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03. Juli 2019, 10:00 Uhr

Huawei stellt 5G-Smartphone vor

"Wir bleiben im Android-Ökosystem"

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Huawei hat in Berlin sein erstes 5G-Handy präsentiert. Doch mehr als das neue Gerät interessierte bei der Veranstaltung, wie der chinesische Konzern künftig ein funktionierendes Android-System liefern will.

Wenn der Öffentlichkeit neue Geräte gezeigt werden sollen, dreht Huawei normalerweise voll auf. Es werden Sportarenen, Konzerthallen oder einfach große Messehallen angemietet, um die üblicherweise Tausenden Zuschauer unterbringen zu können. Als das Unternehmen nun am Dienstag das 5G-Smartphone Mate 20 X (5G) präsentierte, war das anders.

Für den Deutschlandstart wurde ein Konferenzraum in einem Berliner Hotel angemietet, was wegen der zeitgleich anlaufenden Fashion Week nicht leicht gewesen sein dürfte. Rund zwei Dutzend deutsche Journalisten waren gekommen, um das neue Smartphone in Augenschein zu nehmen. Zugleich suchten sie aber Antworten auf die Frage, wie es mit Huaweis Handys weitergehen soll, nachdem die USA dem Konzern vor ein paar Wochen den Technologiehahn abgedreht und US-Präsident Trump auf dem G20-Gipfel nun angekündigt hat, man werde ihn bald wieder aufdrehen.

Konkreten Aussagen zum Fortschritt der Gespräche zwischen den USA und China erteilte eine Unternehmenssprecherin allerdings eine Absage, noch bevor es in Berlin richtig losging. Man könne keine Angaben zum G20-Gipfel machen, das sei Sache der Politik, Punkt. Der Rest der Veranstaltung fand unter der Annahme statt, dass sich am Status quo nichts ändern wird, US-Unternehmen werden Huawei also ab Ende August nicht mehr beliefern dürfen. Damit würde Huaweis Zugang zu wichtigen Teilen von Googles marktführendem Betriebssystem Android, für künftige Smartphones gekappt werden.

Lange war gemutmaßt worden, der Konzern würde für diesen Fall ein eigenes Betriebssystem entwickeln. Tatsächlich aber scheint Huawei etwas anderes zu planen. Walter Ji, Europachef der Consumer-Sparte des Konzerns betonte in Berlin mehrmals: "Wir bleiben im Android-Ökosystem."

Ein Android ohne Google

Die etwas schwammige Aussage dürfte zunächst einmal bedeuten, dass Huawei auf künftigen Smartphones eine eigene Android-Version installieren will, wenn ihm der Zugang zu Googles Version blockiert wird. Möglich ist so etwas, weil Google Android immer auch in einer sogenannten Open-Source-Variante bereitstellt, dem sogenannten AOSP (Android Open Source Project). Diese Software zu verändern, steht jedermann - und jedem Konzern - frei.

Ein solches Android dürfte auf den ersten Blick kaum vom Original zu unterscheiden sein. Allerdings würden ihm wichtige Google-Komponenten wie der Play Store und die Maps-App fehlen. In China, wo viele Anwender ohnehin lieber Dienste einheimischer Anbieter nutzen, mag das verschmerzbar sein. Westlichen Anwendern dürfte aber der Komfort fehlen, schnell mal eben auf Googles Onlineangebote und Apps zugreifen zu können.

Allen Unsicherheiten zum Trotz versprach Walter Ji, dass 17 Smartphone-Modelle des chinesischen Konzerns Updates auf Android Q bekommen werden. Q ist die neue Version des Google-Systems, die im September erwartet wird. Unklar blieb dabei freilich, ob er damit eine Version inklusive aller Google-Dienste oder eine um diese Dienste beschnittene Huawei-Variante meinte.

Die Mehr-Marketing-Methode

Der durch die US-Sanktionen ausgelösten Krise will der Konzern offenbar mit verstärkten Marketing-Maßnahmen begegnen. Eine andere Lösung bietet sich Huawei derzeit auch nicht. Auf Fragen, wie man nach den US-Sanktionen das Vertrauen der Kunden wiedergewinnen will, reagierten die Manager ausweichend. Stattdessen verwies Deutschlandchef William Tian auf die aktuelle Marketing-Offensive des Konzerns.

Unübersehbar plakatiert Huawei derzeit Städte mit riesigen Werbeplakaten, schaltet in Radio, Fernsehen und digitalen Medien massenweise Werbeplätze. Tian bezeichnet das als "Investition in den deutschen Markt". Damit dürfte er recht haben. Es ist sicher keine schlechte Idee, einer Krise, wie sie Huawei erlebt, mit einer solchen Offensive zu begegnen.

Da war doch noch was

Huaweis eigentliches Thema, die Präsentation des ersten 5G-Smartphones der Firma, geriet angesichts der vielen Unklarheiten rund um die Zusammenarbeit mit US-Firmen etwas ins Hintertreffen. Dabei ist das Mate 20 X 5G mit seinem 7,2 Zoll großen Bildschirm schon wegen seiner Größe ein kaum übersehbares Gadget.

Natürlich ist es mit Huaweis schnellstem aktuellen Chip, dem Kirin 980 ausgestattet, der beispielsweise auch im P30 Pro steckt. Und natürlich hat es eine Dreifach-Kamera, wie man sie bei einem Oberklasse-Smartphone derzeit erwarten kann - und die sehr der des Mate 20 Pro ähnelt.

Aber zusätzlich hat es eben auch Huaweis Balong-5000-Chip, der ihm den Zugang zu 5G-Netzen ermöglicht. Damit soll es möglich sein, einen kompletten Film mit 2 GB in nur 20 Sekunden herunterladen - wenn man denn ein 5G-Netz hat.

Doch genau das dürfte zumindest in Deutschland auf absehbare Zeit noch ein frommer Wunsch bleiben. Zwar ist die 5G-Frequenzauktion mittlerweile abgeschlossen und einige Netzbetreiber haben auch schon punktuell Testnetze aufgebaut. Von einem 5G-Regelbetrieb ist Deutschland noch mindestens Monate entfernt, einen 5G-Tarif hat derzeit noch kein Anbieter im Angebot.

Ebenso fraglich wie Huaweis Android-Zukunft ist daher, wer sich das Mate 20 X 5G in Deutschland kaufen sollte, zumal es mit einem Listenpreis von 999 Euro kein Schnäppchen ist.

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