Huawei P50 Pocket im Test Schöne Verschwendung

Das neue Falthandy von Huawei hat ein extravagantes Design, High-End-Technik und einen hohen Preis. Was ihm hingegen fehlt, haben wir mit einem Test herausgefunden.
Das Huawei P50 Pocket

Das Huawei P50 Pocket

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

»Praktisch« ist vermutlich der letzte Begriff, den Huawei mit dem Klapp-Smartphone P50 Pocket in Verbindung bringen möchte. Zumal, wenn es um die Premium Edition geht, die ich gerade eine Woche lang getestet habe. Dabei beschreibt das Adjektiv perfekt, was mir an dem neuen Gadget besonders gefallen hat, nämlich dasselbe wie vor fast 20 Jahren bei Motorolas Razr V3: Man klappt es auf und es ist beinahe sofort bereit; man klappt es zu und kann es lässig in der Hosentasche verschwinden lassen.

Aber wahrscheinlich werden Besitzer des P50 Pocket ihr Smartphone lieber auf den Tisch legen, damit man es bewundern kann. Vor allem, wenn es die Premium Edition ist, deren Look von der Modeschöpferin Iris van Herpen gestaltet wurde. Ein in die Rückendeckel graviertes Relief soll »die natürlichen Texturen der Erde« repräsentieren und findet sich auch auf dem Karton wieder, in dem das Handy geliefert wird. Das sieht zumindest ungewöhnlich aus.

»Die natürlichen Texturen der Erde«: Die Premium-Edition ist zumindest auf den ersten Blick erkennbar

»Die natürlichen Texturen der Erde«: Die Premium-Edition ist zumindest auf den ersten Blick erkennbar

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Ungewöhnlich ist auch das Scharnier, mit dem die beiden Hälften des Handys zusammengeklappt und geöffnet werden. Nicht nur, weil es sich sehr geschmeidig dem Wunsch seiner Nutzerin oder des Nutzers beugt, sondern weil es dafür sorgt, dass die beiden Hälften tatsächlich plan übereinander liegen. Bei den Falt-Smartphones von Konkurrent Samsung bleibt immer ein kleiner Spalt.

Dicht an dicht: Zugeklappt liegen die Gehäusehälften plan aufeinander

Dicht an dicht: Zugeklappt liegen die Gehäusehälften plan aufeinander

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Was Huawei nicht besser kann als Samsung: Aufgeklappt zeigt auch der Bildschirm des P50 Pocket eine Falte, die vor allem bei dunklen Bildinhalten gut zu sehen ist. Das Gerät bei Videochats halb aufgeklappt auf den Tisch zu legen, sodass die Selfie-Kamera einem zugewandt stehen bleibt, klappte im Test nicht immer. Ab einem Öffnungswinkel von etwa 90 Grad neigt das Scharnier dazu, das Handy ganz aufzuklappen, ob man will oder nicht. Gefühlt geschah das eher, wenn ich das Display zuvor lange geöffnet hatte.

Der Bildschirm steht auch mal halb offen

Der Bildschirm steht auch mal halb offen

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Darf es ein Bildschirm mehr sein?

Immerhin: So wird das 6,9 Zoll große OLED-Display freigelegt. Mit 2790 × 1188 Pixeln bietet das eine sehr hohe Auflösung und mit einer Bildwiederholrate, die sich je nach Inhalt auf bis zu 120 Hertz hochschraubt, auch sehr flüssig animierte Bewegungen.

Doch das P50 Pocket hat noch ein zweites Display auf der Außenseite. Auf dem kreisrunden Bildschirmchen kann man sich die Uhrzeit, das Datum und das Wetter anzeigen lassen, die Musikwiedergabe steuern und wenn man will, sogar beurteilen lassen, ob man genug Sonnenschutz aufgetragen hat. Vor allem aber kann man es als Sucher benutzen, um mit den Hauptkameras Selfies aufzunehmen.

Selfie mit der Hauptkamera

Selfie mit der Hauptkamera

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Das wäre zwar auch mit der 10,7-Megapixel auflösenden Selfie-Kamera, die im großen Display steckt, möglich, aber die drei Kameras an der Außenseite ermöglichen bessere Bilder. Das Triplet besteht aus einer 40-Megapixel-Weitwinkelkamera mit Blende F/1.8, einer 13-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera mit F/2.2 und einer 32-Megapixel-»Ultra-Spektrum«-Kamera. Letztere soll »nuancierte Details jenseits des sichtbaren Lichtspektrums« einfangen und dadurch für mehr Tiefe in den Aufnahmen sorgen.

Einen spürbaren Vorteil dieser Technik kann ich in meinen Testbildern nicht erkennen. Nur, dass man damit bei Dunkelheit Aufnahmen fluoreszierender Gegenstände machen kann. Das ist amüsanter Schnickschnack. Ansonsten machen die Kameras gute bis sehr gute Aufnahmen, solange man die Finger von der Zoom-Funktion lässt (siehe Bilderstrecke).

Kein Harmony OS, kein Google

Für Verwirrung kann das Betriebssystem sorgen, das Huawei als EMUI 12 bezeichnet, welches aber auf Android 11 basiert. Zur Erinnerung: Aufgrund von US-Sanktionen darf Google dem chinesischen Unternehmen keine herkömmliche Android-Version liefern. Stattdessen muss sich Huawei sein Betriebssystem auf Basis der Open-Source-Variante von Android selbst zimmern. Das hauseigene Harmony OS, das Huawei seit Jahren als Alternative zu Googles Software preist, nutzt der Konzern zwar schon auf seinen Smartwatches und in China auch auf Smartphones, nicht aber auf dem P50 Pocket.

Schwerer wiegt, dass Huawei wegen der noch von der Trump-Administration ausgesprochenen Sanktionen auch keine Google-Dienste auf seinen Smartphones anbieten darf. Deshalb muss man auf Angebote wie Gmail, Google Maps und vor allem den Play Store verzichten. Huawei versucht zwar, diese Fehlstellen mit eigenen Angeboten zu stopfen, aber das gelingt nur teilweise.

In Huaweis »App Gallery« etwa kann ich weder die Corona-Warn-App noch die App meiner Bank und auch viele andere Standards nicht finden. Über Huaweis Such-App wird man zwar zu alternativen App Stores geleitet, aus denen man Apps wie Netflix, Spotify und PayPal herunterladen könnte. Aber meine Bankdaten beispielsweise würde ich einer aus diesen Quellen bezogenen App nicht anvertrauen.

Viel Power – ohne 5G

Ein anderes Manko, das Huawei den US-Sanktionen anlasten kann, ist das Fehlen von 5G-Technik. Deshalb ist das P50 Pocket eines der wenigen Flaggschiff-Smartphones, die sich noch über den alten LTE-Standard mit Mobilfunknetzen verbinden.

Ansonsten ist aber alles an Technik an Bord, was in ein solches Gerät heute hineingehört: Wi-Fi 6, ein schneller Snapdragon-888-Prozessor, üppige 12 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher und 512 GB Speicherplatz, zumindest in der Premium-Edition. Aber das normale P50 Pocket ist mit 8 GB Arbeitsspeicher und 256 GB Speicherplatz auch gut bestückt. Speichererweiterungen sind mit Huaweis NM-Cards möglich. Dafür muss man dann aber einen der beiden Nano-SIM-Steckplätze opfern.

Die Akkulaufzeit im Standby gibt Huawei mit knapp 20 Tagen an, die Sprechzeit mit bis zu 31 Stunden pro Akkuladung. Im Test kam das P50 Pocket bei normaler Nutzung gut über einen Tag, hatte oft noch genug Energie, um auch den Folgetag zumindest teilweise durchzuhalten. Eine kabellose Ladefunktion gibt es nicht.

Fazit

Mit dem P50 Pocket klappt vieles gut. Vor allem das Auf- und Zuklappen. Der mechanische Aufbau ist toll, das Design ein Hingucker, der runde Außenbildschirm auch. Der große Bildschirm kann überzeugen, wenn man über die Falte in seiner Mitte hinwegsieht. Bei den Kameras hätte ich zugunsten einer Telekamera gern auf Gimmicks wie den Fluoreszenzmodus verzichtet. Darüber, dass es kein 5G hat, hätte ich hinwegsehen können. Eigentlich ist der P50 Pocket ein großartiges Falthandy, das mit 1599 Euro in der Premium-Edition und 1299 Euro für das Standardmodell ganz schön teuer ist.

Leider ist es ein Opfer des Konflikts zwischen den USA und China. Der Zwangsverzicht auf Google-Dienste beraubt es vieler Funktionen und Möglichkeiten, auf die man im Westen nicht mehr verzichten will. Natürlich kann man einiges davon über den Umweg über Drittanbieter nachrüsten, aber diese Wege will nicht jeder beschreiten. Mit Google an Bord wäre das P50 Pocket ein Hit. Ohne ist es ein High-End-Gadget für Enthusiasten.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort