Juni 2011 gedauert, die angekündigte PC-Version wird frühestens Ende des Jahres erscheinen. Doch HP verspricht sich gewaltige Umsätze vom webOS. Als weltgrößter PC-Hersteller könne man das System wesentlich besser vermarkten als Palm es je gekonnt hätte, lautet das Kalkül.

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Das webOS-Tablet: HP Touchpad
Trotz der großen Töne hat HP sich beim Design zurückgehalten. Das Gerät ist schwarz, trägt abgesehen von einem HP-Logo auf der Rückseite keine Verzierungen. Dafür ist das Gehäuse passend zum Display hochglänzend eingefärbt - was gut aussieht, aber nach kurzer Zeit von Fingerschmutz gezeichnet ist. Eine Schutzhülle dürfte hier gute Dienste leisten, das mitgelieferte Putztuch ist eine gute Idee.

Das Display ist mit 9,7 Zoll und einer Auflösung von 1024 x 768 Pixeln zahlenmäßig mit dem des iPad 2 identisch und nervt ebenso mit der verspiegelten Oberfläche. Helle Hintergründe helfen hier, störende Effekte zu minimieren.

Als Antrieb dient ein Dualcore-Prozessor mit 1,2 GHz, dem 1 GB Arbeitsspeicher und wahlweise 16 oder 32 GB Massenspeicher zur Seite stehen. Zur Einführung wird es das TouchPad nur als W-Lan-Version geben, später soll eine 3G-Variante folgen.

Wischen mit System

Das Betriebssystem webOS, das schon auf den Palm-Handys gut gefallen hat, kann auf dem Tablet erst recht seinen Charme spielen lassen - und trotzdem manchmal nerven. Besonders wichtig sind bei dem ehemaligen Palm-Betriebssystem Wischbewegungen nach oben. Ein solcher Wisch bringt beispielsweise den Bildschirm zum Vorschein, über den man Anwendungen starten, Downloads verwalten oder Einstellungen vornehmen kann. Derselbe Wisch lässt den Starbildschirm auch wieder verschwinden. Das geht einfach und schnell. So weit, so gut.

Ähnlich geht man auch mit Apps um, dann aber dreistufig. Gestartet werden Anwendungen, indem man ihr Symbol mit dem Finger antippt, so wie bei anderen Tablets auch. Um eine App in den Hintergrund zu verschieben - ohne sie zu beenden - wischt man einmal nach oben. Eine verkleinerte Version wird dann als Karte auf dem Desktop angezeigt. Laufen mehrere Apps im Hintergrund, liegen diese nebeneinander, so dass man mit dem Finger durch diese Liste hindurchscrollen kann. Wischt man dann erneut nach oben über die App, verschwindet sie vom Bildschirm, wird endgültig beendet.

Nervig wird das Ganze, wenn man in vielen Apps kurz nacheinander ein paar Kleinigkeiten erledigen und diese dann gleich beenden will. Wenn man also etwa, wie im Test, sämtliche Einstellungen des Geräts durchgeht, ist man die Hälfte der Zeit damit beschäftigt, nach oben über das Display zu wischen:

Wisch: Startbildschirm aufrufen
Tippen: Anwendung öffnen
Wisch: Anwendung in den Hintergrund schieben
Wisch: Anwendung beenden
Wisch: Startbildschirm aufrufen
usw….

Ein Lob auf die Synergieeffekte

Aber daran mag man sich mit der Zeit gewöhnen. Woran man sich sehr schnell gewöhnt, ist Synergie. Synergie steckt tief im webOS verankert und sorgt dafür, dass Informationen aus verschiedenen Quellen an zentralen Orten, sprich Apps, gesammelt werden. Plakativstes Beispiel dafür sind E-Mails. In der integrierten Kontenverwaltung kann man Zugangsdaten für Google Mail, Exchange-Server oder Mobile Me eingeben, deren Nachrichten allesamt in ein und derselben Mail-App zusammenlaufen.

Erfreulich für Palm-User: Informationen aus einem bestehenden Palm-Konto werden nahtlos auf das TouchPad übernommen, müssen nicht erneut eingegeben werden. Die Datenwolke lässt grüßen.

Dasselbe funktioniert aber auch mit Fotodiensten, Web-Festplatten, Online-Kalendern, Chat-Diensten und sozialen Netzwerken. Aktuell läuft das mit einem guten Dutzend solcher Angebote sowie E-Mail-Konten, die per POP3 oder IMAP abgerufen werden. Erweiterungen sind für die Zukunft zu erwarten, weil HP die entsprechenden Software-Schnittstellen (API) jedermann zugänglich macht.

Auch Bilder und Videos verwaltet das TouchPad in einer App, die neben lokal gespeicherten Daten zusätzlich Bilder aus Online-Diensten wie Facebook, flickr und Photobucket annimmt. Das ist erst einmal ungewohnt, passt aber gut zum Synergiegedanken. Musik dagegen, spielt HPs eigene App nur aus dem Speicher des TouchPad ab. Zum Kopieren von Musikdateien gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, man schließt das Tablet als USB-Disk an einen Computer an und kopiert die Daten per Drag- and-Drop darauf oder man nutzt die HP-Software HP Play. Die stellt eine Verbindung zur Musikdatenbank von iTunes her und kann deren Inhalte manuell oder automatisch auf das TouchPad übertragen, was im Test mit einer Betaversion problemlos klappte. Bleibt nur abzuwarten, ob Apple dieser Möglichkeit einen Riegel vorschiebt.

Apps sind immer ein Problem - für Neulinge

Ein Problem, das das TouchPad mit anderen Tablet-Erstlingen teilt, ist, dass es bisher nur wenige speziell angepasste Apps gibt. Für den Verkaufsstart verspricht das Unternehmen 300 TouchPad-Anwedungen und verweist - wie seinerzeit Apple bei der Einführung des iPad - auf die webOS-Smartphone-Apps, die es bereits gibt. Tatsächlich funktionieren viele alte webOS-Apps auch auf dem Gerät, nur laufen sie auf dem Tablet-Bildschirm - wie iPhone-Apps auf dem iPad - nur in einem kleinen Fenster, sind damit keine echte Alternative zu nativen Tablet-Apps.

HP versucht aber auch einen neuen Weg zu beschreiten, um für ausgewählte Apps Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das digitale Magazin "Pivot" soll zu bestimmten Themen, Anlässen oder Personen passende Apps präsentieren. Geschrieben wird das Ganze von Journalisten, versichert HP. Reichlich werblich klingt es trotzdem, was da zu lesen ist. Einmal im Monat soll "Pivot" erscheinen, auch in einer deutschen Version.

Die Baustellen

Auffällig ist, dass das TouchPad trotz seines recht schnellen Dualcore-Prozessors, des Öfteren lahmt. Mal brauchen Apps gefühlt einige Sekunden zu lange, um zu starten, mal dauert es sehr lange, bis beispielsweise ein Video beginnt. Verwunderlich ist das deshalb, weil auf dem TouchPad ansonsten nichts ruckelt. Ein selbstgedrehtes HD-Video, an dem das von einem Atom-Prozessor angetriebene Samsung-Chromebook scheiterte, läuft auf dem HP-Tablet geschmeidig über den Bildschirm. Beim Hin- und herschieben von Programmfenstern gab es nie Verzögerungen.

Aber das ist nur eines von mehreren Problemen, die das TouchPad derzeit noch plagen und die während des Tests aufgefallen sind:

  • Es kam ein paarmal vor, dass eine App unvermittelt einfror. Immerhin, das System lief danach stabil weiter, die abgestürzte App konnte per Fingerwisch beendet werden.
  • Nach bestimmten Aktionen erschien auf dem Bildschirm ein hübsch dunkelgrau eingefärbtes, aber ansonsten leeres Hinweisfenster.
  • Die App QuickOffice kann zwar Word-, Excel- und Powerpoint-Dateien anzeigen, bearbeiten lassen sich diese aber nicht.
  • Während die Sensoren des Tablets ansonsten problemlos arbeiteten, versagten sie beim Abspielen von Videos, die stets nur in einer bestimmten horizontalen Ausrichtung auf dem Bildschirm erschienen.
  • Das Drucken im W-Lan funktionierte nur über einen neuen HP-Tintenstrahldrucker, nicht aber über einen etwas älteren HP-Laserdrucker.
  • Eine E-Book-Reader-App fehlte auf dem Testgerät noch. HP verspricht aber, eine Kindle-Anwendung in Kürze nachzuliefern.

Das sind alles keine großen Malaisen, aber doch störende Einzelereignisse. Bei HP sind diese Probleme bekannt und sollen mit dem nächsten Update beseitigt werden. Einen Termin dafür nannte das Unternehmen bisher nicht.

Mit den Fischen schwimmen

Das Fazit lautet: So ganz rund läuft es noch nicht mit dem TouchPad. Ein Aufreger, ein echter Game-Changer womöglich, ist HPs Fuchtel-PC keineswegs. Ein solider Einstieg dagegen schon - und vor allem ein vielversprechender, weil HP mit seinem Zukauf webOS ein System nutzt, das einfach anders ist. Seine größten Trümpfe sind, dass es intuitiv und mit wenigen Gesten bedienbar ist, dass es die Daten sämtlicher Online-Accounts unter einem Dach sammelt und dass es über eine systemweite Suchfunktion verfügt, die sofort loslegt, wenn man den ersten Buchstaben eingegeben hat, und die Adressbuch, Kalender, Apps und Internetverlauf ebenso durchstöbert wie, auf Wunsch, Internetdienste.

Mit dem TouchPad umzugehen, damit im Web zu surfen oder E-Mails zu schreiben, macht schon deshalb Spaß, weil die Benutzeroberfläche so elegant gestaltet ist, so problemlos funktioniert. Nicht problemlos sieht es dagegen mit Apps aus. Dass HP darum weiß, wie wichtig es ist, bestimmte Anwendungen zu haben, sieht man daran, dass der Konzern seine eigene Facebook-App programmiert hat, statt auf Facebook zu warten. Vorerst also werden sich TouchPad-User noch mit einem Minimalangebot zufriedengeben müssen.

Aber das könnte sich spätestens dann ändern, wenn HP sein webOS ab dem Winter auch auf Windows-PC als alternative Benutzeroberfläche installiert. Weil HP weltweit jede Sekunde zwei neue Computer ausliefert, könnte der Konzern auf diese Weise recht schnell eine riesige potentielle Nutzerschaft für webOS-Apps generieren, was wiederum Entwickler anlocken würde, die stets versuchen, im Teich mit den meisten Fischen mitzuschwimmen.

Wenn dann das App-Angebot attraktiv wird, wird automatisch auch das TouchPad attraktiver. Im ersten Anlauf aber ist es eher etwas für Liebhaber, für Early Adopter, die keine Furcht davor haben, dass auf ihrem Tablet nicht dieselben "In"-Apps laufen, wie auf den Fuchtelrechnern ihrer Freunde.

Eine solche Eigenständigkeit hat ja auch etwas für sich.

insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
catcargerry 30.06.2011
1. Mal abwarten
Das Ding könnte sich zu meiner Alternative zu dem angefressenen Obst des Sektenführers in black entwickeln, der seinen Jüngern am liebsten noch das Fett von den Ohren zieht.
Nils74, 30.06.2011
2. Nullnummer
Tablet - Apps = 0 Genau die Art Tablet, mit der Windows im letzten Jahrzehnt wieder und wieder auf die Schnauze gefallen ist. Es ist geradezu erschreckend, dass eine ganze Industrie zu blöd ist, zu analysieren, was die Stärken und eklatanten Schwächen des ultraerfolgreichen iPads sind und daraus ein Produkt zu generieren. Aber nein, tun wir einfach mal so, als gäbe es das Ding garnicht ...
ytsejam 30.06.2011
3. 300 vs. Tausende
Zitat von Nils74Tablet - Apps = 0 Genau die Art Tablet, mit der Windows im letzten Jahrzehnt wieder und wieder auf die Schnauze gefallen ist. Es ist geradezu erschreckend, dass eine ganze Industrie zu blöd ist, zu analysieren, was die Stärken und eklatanten Schwächen des ultraerfolgreichen iPads sind und daraus ein Produkt zu generieren. Aber nein, tun wir einfach mal so, als gäbe es das Ding garnicht ...
Absolut. Bereits bei Verkaufsstart des iPad gab es soweit ich weiß einige Tausend Apps, die für das iPad optimiert waren. Mittlerweile gibt es ca. 80.000. Und offenbar sind von den 300 Apps, die für das HP-Touchpad erhältlich sind, einige wohl nicht wirklich zu gebrauchen – beispielsweise die im Film erwähnte Office-»App«. Wohl eher ein Office-»Viewer«. Aber seis drum. Konkurrenz belebt (sogar in diesem Fall) das Geschäft. Grüße /Jam
fkiefer 30.06.2011
4. Sektenführer
Zitat von catcargerryDas Ding könnte sich zu meiner Alternative zu dem angefressenen Obst des Sektenführers in black entwickeln, der seinen Jüngern am liebsten noch das Fett von den Ohren zieht.
Und von welcher Firma stammen denn die ganzen Innovationen für (Consumer) seit WYSYWYG am Monitor, wenn nicht von der Firma des angebissenen Apfels?
Fünfeinhalb 30.06.2011
5. Smartphone - neue Apps = 0?
Zitat von Nils74Tablet - Apps = 0 Genau die Art Tablet, mit der Windows im letzten Jahrzehnt wieder und wieder auf die Schnauze gefallen ist. Es ist geradezu erschreckend, dass eine ganze Industrie zu blöd ist, zu analysieren, was die Stärken und eklatanten Schwächen des ultraerfolgreichen iPads sind und daraus ein Produkt zu generieren. Aber nein, tun wir einfach mal so, als gäbe es das Ding garnicht ...
Ach, dann teilen Sie also meine Einschätzung, dass beispielsweise ältere iPhones, die softwaremäßig nicht mehr von Apple aktualisiert werden, im Grunde genommen ziemlich entwertet sind, weil keine neuen Apps mehr auf Ihnen laufen? Welche Zeitspanne fänden Sie ab dem Kauf eines Smartphones angemessen und *nachhaltig*, bis dieses nach Ihrer Rechnung: Smartphone - neuen Apps = 0 quasi "wertlos" wäre?
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