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Android-Uhr I'm Watch Diese Uhr ist schwerer als ein iPhone

Bei dieser Uhr ist vieles anders: Sie verbandelt sich mit Smartphones, liest E-Mails und teilt sich ihr Betriebssystem mit den populärsten Handys des Planeten. Doch eines tut sie nur widerwillig: die Zeit anzeigen.

In der I'm Watch  steckt Android: Die Armbanduhr trägt im Inneren ihres großen Gehäuses (53 x 41 x 10 Millimeter) einen kompletter Mobilcomputer. Ausgestattet mit einem Freescale i.MX233-Prozessor, vier Gigabyte Speicher, Bluetooth-Kurzstreckenfunk und Touchscreen-Farbdisplay entspricht die Uhr technisch einem Billig-Smartphone. Als Betriebssystem dient eine modifizierte Android-Variante, die der Hersteller als I'm Droid bezeichnet. Der Bildschirm ist mit 1,54 Zoll Diagonale und 240 x 240 Pixel Auflösung eher grob gestrickt, während das Gewicht der Uhr, je nach Modell bis zu 170 Gramm, kräftig am Arm zieht. Zum Vergleich: Ein aktuelles iPhone wiegt 112 Gramm.

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Android-Armband: So sieht die I'm Watch aus

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Per Bluetooth lässt sich dieser Armbandcomputer mit iPhones und Android-Handys koppeln, um Kurznachrichten, E-Mails und andere Daten anzuzeigen. Außerdem dient die Uhr als Freisprecheinrichtung, MP3-Player und kann mit Apps bestückt werden. Die allerdings muss man aus einem Onlineshop des Herstellers beziehen. Normale Android- Apps funktionieren nicht. Entsprechend überschaubar ist das Angebot. Derzeit sind 27 Apps verfügbar, auf der Uhr selbst sind rund 20 bereits installiert. Ursprünglich hatte die italienische Herstellerfirma ihren Hightech-Chronometer schon vor einem Jahr auf der CES 2012 vorgestellt und auch gleich eifrig Vorbestellungen aufgenommen. Weil die Firma dann aber monatelang nicht liefern konnte, ärgerten sich die Vorbesteller öffentlich in Internetforen. Sogar Gerüchte, es handele sich um einen Scheinfirma, machten die Runde. Erst Mitte Juli wurden tatsächlich die ersten Exemplare der I'm Watch verschickt.

Alte Uhr, neues System

Nun stellte das Unternehmen in Las Vegas eine neue Version der etwas unglücklich gestarteten Uhr vor und versprach unter anderem, dass es dieses Mal keine Lieferprobleme geben werde. Das wäre auch verwunderlich, denn äußerlich scheint sich nichts geändert zu haben. Dafür sei vieles am Betriebssystem verbessert worden.

Bei unserem Testgerät, das wir auf der CES in Empfang nehmen konnten, war die neue Software noch nicht installiert. Die entsprechende Update-Datei ist 55 Megabyte groß. Registrierte Nutzer können sie kostenlos von der Webseite des Herstellers laden.

Optisch macht die I'm Watch einen guten Eindruck. Unser Testgerät aus der Color-Serie verfügt über ein Aluminiumgehäuse und ein Kunststoffarmband mit Aluminiumgelenken. Das Design ist gelungen - wenn man sehr große Armbanduhren mag. Unter einem Oberhemd getragen, muss man entweder den Ärmel ein Stück weit hoch schieben oder die Manschettenknöpfe öffnen, sonst wird es eng. Doch wer eine solche Uhr trägt, wird sie auch zeigen wollen.

Einmal Uhrzeit ablesen, bitte

Im Gegensatz dazu macht die Software noch immer einen unfertigen Eindruck. Das fängt damit an, dass die Uhr im Normalzustand keine Uhrzeit anzeigt. Um Strom zu sparen, wird das Display abgeschaltet. Nur so sei eine Akkulaufzeit von bis zu 24 Stunden im Bluetooth-Betrieb machbar, begründet das Unternehmen diese Maßnahme. Um tatsächlich die Uhrzeit anzeigen zu lassen, muss man auf den einzigen Knopf der Uhr drücken. Man braucht also beide Hände, um die Uhrzeit ablesen zu können.

Ärgerlich ist, dass das Aufwachen aus diesem Ruhezustand rund zwei Sekunden dauert. Zudem wird oft erst einmal die zuletzt anzeigte Uhrzeit erneut angezeigt, bevor schließlich auf die aktuelle Uhrzeit umgeschaltet wird. Leider nutzt die I'm Watch nicht die Uhrzeit des gekoppelten Smartphones, die über das Mobilfunknetz eingestellt werden kann. Stattdessen muss man Uhrzeit und Zeitzone manuell an der Uhr justieren.

Viele Funktionen versagen im Ausland

Auch sonst zeigen sich an etlichen Stellen Mängel: Beispielsweise sind die Hinweistöne für eingehende Anrufe und SMS viel zu leise. Einen Vibrationsalarm gibt es nicht. Die Apps für Facebook, Twitter, E-Mail und die Wettervorhersage versagten mit kryptischen Fehlermeldungen oder gleich ganz ohne Fehlermeldung den Dienst.

Offensichtlich übernehmen sie ihre Daten nicht direkt vom Handy, sondern zapfen dessen Mobilfunkverbindung an, um sich selbst mit dem Internet zu verbinden. Über W-Lan funktioniert das nicht, so dass die Uhr also stets das Inklusivvolumen des jeweiligen Mobilfunkvertrags beansprucht. Bei einem Test in den USA war eine solche Durchleitung der Datendienste mit einem deutschen Handy nicht möglich.

Wo bleibt der Nutzen?

Das könnte auch der Grund dafür sein, weshalb sich im I'market  genannten Onlineshop Apps auswählen und installieren lassen, diese aber auf der Uhr nicht sichtbar werden. Immerhin, der MP3-Player funktioniert gut, wenn auch nur mit MP3-Dateien und keinem anderen Dateiformat. Bleibt die Frage, wozu man einen MP3- Player in seiner Uhr braucht, wenn diese doch sowieso nur in Kombination mit einem Smartphone, das seinerseits Musik abspielen kann, sinnvoll ist.

Angesichts der Preise, die I'm für seine Uhren verlangt - das billigste Modell kostet 300, das teuerste 15.000 Euro - muss man sich aber sowieso von dem Gedanken lösen, damit ein nützliches Stück Technik zu erwerben. Die mit 150 Dollar vergleichsweise günstige Android-Uhr Pebble verspricht deutlich mehr Funktionalität - wie sich die über Crowdfunding finanzierte Smartwatch gegen die I'm Watch schlägt, muss sich aber noch zeigen. Die Pebble soll noch im Januar ausgeliefert werden, wie auf der CES nun angekündigt wurde.

Die I'm Watch hingegen ist ein Modeartikel und wird auch so bepreist. Hier zahlt man nicht für Technik und Funktionen, sondern für Status und Design.

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