Android-Bann Was macht Huawei ohne Google?

Der Ifa-Direktor eröffnet die Messe mit einem Bekenntnis zum freien Welthandel. Huawei-Chef Richard Yu spricht auf der Bühne dagegen nur über seine Produkte. Dem SPIEGEL verriet er etwas mehr über seine Pläne.
Ifa: Huawei-CEO Richard Yu zeigt den Kirin 990 genannten, 5G-fähigen Prozessor, der im Mate 30 stecken wird.

Ifa: Huawei-CEO Richard Yu zeigt den Kirin 990 genannten, 5G-fähigen Prozessor, der im Mate 30 stecken wird.

Foto: OMER MESSINGER/EPA-EFE/REX

Los ging es ausgerechnet mit Rammstein: Deren musikalisch gewohnt brachialer Song "Radio" samt Video lief am Freitag zum Auftakt der Ifa-Keynotes über die Bildschirme des Konferenzsaals in Berlin. Das internationale Publikum reagierte mit höflichem Applaus, doch die Musik war für mehr gedacht als nur zur Unterhaltung nach deutscher Art.

Ifa-Direktor Jens Heithecker wies zur Eröffnung der Elektronikmesse auf die Botschaft des Songs hin: die Bedeutung von Presse- und Informationsfreiheit. Dann betonte er, wie wichtig der freie Welthandel und die freie Auswahl der besten Komponenten für technische Produkte seien. Gemeint war eindeutig der Handelskonflikt zwischen den USA und China und eines der bekanntesten Opfer: Huawei.

Doch nachdem Heithecker den Chef der Huawei-Consumer-Sparte, Richard Yu, auf die Bühne bat, war es mit Politik sofort vorbei. Yu hält sich nie mit Floskeln auf und redet nicht um den heißen Brei herum, aber den Handelskonflikt erwähnte er mit keiner Silbe. Und doch war der Streit über angebliche Gefahren für die nationale Sicherheit und schwarze Listen der US-Regierung der Elefant im Raum.

Yu verwendete den größten Teil seines Auftritts auf die Vorstellung des neuen Prozessors von Huawei. Der heißt Kirin 990, hat mehr als zehn Milliarden Transistoren, wird als 4G- und als 5G-Version gefertigt und stellt nach Darstellung von Yu die Chips von Apple, Samsung und Qualcomm in den Schatten. Er soll leistungsstärker, effizienter, stromsparender und besser auf Machine-Learning-Anwendungen ausgelegt sein als alles, was es sonst auf dem Markt gibt. Zurückhaltung ist nicht die bevorzugte Taktik von Yu.

Ein Flaggschiff ohne Google-Apps

Dieser Prozessor wird das Mate 30 antreiben, Huaweis nächstes Top-Smartphone, das in nicht einmal zwei Wochen der Weltöffentlichkeit präsentiert werden wird. Natürlich schmückt so ein Chip, wenn er denn hält was Yu verspricht, das neue Gerät. Doch dem Mate 30 wird dafür etwas anderes, für alle Märkte außer China ganz Entscheidendes fehlen: Es kommt ohne die beliebten Google-Apps daher, also etwa ohne den Play Store und Google Maps.

Denn die bisherigen Ausnahmegenehmigungen für US-Unternehmen, Huawei mit Software- oder Hardware-Komponenten zu beliefern, obwohl der chinesische Konzern auf einer schwarzen Liste steht, gelten nicht für neue Geräte. Es ist mehr als fraglich, ob Huaweis Fans in der westlichen Welt 800 Euro oder mehr für ein Smartphone ausgeben würden, dessen Betriebssystem und Apps sie nicht kennen.

Von 2020 an könnte Huawei sein eigenes System nutzen

Doch der Schritt Huaweis, das weltweit meistgenutzte Mobil-Betriebsystem Android gegen das eigene HarmonyOS auszutauschen, ist laut Yu unausweichlich. "Für aktuelle Produkte werden wir bei Android bleiben", sagte er dem SPIEGEL. "Wenn die Beschränkungen uns gegenüber bestehen bleiben, werden wir für künftige Produkte unser eigenes HarmonyOS verwenden. Beispielsweise beim P40, das für das Frühjahr 2020 geplant ist."

Damit steht Huawei vor der gewaltigen Aufgabe, neben Android und Apples iOS ein weiteres Software-Ökosystem für Smartphones aufzubauen. Laut Yu arbeitet seine Firma schon mit App-Entwicklern daran, populäre Apps an HarmonyOS anzupassen. Sonderlich aufwendig sei das nicht, sagt der Huawei-Manager.

Für das aktuelle Top-Smartphone des chinesischen Konzerns hingegen, das P30 Pro, wird es in Kürze ein Update auf Android 10 geben, verriet Yu. Betatester konnten eine Vorabversion des Updates schon kurz nach der Keynote auf ihre Geräte laden. Vom Bann der Amerikaner seien schließlich "nur neue Smartphones, so wie das Mate 30, das wir am 19. September in München vorstellen werden, betroffen", hieß es. "Auf diesem Gerät können wir die Google Mobile-Dienste (GMD) nicht installieren. Diese Option werden wir unseren Kunden überlassen, die das selber machen können."