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23. Januar 2011, 11:58 Uhr

Kaliforniens History Museum

Der Tempel der Computer-Kultur

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Superrechner so groß wie ein Raum, archaisch anmutende Stöpsel und klobiges Design: Das für 19 Millionen Dollar renovierte gigantische Computer History Museum in Kalifornien schickt die Besucher auf eine Reise in den eigenen, längst überholten Alltag. Ein Techniktrip, der mindestens 2000 Jahre zurückführt.

Es gibt Menschen, für die ist Technik ein Exoten-Thema für Nerds und Ingenieure. Sie ignorieren sowohl ihre Allgegenwart, als auch ihre Lebensnotwendigkeit. Techniken haben das, was wir heute als Zivilisation verstehen, erst ermöglicht: Feuer, Rad, Hausbau, Kleidungsfertigung, Informationsspeicherung und -übermittlung, Waffen, Medizin, Navigation, Transport, Telekommunikation - die Liste lässt sich endlos verlängern. Wir leben in einer nicht zuletzt von Ingenieuren gemachten Welt. Sie sitzen genau in diesem Augenblick vor einer Maschine, deren Existenz und Funktionieren auf den Erkenntnissen und Entwicklungen zehntausender Menschen über tausende von Jahren beruht.

Manchmal muss man sich so etwas klarmachen. Bei der Bewertung der Relevanz haben es auch technische Museen oft schwer gegen die Tempel der Kunst und Kultur. Schade ist das, weil sie unseren Alltag, unser Leben oft viel unmittelbarer berühren: In Museen wie den Technischen Museen in Berlin oder Wien oder im Deutschen Museum in München kann man sich natürlich Hightech ansehen, Flugzeuge, Autos oder Raumkapseln. Nicht weniger beeindruckend (und viel amüsanter) sind aber frühe Staubsauger, Kühlschränke, Küchenmixer oder elektro-mechanisches Spielzeug aus vergangenen Jahrzehnten.

Sie berühren uns auch emotional am tiefsten: Erst in der Rückschau nehmen wir in der Regel die Technik war, die unser Leben zu bestimmten Zeiten unmerklich begleitet. Und natürlich verzichtet heute kein technisches Museum mehr auf Exponate von Digitaltechnik - sie ist das bestimmende Merkmal unserer Zeit, wird voraussichtlich unserer Periode den Namen geben.

Das hat in den letzten zwei Jahrzehnten zur Gründung oder zum Ausbau auch von dezidierten Computermuseen geführt. Das größte der Welt steht sogar in Deutschland. Das Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) in Paderborn bringt es auf erschlagende 6000 Quadratmeter Ausstellungsfläche und geht sein Thema durchaus kulturhistorisch an: Exponate decken ein Zeitfenster von 3000 vor Christus bis in unsere Tage ab. Wenn man so will, war das erste haltbare Informationsspeichermedium schließlich die Steintafel. Berlin hat seit Freitag sogar endlich wieder ein Computerspielemuseum zu bieten - das vermeintliche Nischenthema Digitaltechnik ist umfassend genug, sogar noch Unternischen auszuprägen.

Die schärfste Konkurrenz des HNF aber steht in den USA. Das Computer History Museum in Mountain View, Kalifornien, gegründet 1996, hervorgegangen aus der Zusammenlegung von musealen Sammlungen, die bis in die Siebziger Jahre zurückreichen, fasst das Thema etwas enger. Das soeben für stolze 19 Millionen Dollar renovierte CHM bescheidet sich mit 2300 Quadratmetern Fläche, hat aber trotzdem eine Unmenge zu bieten: In der letzten Woche wurde die neue, erweiterte Dauerausstellung "Revolution: The First 2000 Years of Computing" eröffnet.

Vom Abakus (circa 1100 vor Christus) bis zum Cray-Superrechner reicht die Spanne, und natürlich ist das, was da zu sehen ist, von allererster Qualität: Die Kalifornier sitzen schließlich an der Quelle. Kaum zu schlagen ist die Sammlung natürlich, wenn es um den Entwicklungsschub der Computertechnik nach dem Krieg geht. Viele der Exponate aus den Vierzigern und Fünfzigern hat man schließlich nur aus der Nachbarschaft abholen müssen: Das CHM ist eine Feier der technologisch-kulturellen Leistungen des Silicon Valley - ein Tempel der Computer-Kultur.

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