Huawei P40 Pro+ im Test Mehr Kamera, mehr Keramik, weniger Google

Das neue Luxus-Smartphone von Huawei protzt mit fünf Kameras, edlen Materialien und superschneller Ladefunktion. Der Preis ist dementsprechend hoch - ob das gerechtfertigt ist, klärt unser Test.
Das neue Top-Smartphone von Huawei hat ein langes Periskop und keine einzige Google-App an Bord

Das neue Top-Smartphone von Huawei hat ein langes Periskop und keine einzige Google-App an Bord

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Mit dem P40 Pro+ rundet Huawei sein Smartphone-Angebot nach oben hin ab. Selbstbewusste 1399 Euro verlangt der chinesische Konzern für sein neues High-End-Modell. Verglichen mit dem 400 Euro günstigeren P40 Pro bekommt man dafür in erster Linie eine Kamera mehr, ein Zehnfach-Zoomobjektiv, doppelten Speicherplatz und ein Gehäuse aus einem Material, das als Nano-Keramik bezeichnet wird. Diese Wortkombination trifft man sonst eher bei Firmen an, die Lackversiegelungen für Autos anbieten.

Ansonsten ist das P40 Pro+ weitgehend identisch mit dem P40 Pro, das Huawei Ende März vorgestellt hatte. Entsprechend hochwertig ist die Ausstattung auch beim neuen Modell: Der an den Seiten leicht gebogene OLED-Bildschirm zeigt 2640 x 1200 Pixel an, kann sehr hell werden, hat im Modus "Normal" eine sehr schöne Farbdarstellung und sorgt mit 90 Hertz Bildwiederholfrequenz dafür, dass beim Scrollen nichts ruckelt.

Na, können Sie erkennen, welches welches ist? Genau: Links liegt ein P40 Pro, rechts das 400 Euro teurere P40 Pro+

Na, können Sie erkennen, welches welches ist? Genau: Links liegt ein P40 Pro, rechts das 400 Euro teurere P40 Pro+

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Auch der Prozessor ist der gleiche, nämlich Huaweis eigener Kirin 990 5G, der, die Bezeichnung lässt es erahnen, 5G-Technologie enthält. Dementsprechend ist das P40 Pro+ schon für die neuen Mobilfunknetze geeignet. Dafür lassen sich zwei Nano-Simkarten einschieben, von denen eine auch gegen eine Huawei-Speicherkarte getauscht werden kann. Das WLAN-Modul beherrscht den neuen Wifi-6-Standard und der Speicher ist beim Plus-Modell auf 512 Gigabyte verdoppelt worden.

Finger weg vom Digital-Zoom

Bei den Kameras trennen sich die Wege der beiden P40-Pro-Varianten. So hat das Plus-Modell anstelle eines Fünffach-Teleobjektivs ein Dreifach- und ein Zehnfach-Tele. Letzteres ist wie ein Periskop eingebaut - mit einem Umklenkspiegel -, weil sich die dafür notwendigen Linsen nicht anders in ein so flaches Gehäuse quetschen lassen würden. Das Ergebnis ist für einen Smartphone-Fotografen beeindruckend.

Die verschiedenen optischen Zoomstufen des P40 Pro+ im Vergleich, von links oben nach rechts unten: Ultraweitwinkel, Weitwinkel, Dreifachzoom und Zehnfachzoom

Die verschiedenen optischen Zoomstufen des P40 Pro+ im Vergleich, von links oben nach rechts unten: Ultraweitwinkel, Weitwinkel, Dreifachzoom und Zehnfachzoom

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Nicht ganz so begeistern kann mich dagegen der Digital-Zoom, der per Softwareinterpolation Zoomfaktoren bis 100 erlaubt. Zum einen klappt das nur mit einem Stativ oder zumindest einer festen Unterlage, zum anderen greift die Software dabei derart vehement in die Aufnahme ein, dass die oft wie Farbkleckse wirkenden Flächen den Eindruck erwecken, die Aufnahme sei mit einem Photoshop-Filter bearbeitet worden.

Verzichtet man auf solche Digitalspielereien, kommen beim Knipsen mit dem P40 Pro+ meist gute Aufnahmen zustande. Die Schärfe ist eigentlich immer gut und beispielsweise die Option, einen Hintergrund durch nachträgliche Änderung der Blende unscharf zu stellen, macht wirklich Spaß. Die Farben wirken aber oft etwas übertrieben. Vor allem Grün und Rot werden von der Kamerasoftware teils recht stark betont. Das folgende Bild zeigt deutlich, wie unterschiedlich die Kameras von Huawei und Apple Farben und Hintergrunddetails behandeln:

Zweimal dasselbe Motiv: Links aufgenommen mit dem Huawei P40 Pro+, rechts mit einem iPhone 11 Pro Max
Zweimal dasselbe Motiv: Links aufgenommen mit dem Huawei P40 Pro+, rechts mit einem iPhone 11 Pro Max

Zweimal dasselbe Motiv: Links aufgenommen mit dem Huawei P40 Pro+, rechts mit einem iPhone 11 Pro Max

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL / Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Unabhängigkeitserklärung

An der Software zeigt sich, dass Huawei sich offenbar darauf einrichtet, seine Smartphones langfristig ohne Google-Apps auszuliefern. Zur Erinnerung: Wegen des Verdachts, der Konzern könne für die chinesische Regierung spionieren, haben die USA amerikanischen Firmen untersagt, mit Huawei zusammenzuarbeiten. Auf Huawei-Smartphones ist deshalb eine freie Version des Android-Betriebssystems installiert, jedoch kein Google-Dienst, also kein Gmail, kein YouTube und kein Play Store. Die Auswahl an Apps ist deshalb sehr eingeschränkt.

Huawei versucht, dieses Manko mit einer Petal Search genannten App wettzumachen, die unter anderem eine Suchfunktion für Apps enthält. So kann man per Eingabe in die Suchmaske auf einen Schlag mehrere nicht von Google betriebene App-Anbieter nach Apps absuchen, die nicht in Huaweis eigenem Store, der App Gallery, zur Verfügung stehen. Und das sind eine Menge. Außer für das P40 Pro+ ist diese Suchfunktion auch für andere, nicht mit Google-Software ausgelieferte Huawei-Smartphones verfügbar, je nach Modell über die App Gallery oder als Update der Systemsoftware.

Vertrauen ist gut, Kontrolle wäre besser

Problematisch ist diese Methode, weil die auf alternativen Plattformen angebotenen Apps nicht denselben Sicherheitskontrollen unterliegen wie im Play Store. Um dieses Manko wettzumachen, hat Huawei in seine Android-Variante eine Avast-Software integriert, die neue Apps vor der Installation auf bekannte Schadprogramme untersucht. Inwieweit die alle denkbaren Manipulationen erkennen kann, ist unklar.

Sicher ist, dass man den verschiedenen Anbietern viel Vertrauen entgegenbringen muss. Und dass man auf einigen Komfort verzichtet. Die neue Sonos-App etwa ist in Huaweis Quellen nicht zu finden, und selbst das aktuelle Update der alten Sonos-App war erst gut eine Woche nach deren Veröffentlichung zu bekommen. Auf eine Huawei-Version der am Dienstag veröffentlichten Corona-Warn-App wird man einem Firmensprecher zufolge noch etwa zwei bis drei Wochen warten müssen.

Fazit

Die Hardware des P40 Pro+ ist großartig. Das Keramikgehäuse ist sehr kratzfest, die Kameras bieten Möglichkeiten, die man sonst nirgends findet, die ganze technische Ausstattung inklusive 5G ist top. Das von den USA bestimmte Fehlen von Google-Software bleibt aber weiterhin ein Schwachpunkt. Auch wenn man jetzt Apps aus diversen Quellen beziehen und so Löcher in Huaweis eigenem App-Angebot stopfen kann, begibt man sich damit auf dünnes Eis. Denn auch wenn Huawei in den App-Installationsprozess eine automatische Sicherheitsprüfung eingebaut hat, lässt sich kaum kontrollieren, ob dabei nicht doch mal eine von Kriminellen manipulierte App durchschlüpft.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

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