Vorwürfe gegen Microsoft, Google und Tesla Familien von Minenarbeitern klagen gegen Tech-Konzerne

Nach schweren Unglücken und Todesfällen in Kobaltminen wehren sich nun Familien von Kinderarbeitern aus dem Kongo vor Gericht. Ihr Vorwurf: Große Tech-Konzerne hätten von den extrem gefährlichen Bedingungen gewusst.
Minenarbeiter im Kongo schürfen oft unter prekären Bedingungen Kobalt

Minenarbeiter im Kongo schürfen oft unter prekären Bedingungen Kobalt

Foto: Federico Scoppa/ AFP

Ein Junge wurde bei einem Tunneleinsturz in einer Kobaltmine verschüttet. Ein anderer ist seit einem Minenunfall querschnittsgelähmt. Nach schweren Minenunfällen und teils auch dem Tod von minderjährigen Minenarbeitern in der Demokratischen Republik Kongo hat die Menschenrechtsorganisation International Rights Advocates (IRA) nun im Namen von 14 Familienangehörigen und Kindern Klage gegen Apple, Google, Dell, Microsoft und Tesla eingereicht.

Die Organisation wirft den Tech-Konzernen vor, von dem ausbeuterischen Bergbausystem in der Demokratischen Republik Kongo zu wissen, davon zu profitieren und das System zu unterstützen.

Mit ihrer am Sonntag in den USA eingereichten Sammelklage, über die der "Guardian " zuerst berichtete, prangert die Organisation die schlechten Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung von Kindern in Kobaltminen an. "Kinder, die das Kobalt der Beklagten abbauen, werden nicht nur gezwungen, Vollzeitarbeit zu leisten", heißt es in der Anklageschrift . "Extrem gefährliche Bergbaujobs kosten sie ihre Ausbildung und Zukunft, sie werden regelmäßig durch Tunneleinbrüche und andere bekannte Gefahren im Kobaltbergbau in der Demokratischen Republik Kongo verstümmelt und getötet."

Mehr als 60 Prozent des Kobalts stammen laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus dem Kongo. Smartphones, Tablets, Laptops, Elektrofahrzeuge oder andere Geräte, die einen wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Akku enthalten, sind auf Kobalt angewiesen - der Rohstoff wird teils unter riskanten Bedingungen abgebaut.

Höchstens zwei bis drei Dollar Verdienst am Tag

Laut der Anklageschrift habe den Konzernen "spezifisches Wissen aus öffentlichen Berichten" vorgelegen, dass das Kobalt, das sie in den Minen der britischen Firma Glencore beziehungsweise der chinesischen Minenfirma Zhejiang Huayou Cobalt bezogen hätten, zu einem "signifikanten Teil" von Kindern geschürft worden sei, die höchstens zwei bis drei US-Dollar am Tag verdienen. Der Anklageschrift zufolge verkaufen die Glencore-Minen Rohstoffe weiter an den belgischen Batteriezulieferer Umicore , zu dessen Kunden wiederum Apple, Google, Tesla, Microsoft und Dell zählen. Zhejiang Huayou Cobalt beliefert unter anderem Apple, Dell und Microsoft mit Kobalt.

"Diese Jungen arbeiten unter steinzeitlichen Bedingungen für dürftige Löhne und unter großem persönlichen Risiko, um Kobalt zu liefern, das für den sogenannten Tech-Sektor, der von den Beklagten und anderen Unternehmen dominiert wird, unerlässlich ist", so die Anklageschrift.

Reaktionen der Firmen

In einem Statement gegenüber dem SPIEGEL heißt es von Apple, der Konzern habe sich "der verantwortungsbewussten Beschaffung von Materialien verpflichtet, die in unseren Produkten verwendet werden." Seit 2016 veröffentlicht das Unternehmen nach eigenen Angaben jährlich eine Liste aller für Apple tätigen Kobaltraffinerien. "Falls eine Raffinerie nicht in der Lage oder nicht bereit ist, unsere Standards zu erfüllen, wird sie aus unserer Lieferkette ausgeschlossen, so ein Pressesprecher. "Wir haben 2019 mit sechs Kobaltraffinerien die Zusammenarbeit beendet."

Einer Sprecherin von Glencore zufolge toleriere der Konzern "keine Form von Kinder- oder Zwangsarbeit in seiner Lieferkette". Zudem werde kein Kobalt eingekauft, verarbeitet und gehandelt, "das durch den Kleinbergbau gewonnen wurde", wie Glencore dem SPIEGEL mitteilte. Dem Unternehmen ist aber bewusst, dass eigenständige Schürfer illegal auf dem Gebiet industriell betriebener Minen Kobalt abbauen - wie auch im Fall der Glencore-Mine "Mashhamba East", wo ein in der Anklageschrift erwähnter 17-Jähriger getötet wurde. Der lokale Betreiber Kamoto Copper Company (KCC) arbeite mit der dortigen Gemeinschaft und Organisationen, "um illegale Bergbauaktivitäten im Rahmen der Konzession zu verhindern", heißt es in der Stellungnahme. Auch Glencores Tilwezembe-Konzession sei "seit 2011 von handwerklich tätigen Bergleuten überrannt". Der Konzern habe aber seit 2011 "keinen Zugang zu der Konzession und ist weder operativ noch kommerziell daran beteiligt".

Bessere Kontrollen

Philip Schütte von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) sieht es nicht als Lösung an, Minen in der DR Kongo generell zu meiden - stattdessen müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden: "Es gibt zum Beispiel OECD-Standards zu Sorgfaltspflichten in der Lieferkette. Dort werden Mindeststandards definiert, wie der Verzicht auf schwerste Formen der Kinderarbeit", sagte Schütte dem SPIEGEL kürzlich im Interview. "Auch die illegale Präsenz staatlicher Dienste ist da nicht erlaubt. Wenn Unternehmen das umsetzen, dann können sie sich auch im Kongo engagieren."

BMW, BASF und Samsung hatten vor rund einem Jahr die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beauftragt, in einem Pilotprojekt in der Demokratischen Republik Kongo zu prüfen, wie sich Arbeits- und Lebensbedingungen im Kleinstbergbau verbessern lassen. Größte Herausforderung sei es, die Einhaltung von Menschenrechten, Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsstandards sicherzustellen, teilte die GIZ damals mit. Das komplett privat finanzierte Projekt konzentriert sich auf eine Pilotmine. Sollte das auf drei Jahre angelegte Projekt erfolgreich sein, könnten die erprobten Ansätze auf weitere Minen übertragen werden.

sop/AFP