Lebensdauer smarter Gadgets Und plötzlich ist das Gerät unbrauchbar

Schicke Smartwatch, ferngesteuertes Türschloss, lernende Lampe: Wenn die Hersteller den Software-Support einstellen, werden einst intelligente Gadgets zu Elektroschrott. Welche Rechte haben Verbraucher?
Osram-App: Ab September keine Updates mehr für smarte Lampen

Osram-App: Ab September keine Updates mehr für smarte Lampen

Foto: Osram

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Osram macht das Licht aus: Nach knapp sieben Jahren beendet der Leuchtmittelhersteller den Support für die Smart-Home-Plattform der Lightify-Serie. Die smarten Lampen lassen sich künftig nicht mehr von unterwegs mit dem Smartphone bedienen oder mit Sprachassistenten wie Alexa oder Google Home steuern. Für die Lightify-Software soll es keine Updates mehr geben.

Das System ist einfach zu alt. Das bekennt der Hersteller auf seiner Website . Die Reaktionszeit sei verglichen mit den Plattformen der Konkurrenz zu gering, die Schnittstellen veraltet und das System lasse sich nicht zuverlässig mit anderen Smart-Home-Produkten koppeln. Für Besitzer der Produkte ist das bitter: Ohne Onlinefunktionen sind die teuren Leuchtmittel nicht viel smarter als klassische Glühbirnen: Sie lassen sich ein- und ausschalten.

Dieses Problem trifft längst nicht nur Lampenkäufer. Denn wenn der Software-Support endet oder Server abgeschaltet werden, verwandeln sich Smartwatches, Fitnesstracker und Smartphones rasch in teure Türstopper. Ohne Apps und Rechenzentren sind viele smarte Produkte nur noch Elektroschrott.

Entschädigung für enttäuschte Kunden

Manchmal liegt es schlicht an der Willkür der Hersteller. Belkin etwa verwandelte im vergangenen Jahr seine Webcams in Plastikmüll, indem der Smart-Home-Anbieter deren Verbindung zu seinen Cloud-Servern kappte. Damit konnten Besitzer dieser Kameras nicht mehr auf deren Videostream zugreifen. Die Geräte wurden nutz- und wertlos. Vier Jahre zuvor hatte Google die Nutzerinnen und Nutzer der Smart-Home-Steuergeräte von Revolv verärgert. Nach der Übernahme des Herstellers stellte der Konzern den Support für den smarten Netzwerk-Hub ein.

Belkin und Google bemühten sich anschließend darum, die Kunden zu besänftigen. Belkin bot an, dass in einem bestimmten Zeitraum gekaufte Geräte zurückgeschickt werden konnten. Google richtete eine Kontaktadresse für enttäuschte Kunden an und entschied je nach Einzelfall, ob diese entschädigt wurden .

Auch das Aus des Fitnessarmbands Pebble traf dessen Nutzer überraschend. Bei einer enorm erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne im Jahr 2012 hatten die Entwickler rund zehn Millionen Dollar eingesammelt. Etwa zwei Millionen smarte Uhren lieferten die Gründer aus. Doch dann kam Fitbit. Das Unternehmen kaufte Pebble wegen dessen Know-How und der Software, mit der die eigenen Armbänder verbessert werden sollten. Die Pebble wurde nicht mehr unterstützt, Updates und neue Funktionen blieben aus, der App-Store wurde abgeschaltet . Die Uhr wurde kurz nach der Auslieferung unbrauchbar.

Gesetz verpflichtet Hersteller zu Updates

Um die Verbraucher vor einem Software-Stopp zu bewahren, hat der Bundestag vor zwei Monaten ein Gesetz zur Update-Pflicht verabschiedet und damit eine EU-Richtlinie umgesetzt. Vom kommenden Jahr an müssen Verkäufer gewährleisten, dass IT-Produkte langfristig nutzbar bleiben. Wie lange genau der Software-Support verpflichtend ist, geht aus dem Gesetz nicht hervor.

Laut Rechtsanwalt Hendrik Heymel gilt zunächst die klassische Gewährleistungsfrist von zwei Jahren. »Wenn digitale Inhalte versprochen werden, die beispielsweise nur mit der Cloud funktionieren, dann kann der Zeitraum auch länger sein«, sagt Heymel dem SPIEGEL. Da komme es auf die Verbrauchererwartung an. »Es wird sehr schwierig, zu bewerten, wie lange die Zeiträume für Pflicht-Updates bei Software und Cloud-Lösungen sind«, sagt der Rechtsexperte. »Im Zweifel entscheiden das die Richter.«

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Dietlinde Bleh vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) bestätigt, dass die Dauer der Update-Pflicht für ein Produkt zunächst unkonkret bleibt. »Das ist eine sehr unsichere Lage für die Käufer«, sagt die VZBV-Referentin für Recht und Handel dem SPIEGEL. Der Verband fordert, dass das Gesetz nachgebessert wird.

Die Dauer der Update-Pflicht könne an die Produktlebensdauer geknüpft werden, sagt Bleh. Außerdem solle das Risiko für den Verbraucher eine Rolle spielen. »Es macht ja einen Unterschied, ob es sich um ein Update für eine Banking-App oder eine Spieleanwendung handelt«, sagt Bleh. »Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt.«

Sicherheitslücken bleiben offen

Wenn die Geräte nach dem Ende der Softwareunterstützung nicht mehr richtig funktionieren, ist das ärgerlich. Doch es kann auch gefährliche Folgen für das gesamte Heimnetzwerk mit sich bringen, wenn derartige smarte Lampen, Küchengeräte und Kameras mit dem Internet verbunden bleiben. Wenn Sicherheitslücken nicht mehr gestopft werden, können selbst harmlose Smart-Home-Schnittstellen zur Lampensteuerung wie ZigBee zum Einfallstor für kriminelle Hacker werden  – und den Zugriff auf Daten im heimischen Netzwerk ermöglichen.

Hendrik Heymel sagt dazu: »Eine Sicherheitslücke in der Software ist ein Sachmangel.« Der Hersteller muss solche Mängel innerhalb der Gewährleistungsfrist beheben. Allerdings müsse der Käufer sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen. »Bei einem Streitwert von zehn Euro ist es fraglich, ob sich rechtliche Mittel lohnen«, sagt Heymel. Bei Datenverlust könne der Schaden zwar höher sein. Im privaten Bereich sei es aber sehr schwierig, den Schaden zu beziffern.

Kaum Chancen auf Erstattung sieht Heymel bei Unternehmenspleiten. Wenn eine Firma insolvent ist und deswegen keine Updates mehr liefere, sei kaum noch was zu holen. Es gebe zwar die Möglichkeit, seine Ansprüche für die Insolvenztabelle anzumelden. »Aber da bekommt man in der Regel eher nichts mehr«, sagt der Anwalt. Nach Abzug von Schulden und Insolvenzkosten bleibt meist nur ein Restwert von zehn Prozent der geforderten Summe oder weniger übrig.

Um treue Kunden nicht zu verprellen, versorgen die großen Elektronikkonzerne ihre Käufer meist lange über die Gewährleistung hinaus mit Updates. Wer etwa einen Windows-Rechner kauft, kann sich in der Regel darauf verlassen, dass das Betriebssystem vom Zeitpunkt der Veröffentlichung rund zehn Jahre mit Updates versorgt wird. Auch Rechner und Smartphones von Apple funktionieren etwa sieben Jahre mit aktuellen Betriebssystemen.

Update-Garantien wie bei Samsung finden sich allerdings selten: So sollen Galaxy-Produkte aus dem Jahr 2019 mindestens vier Jahre lang mit aktuellen Android-Versionen versorgt werden . Solche Ansagen traut sich kaum ein Hersteller. Denn an diese Versprechen müssen sich die Anbieter auch halten.

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