Pro und Contra Sind Smartphones Werkzeuge des Guten?

Wie haben Smartphones unser Leben verändert? Der ägyptische Aktivist Mohammed al-Bakr berichtet, dass Handys die Revolution in seinem Land vorantrieben. Der chinesische Foxconn-Arbeiter Xiao Wang beschreibt die Bedingungen bei der iPhone-Produktion. Ein Thema, zwei Ansichten.

iPhone in Japan (mit Spielzeug-Hund): Vor fünf Jahren begann Apple mit dem Verkauf
REUTERS

iPhone in Japan (mit Spielzeug-Hund): Vor fünf Jahren begann Apple mit dem Verkauf


PRO

Mohammed al-Bakr: "Revolution beschleunigt"

Der ägyptische Manager und Aktivist Mohammed al-Bakr, 32, über die befreienden Seiten des Smartphones.

SPIEGEL: Welche Rolle haben Smartphones vor und während der ägyptischen Revolution gespielt?

Bakr: Die junge Generation in Ägypten - wie die meisten Araber - war schon immer sehr technikaffin, wenn auch eher spaßorientiert. Vor der Revolution haben wohl die wenigsten von uns an Politik gedacht, wenn sie mit ihrem Smartphone Fotos und Filme verschickt haben. Aber mit Beginn der Proteste hat sich das schlagartig geändert. Anfang Januar 2011 kursierte auf Facebook ein Video der revolutionären Gruppe "6. April", in dem zu Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime aufgerufen wurde. Plötzlich wollte jeder von uns wissen, was diese Gruppe plant. In nur wenigen Tagen entstanden Tausende neuer Accounts. Über Nacht wandelten sich Facebook und andere Apps zu politischen Tools. Wir alle wurden politisch.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihr Smartphone in dieser Zeit genutzt?

Bakr: Ich hatte bis zum Sturz Mubaraks am 11. Februar ein Sony Ericsson B1i. Damit konnte ich zum Beispiel per Facebook Nachrichten verfolgen. Später habe ich mir ein Blackberry und dann ein Galaxy7 zugelegt, heute habe ich ein Galaxy Note. Mein Handy war immer extrem wichtig für mich, ich konnte damit dokumentieren, wo Demonstranten zusammengeschlagen wurden oder Fluchtpunkte von Sicherheitskräften versperrt wurden. Ich konnte auch um Hilfe rufen, wenn zum Beispiel Medizin für die Lazarette auf dem Tahrir-Platz gebraucht wurde. Jedes Mal, bevor ich aus dem Haus ging, habe ich mich vergewissert, ein Ladegerät und eine Extrabatterie dabei zu haben, auch für den Fall, dass man mich verhaften sollte. Das war wie ein Ritual für mich.

SPIEGEL: Wurden Sie jemals verhaftet?

Bakr: Ich hatte immer eine vorgetippte Nachricht in meinem Handy: dass ich festgenommen sei und in einem Panzer der Bereitschaftspolizei sitze. Glücklicherweise musste ich diese Nachricht nie abschicken.

SPIEGEL: Das Mubarak-Regime hat schnell erkannt, wie gefährlich der schnelle Austausch von Informationen werden würde und für einige Zeit das Internet und die Handynetze abgeschaltet. Wie haben Sie in dieser Zeit kommuniziert?

Bakr: Das waren sehr dunkle Tage für mich und meine Freunde, wir waren ja vollkommen abgeschnitten von den Organisatoren des Protests. Also lief alles über Mundpropaganda. Gleichzeitig haben wir al-Dschasira und andere ausländische, regimekritische Sender gesehen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass der Arabische Frühling überhaupt erst durch den Einsatz von Smartphones und sozialen Netzwerken möglich wurde?

Bakr: In Tunesien und Ägypten wäre die Revolution mit Sicherheit anders verlaufen - unsicherer, langsamer. Die staatlichen Geheimdienste wären sehr viel erfolgreicher darin gewesen, unsere Proteste zu sabotieren. Ich würde nicht sagen, dass der Einsatz von Handys und sozialen Medien unsere Revolution ermöglicht hat, aber er hat sie definitiv beschleunigt. Früher, bevor es Facebook und Twitter gab, haben wir immer nur zugehört, was andere, große, einflussreiche Oppositionspolitiker zu sagen haben. Heute hören wir uns auch selbst zu. Wir hängen nicht mehr von den Meinungen der Politiker ab. Insofern haben uns die sozialen Medien ein Stück weit freier gemacht.

CONTRA

Xiao Wang: "Uns drohen strenge Strafen"

Der Chinese Xiao Wang, 25, arbeitet in einer Fabrik für iPhones - kann sich aber keines leisten.

SPIEGEL: Sie arbeiten hier in Zhengzhou für den Apple-Zulieferer Foxconn. Was genau ist Ihr Job?

Wang: Ich arbeite an einem langen Band. Kommt ein iPhone bei mir an, ist es schon angeschaltet. Dann prüfe ich das Gerät mit einem Infrarot-Tester, klebe einen Sticker mit einer Prüfnummer auf die Rückseite und schalte das Gerät wieder aus. Jeden Tag gehen bis zu tausend iPhones durch meine Hände - jedes nur für wenige Sekunden.

SPIEGEL: Was empfinden Sie, wenn Sie auf der Straße Leute mit dem Kult-Handy sehen?

Wang: Ich fühle mich keineswegs stolz, nur traurig. Für mich ist es ein Luxus-Artikel. Aber würde ich nicht bei Foxconn arbeiten, hielte ich es sicher für eine großartige Erfindung.

SPIEGEL: Besitzen Sie ein Smartphone?

Wang: Ja, ich benutze aber ein Gerät der chinesischen Marke ZTE. Damit texte ich vor allem oder chatte auf Mikroblogs. Vergangenes Jahr habe ich es für 1200 Yuan gekauft…

SPIEGEL: …umgerechnet 150 Euro. Wissen Sie, was dagegen ein iPhone im Laden kostet?

Wang: Wir produzieren das iPhone 4s mit einem 16-Gigabyte-Speicher, das kostet 4999 Yuan. So was kann ich mir nicht leisten. Vergangenen Monat verdiente ich nur 1200 Yuan, wir konnten keine Überstunden machen. Mein Lohn reicht gerade zum Überleben.

SPIEGEL: Wie viel Geld können Sie monatlich zur Seite legen?

Wang: Ziehe ich Ausgaben für Mahlzeiten und die Miete für das Foxconn-Wohnheim ab, bleiben mir 500 Yuan. Davon gehen noch 50 Yuan für Telefongebühren ab - das Chatten auf dem Smartphone ist für uns die einzige Freizeitbeschäftigung.

SPIEGEL: Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen in Foxconns iPhone-Fabrik?

Wang: Wir werden streng beaufsichtigt. Wenn wir zum Beispiel auf die Toilette gehen wollen, müssen wir vorher um Erlaubnis bitten. In meiner Abteilung arbeiten etwa tausend Leute. Es gibt keine Fenster, nur die Klimaanlage. Aber die hat Foxconn nicht für uns Arbeiter installiert, sondern für die Geräte. Für die muss die Temperatur konstant bleiben.

SPIEGEL: Machen Sie sich Sorgen um Ihre Gesundheit?

Wang: Kurz vor meinen Tests reinigen meine Kollegen die Oberfläche der iPhones mit scharfen Chemikalien. Vor den Dämpfen sollten wir uns eigentlich mit Atemmasken schützen, doch vielen Kollegen sind die Masken lästig. Und niemand schert sich darum, wenn sie nicht getragen werden. Vor einiger Zeit besichtigten Leute von einer amerikanischen Nicht-Regierungs-Organisation unsere Fabrik. Davor drohte Foxconn allen Aufsehern und Arbeitern strenge Strafen an, falls wir irgendwelche Regeln nicht einhielten.

SPIEGEL: Nach der Überprüfung kündigten Apple und Foxconn an, die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu verbessern. Hat sich etwas geändert?

Wang: In unserer Fabrik blieb alles beim Alten. Die iPhone-Nutzer ahnen nicht, unter welch harten Bedingungen Foxconn hier produziert und wie schlecht wir dafür bezahlt werden. Das ist alles sehr ungerecht.

SPIEGEL: Trotzdem sind auch viele Chinesen geradezu verrückt nach iPhones. Juckt es Sie manchmal in den Fingern, mit einem der Geräte zu spielen, wenn Sie am Fließband arbeiten?

Wang: Wenn ich das versuchen würde, würde man mich sofort rauswerfen.

Das Interview führte Wieland Wagner

Weder Apple noch Foxconn wollten zu den Vorwürfen Stellungnahmen abgeben.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
modulaire 03.07.2012
1. .
Ich verstehe nicht, was die Arbeitsbedingungen in einem Werk in China mit der Frage nach dem grundlegenden Sinn von Smartphones zu tun haben? Auch Kleidung wird teilweise unter schrecklichen Bedingungen gefertigt - sollen wir also alle nackt herumlaufen?
tillwagner 03.07.2012
2.
Ja, auch mir stellt sich die Frage nach dem Sinn der Aussage des Foxconn Mitarbeiter. Ausserdem einerseits über die Arbeitsbedingungen klagen und andererseits einen ganzen Monatslohn für ein Smartphone ausgeben - hä? Ich habe nie mehr als einen Bruchteil meines Gehaltes für einen Apparat ausgegeben, und würde niemals ein ganzes Monatsgehalt dafür bezahlen, selbst wenn ich es mir zusammensparen könnte. Was dieser Herr ja ganz offensichtlich nicht kann, wenn er beteuert, kaum genug zum Essen zu haben. Das sich Foxconn und Apple zu solchen Vorwürfen nicht äussern, ist jawohl klar. Und ich bin nun wirklich kein Fan dieser beiden Firmen, vade retro. Aber der Herr Wang hat ein Problem beim Setzen seiner Prioritäten...
Privatier 03.07.2012
3. Schuld an der chinesischen Arbeitssituation sind deutsche Rote & Grüne Bilderstürmer,
Zitat von sysopREUTERSWie haben Smartphones unser Leben verändert? Der ägyptische Aktivist Mohammed al-Bakr berichtet, dass Handys die Revolution in seinem Land vorantrieben. Der chinesische Foxconn-Arbeiter Xiao Wang beschreibt die Bedingungen bei der iPhone-Produktion. Ein Thema, zwei Ansichten. iPhone-Debatte zwischen Foxconn-Arbeiter und ägyptischem Revolutionär - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,842017,00.html)
deren dogmatische Technikfeindlichkeit, begleitend von bis in unsere Schulen reichender Gehirnwäsche mit dem Ersatz harter Naturwissenschaften wie Chemie und Physik durch esoterische Krötenwanderungsphilosophie, in nur zwei Jahrzenten Entwicklungs- und Produktionsstätten verschwinden ließ, die einst die Grundlagen für heute Selbstverständliches schufen. Wie bspw. die ersten Handys. Mitten unter uns entwickelt und gefertigt: 20 Jahre D-Netz: Wie der Mobilfunk nach Deutschland kam - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/20-jahre-d-netz-wie-der-mobilfunk-nach-deutschland-kam-a-841840.html) Damals waren unsere Ingenieure nicht nur bei der Markteinführung dabei, sondern aktiv an deren Vorbereitung beteiligt. Heutzutage müssen die Deutschen zuweilen 10 Jahre länger als ihre europäischen Nachbarn und 15 Jahre länger als die neuen Techniknationen auf die Einführung moderner System warten. Wie beispielsweise die digitale TV-Übertragung, oder die HDTV-Technik. MfG
janki89 03.07.2012
4.
Wie kann man bei dem Thema bitte mit "Auch Kleidung wird teilweise unter schrecklichen Bedingungen gefertigt" agumentieren, -modulaire-? Es ist also okay schmutzige Technik zu kaufen, weil die Kleidung unter den gleichen Umständen produziert wird? Seit wann hebt sich negaive Lebensumstände gegenseitig auf? Niemand muss nackt herumlaufen, das ist populismus. Faire Güter sind bezahlbar man muss sich nur dafür interessieren. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Vielleicht haben wir ja ein Problem mit dem Setzen unserer Prioritäten, -tillwagner-?
irreal 03.07.2012
5. Ich hab so ein
Zitat von sysopREUTERSWie haben Smartphones unser Leben verändert? Der ägyptische Aktivist Mohammed al-Bakr berichtet, dass Handys die Revolution in seinem Land vorantrieben. Der chinesische Foxconn-Arbeiter Xiao Wang beschreibt die Bedingungen bei der iPhone-Produktion. Ein Thema, zwei Ansichten. iPhone-Debatte zwischen Foxconn-Arbeiter und ägyptischem Revolutionär - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,842017,00.html)
"Smartphone" gar nicht und noch nicht mal ein Handy und leb immer noch!! Also was soll der ganze Müll aus menschlichen Ideen? Wers braucht ist doch in Ordnung und es gibt aber sicher auch menschen die brauchen diesen ganzen hausgemachten Modemüll nicht.
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