Kindle-Content Amazon baut App Store

Von wegen Lesegerät: Der Online-Handelsriese Amazon lädt Entwickler ein, Zusatzprogramme für das digitale Lesegerät Kindle zu entwickeln. Die Konditionen sind günstiger als bei Apple, die Hardware schränkt die Vielfalt im Moment noch etwas ein. Eine neue Insel im mobilen Web entsteht.

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Amazons Kindle ist ständig für Aktualisierungen online, wenn man mag, zeigt Texte mit hohem Kontrast, hat eine durchdachte Bedienung, obwohl ein Touchscreen fehlt. Aber ob dieser so beliebte Digitalbuch-Leser für mehr taugt als fürs Lesen? Das will Amazon nun herausfinden und lädt Programmierer ein, für den Kindle Software zu schreiben wie für das iPhone. Es wird einen App Store geben wie bei Apple. Amazon wickelt bei kostenpflichtigen Anwendungen die Zahlungen ab und behält einen Anteil von 30 Prozent - den Rest bekommen die Entwickler.

Da beim Kindle die Mobilfunkanbindung nicht extra kostet, begrenzt Amazon bei den Anwendungen die Gratis-Downloads. Es soll drei Kategorien in Amazons App Store geben:

  • Kostenlos (Anwendungen müssen kleiner als ein Megabyte sein und weniger als 100 Kilobyte Mobilfunk-Datenaufkommen pro Nutzer im Monat haben)
  • Einmalige Bezahlung (hier soll Amazon 0,15 US-Cents vom Anbieter für jedes Megabyte Datenverkehr verlangen, die Preise müssen entsprechend angepasst werden. Anwendungen, die größer als 10 Megabyte sind, können nicht über Mobilfunk, sondern nur per USB von einem Computer geladen werden)
  • Abo-Anwendungen mit regelmäßigen Einnahmen

Wie viele Kindle-Lesegeräte weltweit genutzt werden, ist nicht bekannt. Amazon dürfte aber mit Abstand Marktführer sein. Wie beim iPhone ist die enge Verknüpfung von Download-Shop, Endgerät und Zahlungsabwicklung bei Amazon für Anbieter sehr interessant. Weltweit hat Amazon derzeit 98 Millionen aktive Kundenkonten (mit Transaktionen in den vergangen zwölf Monaten) samt Name, Adresse, Bankverbindung oder Kreditkartennummer. Darunter ist viel Versandhandel, aber eins steht fest: Amazon-Kunden kaufen übers Internet ein, kennen die Marke Amazon und vertrauen dem Anbieter so sehr, dass sie ihm ihre Kreditkartendaten überlassen. Gute Voraussetzungen für einen App Store.

Textadventure, Minesweeper, Schach?

Technisch setzt der Kindle den Anwendungen für unterwegs aber weit engere Grenzen als das iPhone: Die Geräte sind fürs Lesen konstruiert, der Bildschirm ist nicht berührungsempfindlich, das Blättern, Suchen und Einkaufen funktioniert mit der Mini-Tastatur, dem Mini-Joystick und ein paar Spezialtasten sehr gut - aber das, weil die Gestaltung des Geräts eben aufs Lesen ausgerichtet ist. Der Graustufen-Bildschirm ist sehr kontrastreich, lädt neue Inhalte zwar schnell genug fürs Weiterblättern in Texten, aber kaum für echte Bewegtbilder. Der im Kindle von Amazon integrierte Browser und das Wörterbuch sind bedien- und brauchbar, aber kein großer Spaß.

Aber vielleicht wird zum Start des Kindle App Stores "später im Jahr" ja eine neue Kindle-Hardware erhältlich sein - mit einem berührungsempfindlichen Farbdisplay, das schnell genug für Bewegtbilder, aber ähnlich stromsparend und kontrastreich wie der aktuelle Kindle ist. Die Technik für solche Geräte soll in diesem Jahr marktreif sein, auf der CES in Las Vegas waren zum Beispiel sogenannte Mirasol-Displays zu sehen, die Videos problemlos abspielen, aber sogar noch weniger Strom verbrauchen sollen als die aktuellen Kindle-Lesegeräte.

Wenn Amazon den nächsten Kindle mit solcher Display-Technik ausstattet, an der Bedienung schraubt und vielleicht noch ein paar Ortungsfunktionen spendiert, würde das Gerät alles können, was Nutzer heute bei Hemdentaschen-Computern wie dem iPhone freut.

Eine neue Insel im mobilen Web

Für die heutigen Schwarzweiß-Kindles kann man sich nur ein paar nette Anwendungen vorstellen, aber sicher fällt den Entwicklern mehr ein: Amazon hat eine Kooperation mit dem Spielehersteller Electronics Arts angekündigt. Welche Spiele nun auf dem Kindle laufen werden, hat der Hersteller noch nicht angedeutet. Da alle Titel mit schnellen Bewegungen ausscheiden, werden es wohl eher Knobel- und Rätseltitel sein. Go, Schach, Minesweeper und vielleicht legendäre Textadventures wie Zork.

Ansonsten sind die Schwarzweiß-Kindles vielleicht für Wörterbücher und Reiseführer attraktiv, aber die nächste Kindle-Generation wird diese Einschränkungen mit Sicherheit aufheben.

Wie auch Apple beim App-Store behält sich Amazon große Eingriffsmöglichkeiten vor: Anwendungen, die Internettelefonie ermöglichen, Werbung integrieren, anstößige Inhalte vertreiben oder Kundendaten sammeln ohne deren Zustimmung, werde man nicht erlauben. Und natürlich darf niemand ein E-Reader-Software für den Kindle programmieren. Verständlich, schließlich will Amazon ja selbst Bücher verkaufen.

Mit anderen Worten: Amazon baut eine neue Insel im mobilen Netz, wo Apple schon einen ganzen Kontinent für sich abgesteckt hat.

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