Kindle Scribe im Test Auf diesem E-Reader kann man schreiben

Ein Kindle so groß wie ein iPad und mit einem Stift: Mit dem neuen Scribe geht vieles, was andere E-Book-Reader nicht können. Ob das eine gute Idee ist und wofür man das gebrauchen könnte, klärt unser Test.
Der neue Kindle Scribe: Schreiben wie auf Papier

Der neue Kindle Scribe: Schreiben wie auf Papier

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Der neue Kindle Scribe ist riesig. Jedenfalls für einen Kindle oder einen E-Book-Reader überhaupt. Mein Kindle Paperwhite wirkt dagegen wie eine Miniatur. Der Grund: Mit 10,2 Zoll (ca. 26 cm) ist der Bildschirm von Amazons neuem Kindle so groß wie der eines iPads. Hinzu kommt, dass der Scribe neben dem Display noch eine knapp zwei Finger breite Grifffläche hat, das macht ihn noch wuchtiger als Apples Tablet.

Dieser Text enthält sogenannte Affiliate-Links, über die der Verlag, aber nie der Autor individuell, bei Verkäufen eine geringe Provision vom Händler erhält.

Und es macht ihn schwerer: Mit 433 Gramm ist er zwar leichter als ein iPad, aber mit der empfehlenswerten Lederhülle, die mir zum Test vorlag, deutlich schwerer: 633 Gramm. Das macht sich beim Lesen bemerkbar, denn man hat plötzlich wieder so viel Gewicht in der Hand wie früher, als man noch dicke Papierwälzer mit Hardcover und Schutzumschlag gelesen hat. Das macht sich auf Dauer in der Unterarmmuskulatur bemerkbar, vor allem wenn man sich zum Lesen gern bequem hinlümmelt, so wie ich es tue.

Links der Kindle Paperwhite, rechts der neue Scribe: So groß wie ein iPad

Links der Kindle Paperwhite, rechts der neue Scribe: So groß wie ein iPad

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Der Grund für den voluminösen Auftritt: Der neue Scribe ist der erste Kindle, auf dessen Bildschirm man mit einem speziellen Stift schreiben und zeichnen kann – und das macht auf dem matten Display durchaus Spaß. Und zwar deutlich mehr als etwa auf dem glänzenden Display eines Apple iPads oder eines Samsung Galaxy Tab S. Die im Vergleich zu solchen Geräten raue Oberfläche ähnelt eher der von Papier. Selbst das Geräusch beim Schreiben erinnert an das Kratzen eines Füllers auf Papier.

Mir war anfangs allerdings die Stärke der Striche, die ich mit dem Stift ziehen konnte, zu fett. Die dicken Linien erinnerten eher an das, was ich mit einem dünnen Filzstift zustande brächte als an die Striche eines Kugelschreibers. So war ich gezwungen, immer recht groß zu schreiben, bis ich entdeckte, dass sich die Stiftstärke in fünf Stufen von »fein« bis »sehr dick« einstellen lässt.

Fotostrecke

Die Lederhülle zum Kindle Scribe

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Etwas übertrieben scheint mir der Aufpreis für den sogenannten Premium-Eingabestift bei der Grundversion mit 16 GB Speicher. Gegenüber dem Standard-Stift hat die mir vorliegende Premiumvariante zusätzlich eine Funktionstaste, über die sich etwa die Funktion »Textmarker« oder »Haftnotiz« schnell aufrufen lässt. Außerdem verfügt sie über eine Radiergummifunktion, die aktiviert wird, indem man den Stift wie einen Bleistift mit Radiergummi umdreht. Wer auf dem Kindle viel schreiben und zeichnen will, wird darauf nicht verzichten wollen, muss dann aber 30 Euro Aufpreis zahlen. Bei den bis zu 450 Euro teuren Modellen mit 32 und 64 GB gehört der Premium-Stift zum Lieferumfang.

Premium-Eingabestift: Beim Grundmodell nur gegen Aufpreis

Premium-Eingabestift: Beim Grundmodell nur gegen Aufpreis

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Wofür braucht ein Kindle einen Stift?

Nun mag man sich fragen, wofür man bei einem E-Book-Reader einen Stift benötigt. Amazon hat darauf zwei Antworten: Die einfache ist die Möglichkeit, unkompliziert Notizen in die Bücher zu machen, die man gerade liest. Auf Kindle-E-Readern kann man zwar schon ewig Anmerkungen zum Gelesenen machen, bisher aber mussten die immer über die Bildschirmtastatur eingetippt werden. Das geht auf den E-Ink-Displays zwar, gefällt aber nicht jedem und jeder, weil diese Bildschirme relativ langsam reagieren.

Auf dem Scribe kann man das nun handschriftlich erledigen, wenn einem das mehr liegt. Dabei hat man die Wahl, entweder Textpassagen zu markieren und diesen eine Notiz zuzuordnen oder – über ein rechts oder links auf dem Bildschirm schwebendes Menü – digitale Haftnotizen an beliebigen Stellen im Text anzubringen, die fortan durch kleine Icons symbolisiert werden. Beide Varianten dieser Notizen zum Text sind für alle interessant, die viel mit Literatur arbeiten, Studentinnen und Studenten beispielsweise. Sämtliche Notizen zu einem Buch lassen sich gesammelt als PDF an eine E-Mail-Adresse senden.

Das schwebende Menü für die Stiftfunktionen kann man wahlweise links oder rechts auf dem Bildschirm platzieren

Das schwebende Menü für die Stiftfunktionen kann man wahlweise links oder rechts auf dem Bildschirm platzieren

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Die zweite Variante, den Stift zu nutzen, sind digitale Notizbücher. Auf dem Scribe sind dafür 18 unterschiedliche Vorlagen gespeichert, vom Terminkalender über unterschiedlich linierte, karierte und gepunktete Varianten bis hin zu Notenpapier. Auch diese Notizbücher lassen sich per E-Mail verschicken, allerdings nur als PDF. Umgekehrt lassen sich über den Umweg von Amazons »An Kindle senden«-Funktion Bilddateien, PDF-Dokumente und Word-Dateien an den Scribe senden und dort mit handschriftlichen Notizen bearbeiten, ähnlich wie an einem iPad.

Monatelange Ausdauer?

In der Werbung schreibt Amazon, eine Akkuladung reiche »für monatelanges Lesen und wochenlanges Schreiben«. Das klingt fantastisch, bis man das Kleingedruckte liest. Dort wird konkretisiert, dass der Akku bis zu zwölf Wochen durchhalte, wenn man pro Tag nur eine halbe Stunde liest, dabei den Bildschirm auf eine mittlere Helligkeit einstellt und das WLAN-Modul abschaltet.

Kein Kaufargument: Wer mag, kann auf dem Kindle Scribe auch Tic-Tac-Toe spielen

Kein Kaufargument: Wer mag, kann auf dem Kindle Scribe auch Tic-Tac-Toe spielen

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Beim Schreiben reduziert sich die Ausdauer bei gleichen Ausgangsbedingungen auf drei Wochen. Immerhin: Umgerechnet sind das 42 Stunden netzunabhängige Lese- und 10,5 Stunden Schreibzeit. Das dürfte selbst Viellesern ausreichen, um nur selten darüber nachdenken zu müssen, wo denn bloß das Netzteil liegt. Im Karton findet man übrigens keins, dort liegt dem Kindle nur ein Kabel von USB-A auf USB-C bei.

Während meines Tests habe ich aber nicht einmal das gebraucht. Obwohl ich den Scribe intensiv genutzt, viel darauf gelesen und einige meist überflüssige Notizen gekritzelt habe, zeigte er nach fünf Tagen immer noch mehr als 50 Prozent Akkukapazität an.

Fazit

👍 Gutes E-Ink-Display

👍 Sehr gute Akkulaufzeit

👍 Sehr angenehmes Schreibgefühl

👎 Hoher Aufpreis für Premium-Stift

👎 Breiter Rahmen

Mit der Möglichkeit, handschriftlich darauf zu schreiben, kommt der Kindle Scribe dem Ideal von digitalem Papier einen Schritt näher. Was Unternehmen wie Paperlike auf dem iPad mit matten Folien versuchen, ist hier schon fest eingebaut: ein matter Bildschirm, dessen raue Oberfläche beim Schreiben mit dem Stift ein papierähnliches Schreibgefühl vermittelt.

Durch die neue Funktion, vor allem aber durch das große Format ist der Scribe aber kaum mit anderen Kindles zu vergleichen. Das Gefühl, ein dünnes Taschenbuch in der Hand zu halten, gibt es damit nicht. Eher erinnern Größe und Gewicht an eine Zeitschrift, was nebenbei bedeutet, dass sich digitale Zeitschriften darauf besser lesen lassen, ebenso wie etwa Bedienungsanleitungen als PDF.

Die Kombination lässt eine neue Kategorie von Kindle entstehen, der zugleich digitales Notizbuch und Arbeitsgerät für alle ist, die mit Literatur arbeiten, Texte mit Anmerkungen versehen oder, etwa im Studium, Notizen machen, um Inhalte zu kondensieren. Für den Preis des günstigste Kindle Scribe – 370 Euro – könnte man fast drei Kindle Paperwhite kaufen. Oder etwas mehr ausgeben und ein iPad der neunten Generation samt Stift kaufen und die Kindle-App darauf installieren.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.