Internet-Fernseher Ebay will niemand gucken, HD-Filme jeder

Rund 20 Prozent aller in diesem Jahr verkauften Fernseher, behaupten Marktforscher, haben Schnittstellen für das Internet. Bis 2015, prognostiziert die Firma Goldmedia, sollen dann schon über 60 Prozent aller Haushalte via TV im Web surfen. Warum das so ist, traut sich kaum jemand zu sagen.

Matthias Kremp

Von


Web und TV, darüber herrschte lange Zeit Konsens, mögen zwar beide Monitor-Medien sein, unterscheiden sich aber ganz erheblich in ihrer Nutzung. Das Web nutzt man bisher vorzugsweise am Rechner: Man sitzt mehr oder weniger aufrecht davor, man sucht nach Inhalten und konsumiert diese aktiv. Das Fernsehen hingegen, so die über Jahre gepflegte Legende, sei ein Entspannungsmedium, von dem wir uns gern berieseln ließen, oft in der Horizontalen.

Unsere geistige Haltung vor der Glotze sei also eher passiv: Dem TV-Genuss liegt ein nur grob strukturierter Auswahlprozess zugrunde. Findet sich nichts wirklich Befriedigendes, wechselt der Nutzer allenfalls in den Zapping-Modus. Letztlich wolle der Zuschauer gar nicht aktiv sein. Genau aus diesem Grund seien all die Versuche seit Ende der Neunziger gescheitert, das Web, in dem man erst einmal suchend und oft mühselig stochern muss, auf den Fernseher zu bringen.

So ganz stimmt das alles wohl nicht mehr. Das Web ist längst auch ein Berieselungskanal für Entertainment auf Abruf, und die Möglichkeiten des Fernsehers gehen über das bloße geistige Abschalten hinaus. Seit kurzem reden Marktforscher aus unerfindlichen Gründen sogar von "Hybrid TV", wahrscheinlich, weil auf dem Fernseher nun immer häufiger Inhalte aus zwei grundverschiedenen Informationsvertriebswegen landen. Der eine setzt auf das Prinzip Programm, eine zum Konsum zusammengestellte Inhalteauswahl. Der andere bietet eigentlich unüberschaubare Fülle und Kommunikation. "Hybride Endgeräte", heißt es in einer aktuellen Broschüre der Landesrundfunkanstalt für Medien NRW (LfM), ließen Fernsehen und Internet zusammenwachsen.

Surfer wissen natürlich, dass das so schlicht Unsinn ist: Das Internet ist kein Medium, sondern ein Vertriebsweg für Daten. Als solcher ergänzt es keine anderen Medien, er konvergiert nicht mit ihnen, er schafft nicht Crossmedia, sondern es ersetzt andere Vertriebswege und Präsentationsflächen für Daten. Das Internet substituiert prinzipiell jede denkbare Mediennutzung. Man kann es statt TV, Radio, Zeitung, Magazin oder Buch nutzen, ohne dabei Inhalte oder Medienkonsummöglichkeiten zu verlieren.

Das Internet ist der universelle Medienersatz

In Wahrheit ist da also nichts hybrid am TV, wenn man vom Monitor selbst absieht: Dem LCD ist es egal, ob er als Fernseher oder Monitor genutzt wird. Interessant aber ist, dass seit rund einem Jahr die Ermöglichung des Sofa-Surfens zu den neuen Standards eines guten TV-Gerätes zu werden scheint.

Schon jetzt, bestätigten in den letzten Wochen verschiedene Marktfoschungsunternehmen sowie der Branchenverband Bitkom, sei rund jeder sechste (laut GfK) oder sogar fünfte (laut Goldmedia) verkaufte neue Fernseher internetfähig. Nach rund einer halben Million verkaufter Internet-TV-Sets im letzten Jahr sollen es in diesem zwei Millionen werden. Daneben, sagt der Verband Bitkom, steige auch noch der Verkauf digitaler Settop-Boxen, die teils Internetzugang ermöglichen, merklich an.

Noch machen Firmen wie Yahoo oder Google Schlagzeilen, wenn sie TV-Angebote kreieren, noch schaffen es auch Gerätehersteller in die Presse, wenn sie ihre Web-Extras anpreisen. Schon bald aber könnte der Anschlusslose Fernseher zur Ausnahme werden: Bis 2015, erklärte das Marktforschungsunternehmen Goldmedia auf dem medienforum.nrw keck, werden 61 Prozent aller deutschen Haushalte über ein Web-fähiges TV-Gerät verfügen.

insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bismarck_utopia 01.07.2010
1. Uraltes Thema
Ich schaue im Wohnzimmer schon seit Jahren PC statt TV. Funktastatur, Funkmaus und eine hohe Bildschirmauflösung machen das "PC-Gucken" zum Genuss. Früher habe ich zwischendurch Videotext gelesen, heute sind es Spiegel Online, Wikipedia, mein Lieblingsforum usw. Einfach toll!
bluearoma 01.07.2010
2. sehr schön zusammengefasst..
Der Artikel fasst die Entwicklung sehr gut zusammen. Mal sehen, wenn den TV-Entwicklern das klar wird.. Immerhin haben Monitore von PCs oder Laptops schon 23 Zoll und mehr erschwinglich erreicht und die Auflösung mindestens Full-HD (720p).. Bald braucht man keinen extra TV mehr..
madoschilus 01.07.2010
3. #2
Wir schauen auch schon seit Jahren über PC/TV. Mich würde allerdings in den gezeigten Modellen die Apple-ähnliche Aufmachung stören. Was interessieren mich Apps, wenn man doch am TV auch eine richtige Benutzeroberfläche mit Win7 haben kann?
sample-d 01.07.2010
4. Full HD = 1080
Zitat von bluearomaDer Artikel fasst die Entwicklung sehr gut zusammen. Mal sehen, wenn den TV-Entwicklern das klar wird.. Immerhin haben Monitore von PCs oder Laptops schon 23 Zoll und mehr erschwinglich erreicht und die Auflösung mindestens Full-HD (720p).. Bald braucht man keinen extra TV mehr..
Full HD bezeichnet die 1080p/i Auflösung, nicht 720....
Osis, 01.07.2010
5. *g*
Dann gibts wohl demnächst in vielen Häusern Kino.to statt Fernsehen. Das ist doch längst Realität. Ich hab noch einen alten Fernsehr, der wird aber auch nicht mehr ersetzt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.