Softwarechef Wang über neues Betriebssystem Wie Huawei das »Supergerät« erschaffen will

Mit einem eigenen Betriebssystem will Huawei sich von Googles Android befreien und Hunderte Millionen Geräte verkaufen. Softwarechef Chenglu Wang erklärt im Interview, wie das gelingen soll.
Ein Interview von Matthias Kremp
Huawei-Manager Wang Chenglu

Huawei-Manager Wang Chenglu

Foto: Huawei

Seit Jahren kämpft der chinesische Elektronikhersteller Huawei mit der Krise. Nachdem die USA den gigantischen Konzern auf eine schwarze Liste gesetzt hat, die es US-Firmen verbietet, mit ihm Handel zu treiben, wird es für das Unternehmen immer schwieriger, seine Produkte herzustellen. Zum einen fehlen wichtige Chips, die nur mit US-Technologie produziert werden können. Zum anderen fehlt der früher enorm erfolgreichen Smartphone-Sparte der Zugang zu Google-Diensten wie dem Play Store und Google Maps. Doch ohne die lassen sich moderne Handy kaum verkaufen, zumindest im Westen.

Der Hintergrund: Die USA werfen dem Unternehmen vor, mit der chinesischen Regierung zusammenzuarbeiten und auf deren Befehl Hintertüren in seine Produkte einzubauen, die China Spionage im Westen ermöglichen würden. Beweise dafür haben US-Geheimdienste bisher nicht vorgelegt.

Den Ausweg soll Huawei nun ein eigenes Betriebssystem bringen, HarmonyOS, dessen neue Version 2.0 das Unternehmen am Mittwoch vorgestellt hat. Zum Start wird die Software auf zwei neuen Tablet-Modellen sowie einer Smartwatch auf den Markt kommen. Smartphones mit HarmonyOS dürften etwas später vorgestellt werden.

Im Interview erklärt Huaweis Softwarechef Dr. Chenglu Wang, warum der Konzern ein eigenes Betriebssystem entwickelt hat, was die Software anders macht als etwa Android und iOS und wie sie mehrere Gadgets zu einem »Supergerät« verschmelzen soll:

SPIEGEL: Wie wichtig ist HarmonyOS, um die US-Sanktionen zu überwinden, unter denen Huawei leidet?

Wang: Wir haben HarmonyOS nicht entwickelt, um mit den US-Sanktionen fertig zu werden. Wir hätten ohnehin ein solches Betriebssystem entwickelt, da Smartphones die Anforderungen der Verbraucher nicht vollständig erfüllen können. Wenn Sie zum Beispiel Musik von Ihrem Smartphone auf Ihrem Autoradio abspielen wollen, ist es ziemlich schwierig, diese beiden Geräte zu koppeln. Unser Hauptziel ist es, mit HarmonyOS solche Kundenbedürfnisse zu adressieren und nicht, uns mit den US-Sanktionen auseinanderzusetzen.

SPIEGEL: Die Arbeit an dem neuen Betriebssystem begann also schon vor den Sanktionen?

Wang: Wir haben mit dem Projekt im Mai 2016 begonnen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir drei wesentliche Punkte identifiziert: Erstens wollten wir kein weiteres Betriebssystem nur für Smartphones entwickeln. HarmonyOS sollte nicht ein weiteres Android oder iOS sein, wir wollten ein Betriebssystem für verschiedene Arten von smarten Geräten entwickeln. Zweitens hoffen wir, dass die verschiedenen Geräte nicht mehr voneinander isoliert bleiben. Stattdessen sollten sie ihre Fähigkeiten gemeinsam nutzen. Und der letzte Punkt ist, dass App-Entwickler und Serviceanbieter ihre Apps damit nicht mehr für verschiedene Geräte anpassen, sondern nur noch einen Satz Code entwickeln müssen, der auf unterschiedlichen Geräten eingesetzt werden kann.

SPIEGEL: Was war damals die ursprüngliche Motivation, ein solches Projekt zu starten?

Wang: Wir waren uns sicher, dass das Wachstum des Smartphone-Marktes eines Tages abflachen wird. Also mussten wir uns Gedanken über die weitere Entwicklung des Smartphone-Geschäfts machen. Damals kamen neben den Smartphones auch andere smarte Geräte auf, etwa Fitness-Armbänder und Saugroboter. Es gab immer mehr smarte Geräte und die darin verwendeten Sensoren wurden immer kleiner. Wir waren überzeugt, dass dieser Teil des Marktes weitaus größer sein würde als der für Smartphones.

SPIEGEL: Aber all diese Geräte hatten bereits Betriebssysteme. Warum noch eines bauen?

Wang: Wenn all diese Geräte mit unterschiedlichen Betriebssystemen laufen, sind sie isoliert, und es wird schwierig, ein gutes Gesamterlebnis zu ermöglichen. Es ist, als sprächen sie verschiedene Sprachen. Wenn sie aber eine gemeinsame Sprache sprechen, können sie miteinander kommunizieren. Also haben wir über ein konsistentes oder einheitliches Betriebssystem für diese Geräte nachgedacht. Für Huawei ist das eine riesige Geschäftsmöglichkeit.

SPIEGEL: Kann ein solches vereinheitlichtes Betriebssystem wirklich mit Systemen konkurrieren, die speziell auf die Hardware zugeschnitten sind, auf der sie laufen?

Wang: Es ist für uns nicht möglich, das komplette Betriebssystem in alle Geräte einzubetten, weil die Rechenleistung und die Arbeitsspeicher-Kapazitäten von Gerät zu Gerät sehr unterschiedlich sind. Wir teilen HarmonyOS deshalb in sogenannte tagged modules auf. Wenn zum Beispiel ein Treiber auf einem Gerät mit 128 Kilobyte bis 128 Megabyte Arbeitsspeicher laufen kann, würden wir ihn mit, sagen wir, 1 taggen. Und wenn ein anderer Treiber Geräte mit 5 bis 6 Gigabyte Arbeitsspeicher unterstützt, würden wir ihn mit 2 taggen. Auf diese Weise wird das gesamte System getaggt und wir können Module entsprechend dem Profil der Hardware, auf der sie laufen sollen, kombinieren.

SPIEGEL: In der Theorie klingt das sehr schön, aber wie funktioniert das im Alltag?

Wang: Mit diesem Ansatz sind wir tatsächlich in der Lage, die Grenzen einzelner Geräte zu durchbrechen oder zu überschreiten. Denn deren Ressourcen sind begrenzt, sodass man nicht so viele Fähigkeiten und Funktionen einbauen kann, wie man möchte. Mit HarmonyOS sind wir jedoch in der Lage, viele verschiedene Geräte drahtlos miteinander zu verbinden und so ein leistungsfähiges Supergerät zu schaffen. Die Funktionen und Fähigkeiten dieses kombinierten Supergeräts werden viel größer sein als die Fähigkeiten der isoliert arbeitenden Geräte.

SPIEGEL: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Wang: Die verschiedenen Geräte wären wie Lego-Bausteine, mit denen man beliebige »Gebäude« aufbauen kann. So könnten Sie zum Beispiel Ihr Smartphone mit mehreren externen Kameras kombinieren, um ein Supergerät zu bauen, das Schnappschüsse aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig machen kann. Oder Ihr Smartphone und Ihr Tablet könnten ein Supergerät sein, wenn Sie Ihr Telefon verwenden, um Apps zu steuern, die eigentlich auf Ihrem Tablet laufen. Ihre Smartwatch und Ihr Smartphone könnten ein Supergerät sein und Daten teilen.

SPIEGEL: In welchen Situationen könnte so etwas praktisch sein?

Wang: Wenn Sie mit Ihrem Smartphone versuchen, mit einer Fahrdienst-App ein Auto zu rufen, können die Daten zu dieser Anfrage an Ihre Uhr übertragen werden. Auf diese Weise können Sie Informationen wie die Entfernung des Fahrers zu Ihnen sowie das Kennzeichen und die Farbe des Autos, das Sie gerufen haben, über Ihre Uhr abrufen.

SPIEGEL: Das sieht sehr nach der Art und Weise aus, wie Apple seine iPhones, iMacs und andere Geräte über seinen iCloud-Dienst verbindet.

Wang: Die technische Lösung von Huawei ist völlig anders als die von Apple. Wir verlassen uns nicht auf eine Cloud, um die Verbindung zwischen den Geräten herzustellen. Mit HarmonyOS verbinden sich die Geräte direkt miteinander. Sobald das erledigt ist, werden sie vom Betriebssystem wie ein einziges Gerät betrachtet.

SPIEGEL: Sie behandeln die verschiedenen Geräte also so, als wären sie Bestandteile eines »Supergeräts«, wie Sie es nennen?

Wang: Ganz genau. Bei einem physischen Gerät sind die verschiedenen Module innerhalb des Geräts mit Kabeln oder Leiterbahnen verbunden, in der Fachsprache bezechnet man das als einen Bus. Zum Beispiel müssen die Kamera und der Chipsatz in einem Smartphone über diesen physikalischen Bus miteinander kommunizieren. Wir versuchen, eine Verbindung, die fast so gut ist wie die, die durch einen physikalischen Bus erreicht werden kann, drahtlos herzustellen. Wir nennen das den Soft-Bus oder virtuellen Bus und verwenden dafür WiFi- und Bluetooth-Technologie.

SPIEGEL: Würde diese Technologie auch bei Smartphones von Firmen wie Xiaomi oder Samsung, die Qualcomm-Chips benutzen, und PCs mit Intel-Prozessoren funktionieren?

Wang: Bislang unterstützen wir mit HarmonyOS die Chips von Qualcomm und Intels X86-Architektur nicht. Daher wird HarmonyOS derzeit nur auf Huawei-eigenen Produkten und Geräten eingesetzt. Aber wir haben bereits den Großteil des Codes von HarmonyOS in die OpenAtom Foundation eingebracht. Wenn andere Hersteller das Betriebssystem mögen, können sie den Code von der OpenHarmony-Open-Source-Community bekommen und ihn an ihre Hardware anpassen.

SPIEGEL: Kürzlich sagten Sie, Huaweis Ziel sei es, in diesem Jahr 300 Millionen Geräte mit HarmonyOS zu verkaufen. Wie wollen Sie das schaffen?

Wang: Von diesen 300 Millionen Geräten werden 200 Millionen von Huawei kommen, 100 Millionen von Partnerfirmen. Derzeit sind die meisten dieser Partner chinesische Unternehmen. Aber wir heißen neue Partner aus der ganzen Welt willkommen, sich dem HarmonyOS-Ökosystem anzuschließen. In Europa haben wir bereits einige Kooperationen. Zum Beispiel haben wir mit der Swatch Group in der Schweiz zusammengearbeitet, um einige der verteilten HarmonyOS-Funktionen in ihre Tissot T-Touch Connect Solar-Uhr zu integrieren. Sie kann mit bestehenden Huawei-Smartphones mit EMUI 11 und den kommenden HarmonyOS-Geräten verbunden werden.